Gesundheit : Schlammige Straßen, wunderschön...

KATHRIN SPOERR

Man muß Rußland nicht lieben.Man muß sich nicht für Rußland interessieren.Wer aber Rußland liebt, der tut das bedingungslos.Rußland polarisiert, lauwarme Gefühle

gestattet es nicht."Nie wieder" oder "immer wieder" - so denken Menschen, die durch Rußland gereist sind.Wer dort war, erzählt von ungeheizten Häusern, von schlammigen Straßen, unberechenbaren Milizionären.Und davon, daß es wunderschön war.

Wie sehr Rußland es vermag, auch aus rationalen Studenten sehnsuchtserfüllte Romantiker zu machen, zeigte sich im September bei einem Seminar im Landjugendheim in Bonn-Röttgen.Versammelt hatten sich 19 Rußland liebende Studenten.Dreizehn von ihnen - elf Studentinnen und zwei Studenten - werden dieser Tage nach Wladiwostok oder Novosibirsk aufbrechen, um in der russischen Provinz einige Monate lang Deutschlehrer zu sein.Manche verschlägt es auch in unbekanntere Kleinstädte wie Syktyvkar, eine ehemalige Gulag-Stadt am Nordural, oder nach Jarowoje, einem Kaff an der Ostgrenze Kasachstans, einst wegen seiner Chemie(waffen)fabrik prosperierend.

Organisator dieser Studienaufenthalte und des Vorbereitungsseminars ist der Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA).Dessen Gründungsjahr, 1881, erklärt das "tum" im Namen.Der VDA ist ein gemeinnütziger Verein, der, ähnlich dem Goethe-Institut, mit Geld aus dem Auswärtigen Amt die deutsche Sprache und Kultur im Ausland zu unterstützen hilft.Seit 1990 schickt der Verein Studenten nach Rußland und in die anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion.Sie können dort - wie die Teilnehmer dieses Seminars - als Sprachassistenten Deutsch in Schulen unterrichten oder als Journalisten an einer der zahlreichen deutschsprachigen Zeitungen arbeiten.Diese Zeitungen haben ein sehr unterschiedliches journalistisches Niveau.Sie werden zumeist von den Regierungen Rußlands, Kasachstans oder Kirgistans für die deutsche Minderheit der Länder herausgegeben.

Sechs der in Bonn versammelten Studenten hatten ihren Einsatz gerade hinter sich.Sie waren nach Bonn gekommen, um den Aufbrechenden Ratschläge für den Unterricht zu geben: etwa einige "Bravos" oder Kassetten von "Tic Tac Toe" einzupacken, die auch noch bei den größeren Schülern begehrt seien.Sie verteilten Tips und Adressen für ihre Nachfolger in Sibirien, in der kasachischen Steppe oder in den Bergen Kirgestans.Neben den Erfahrungsberichten der Rückkehrer gab es Vorträge von russischen und deutschen Kennern des Landes.

Viele der Studenten kennen Rußland von früheren Reisen und sehnen sich nach seiner Gastfreundschaft, seinen Festen, seinen Birkenhainen.Sie suchen Herausforderung, Abenteuer oder wollen ihr Russisch perfektionieren.Vor einer Schulklasse haben nur wenige unterrichtet, und genau das wird auf sie zukommen.Schüler zwischen sechs und 16 Jahren oder Studenten werden sie unterrichten.Darauf muß das Seminar vorbereiten.Und es gibt Einblick in einen Unterrichtsstil, der noch sehr am autoritären, sowjetischen Muster orientiert ist, in Landeskunde und in die Geschichte der Rußlanddeutschen, auf die die meisten während ihres Einsatzes treffen werden.

Bettina Brixa, Slawistik- und Germanistikstudentin aus Wien, ist gerade aus Oktjabrski zurückgekommen, einer nicht gerade anheimelnden Stadt, die im wesentlichen aus Plattenbauten besteht und die für russische Verhältnisse reich ist, weil es hier Erdöl gibt.Die Wienerin unterrichtete Deutsch in einer Grundschule.Das Video, das sie mitgebracht hatte, zeigte, wie in Rußland unterrichtet wird.Die Schüler sind disziplinierter, schüchterner als in Deutschland.Es wird viel auswendig gelernt.Brixa hat diesen Stil nicht aufzubrechen, aber zu lockern versucht.Das Video zeigt auch, wie und wo Brixa lebte und wie Kollegen und Gasteltern sich um sie kümmerten.Brixa war "Pionier", das heißt, sie war die erste Sprachassistentin, die an diesen Ort geschickt wurde.Kein guter Eindruck eines Vorgängers mußte bestätigt, kein schlechter ausgebügelt werden."Die meisten Menschen in dieser 100 000-Einwohner-Stadt hatten noch nie einen Ausländer gesehen." Als Ausländerin sei sie bestaunt worden - ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl.Auch Autogramme habe sie verteilen müssen.

Auch Anne Charborski kam nicht gerade aus einer Traumstadt wie Venedig zurück, obwohl der Eindruck sich aufdrängte, wenn man ihre Begeisterung hörte.Charborski war in Syktyvkar."Wunderbar" sei es gewesen in dieser grauen Stadt im Nordural, die einst Stalin für und von Zwangsarbeitern errichten ließ.Schnee bis in den April, Unterricht bei acht Grad.Schüler, die jedem Wort aufmerksam lauschten.Gasteltern, die sie bemutterten und die nur mit sanfter Gewalt davon zu überzeugen waren, daß auch deutsche Studentinnen Geschirr abwaschen können.

Wer an dem Programm teilnehmen will, muß immatrikuliert sein, etwas Russisch sprechen.Auch Unterrichtserfahrungen verlangt der VDA.Es genügt aber schon, Nachhilfeunterricht erteilt oder als Tutor an der Uni gejobbt zu haben.Für den Einsatz zahlt der VDA 1800 Mark monatlich.In den meisten Städten, vor allem in der Provinz, kommt man damit gut über die Runden.Für manche war der Einsatz Einstieg in den Beruf, nach vielen vergeblichen Bewerbungen zuvor.Bewerber, die Rußlanderfahrungen vorweisen können, imponieren vielen Arbeitgebern.Wer sich in diesem Land durchbeiße, schaffe es überall - das ist die gängige und nicht ganz falsche Vorstellung.So bekam Anne Charborski einen Vertrag als Deutschlehrerin in Australien.Ein Jungjournalist bekam nach einem knappen halben Jahr bei einer deutschsprachigen Zeitung in Sibirien eine Stelle als Redakteur.

Der VDA schickt zweimal im Jahr Sprachassistenten und das ganze Jahr über Jungjournalisten in die Staaten der ehemaligen Sowjetunion.Bewerber müssen eingeschrieben sein.Die Bewerbungsfrist für den nächsten Durchgang endet am 15.November.Nähere Informationen unter: 02241 / 21 071.

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