Schlaganfall : „Jetzt weiß ich, wie es ist, alt zu sein“

Auch Menschen unter 40 können einen Schlaganfall bekommen – und fallen dann häufig durch das Hilfsnetz, das Ältere auffängt. Die Kampagne „Berlin gegen den Schlaganfall“ hat sich auch an Jüngere gerichtet. Zwei Betroffene berichten.

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Kämpferin. Claudia Högner hat mit 23 Jahren einen Schlaganfall erlitten.
Kämpferin. Claudia Högner hat mit 23 Jahren einen Schlaganfall erlitten.Foto: Mike Wolff

„Na, sie laufen ja schon toll.“ Diesen Satz hat Claudia Högner nicht vergessen. Er fiel 2006, als die damals 23-Jährige nach einem Schlaganfall in der Reha trainierte. Gesagt hatte ihn eine 80-Jährige. „Ich habe der Dame geantwortet, dass sie in meinem Alter wahrscheinlich ganz normal gelaufen ist.“

Eine junge Frau und ein Schlaganfall – das passt für viele Menschen nicht zusammen. Doch nach Angaben des Berliner Schlaganfall-Registers sind zwei von hundert Patienten jünger als 40 Jahre. Claudia Högner kann inzwischen ganz ruhig über ihren Schlaganfall sprechen. Sie sitzt sehr aufrecht in einem Friedrichshainer Café und unterstreicht ihre Worte mit weichen Gesten.

2006 musste sich die Studentin operieren lassen. Ein innerer Wasserkopf war bei ihr entdeckt worden, und das Wasser drückte gegen ihr Gehirn. In einer Operation wurde ihr zwischen Kopf und Bauchraum ein sogenannter Shunt gelegt, ein Ablassventil. „Als ich wieder aufwachte, hieß es, die OP sei gut verlaufen“, erinnert sie sich. Doch zwei Tages später war plötzlich ihre Sprache weg. „Und ich habe meine rechte Seite nicht mehr gespürt.“ Die Ärzte fanden heraus, dass die OP eine Gehirnblutung und diese wiederum einen Schlaganfall ausgelöst hatte. Heute ist ihrer Sprache davon nichts mehr anzuhören, doch ihr Gefühl in der rechten Hand ist nicht mehr so stark. Außerdem zieht sie das rechte Bein nach, und manchmal hat sie epileptische Anfälle. Ihre Stimme klingt weich, nie bitter. Sie kann nicht mehr Auto fahren und auch nicht radeln. Für ihr Studium der Rehabilitations-Wissenschaften hat sie eine Studienassistentin, die für Sie Notizen macht.

Claudia Högner merkte damals schnell, dass junge Menschen mit Schlaganfall durch das Netz fallen, mit dem ältere Menschen aufgefangen werden. „Ältere bekommen die Pflegestufe und eine Rente.“ Ihr sei gesagt worden, das werde schon wieder. Gleichzeitig wurde ihre Studienfähigkeit angezweifelt. Sie stellte das Studium auf Teilzeit um. Und fiel damit aus dem Bafög-Raster. „Zum Glück hat mir das Gesundheitsamt eine Stiftung empfohlen.“ Mit dem Stipendium kann sie nun ihren Uni-Abschluss machen.

Weil sie ihre Erfahrungen gerne weitergeben möchte, machte sie vor kurzem ein Praktikum beim Servicepunkt Schlaganfall. Dort arbeitet sie heute noch ehrenamtlich. „Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, alt zu sein“, sagt die 27-Jährige. Und auch, dass nach dem Schlaganfall niemals „alles wieder gut“ werde. „Aber wenn man kämpft, dann kann man trotzdem viel von dem erreichen, was man sich vorgenommen hat.“

Auch für Tom (Name geändert) war ein Schlaganfall bis vor einem Jahr etwas, das nur älteren Menschen passiert. Doch am 9. September 2009 wachte der damals 31-Jährige mit starken Kopfschmerzen auf: „Mein Sichtfeld war zum Teil eingeschränkt.“ Er wankte zum Arzt, der ihm Reisetabletten verschrieb. Am Abend ging er ins Krankenhaus, aus dem er nach Routinetests am nächsten Morgen wieder entlassen wurde. Und auch eine spätere ambulante Magnetresonanztomographie (MRT) in einer Radiologiepraxis brachte keine Erklärung. Die bekam er erst nach dem zweiten Schlaganfall drei Wochen später, den er bewusst erlebte. „Mein Kopf fing an zu piepen.“ Er sei in Sekunden auf die Couch gesackt. „Ich konnte meine rechte Seite nicht mehr bewegen, sie zitterte vor sich hin.“ Er habe die Augen verdreht und nicht mehr sprechen können. Die Freundin rief den Notarzt. Am nächsten Tag stellten die Ärzte nach einer erneuten MRT-Untersuchung fest, dass Tom zwei Schlaganfälle erlitten hatte. Eine Ursache fanden sie jedoch nicht. Im März kam der dritte Schlaganfall, diesmal war die linke Seite gelähmt. Und die Mediziner suchten wieder nach einer Ursache – ohne Erfolg.

Eine Tagesspiegel-Telefonaktion im Mai brachte ihn auf die Idee, seine Unterlagen in der neurologischen Schlaganfallsprechstunde der Charité abzugeben. Endlich bekam er eine Erklärung: Durch einen Riss an der Innenwand einer Arterie hatte sich eine Blase gebildet, eine so genannte Dissektion, die zu den Schlaganfällen geführt hatte. Jetzt nimmt Tom einen Blutverdünner und ist gesundheitlich stabil. Bis heute ist seine Sehfähigkeit ein wenig eingeschränkt. „Ich achte jetzt mehr auf meinen Körper. Und ich bin vorsichtiger geworden.“

„Für jüngere Patienten, die sich gerade auf Studium oder Ausbildung vorbereiten, bedeutet ein Schlaganfall ein besonders einschneidendes Ereignis“, sagt Jan Sobesky, Oberarzt an der Klinik für Neurologie der Charité und Professor am Centrum für Schlaganfallforschung Berlin (CSB). „Ältere Menschen können besser damit umgehen. Andererseits haben Jüngere auch ein hohes Potential zu Rehabilitation.“ Die Charité gehörte in den vergangenen sechs Monaten zu den Initiatoren der Kampagne „Berlin gegen den Schlaganfall“, gemeinsam mit der Feuerwehr, der Schlaganfall-Allianz und dem Schlaganfall-Register. Jüngere Leute für das Thema zu sensibilisieren war ein Ziel der Kampagne. Denn sie sollten in der Lage sein, die Zeichen eines Schlaganfalls bei anderen zu erkennen, können aber auch selbst betroffen sein.

Viele gut besuchte Vorträge und Veranstaltungen, etwa ein Jazz-Konzert mit Manfred Krug, der ebenfalls schon einmal einen Schlaganfall erlitten hat, haben das Thema in die Öffentlichkeit gebracht. In Filmen und auf Plakaten wurde beschrieben, dass nach einem Schlaganfall jede Sekunde zählt, und wie man ihn erkennt: Zum Beispiel an hängenden Mundwinkeln oder der Lähmung einer Körperhälfte. Am 29. Oktober, dem Welt-Schlaganfall-Tag, geht die Kampagne mit einem großen Aktionstag zu Ende.

Informationen und das Programm unter www.berlin-schlaganfall.de

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