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Bibliotheken wollen den Lesern neue Wege durch den Bücherdschungel bahnen

Tina Rohowski

Für Forscher aus dem Ausland ist es gar nicht so einfach, eine deutsche Bibliothek zu benutzen: Wie finde ich das richtige Buch? Welches ist das passende Schlagwort zu meinem Thema? Und welche Wissensgebiete unterscheiden die Bibliotheken? Doch die Literatursuche in deutschen Katalogen soll in den nächsten Jahren einfacher werden. Denn die Deutsche Nationalbibliographie sowie zahlreiche Bibliotheken bundesweit erfassen künftig ihre Bestände nach der international dominierenden Dewey-Dezimalklassifikation (DDC).

Die „Dewey“ geht zurück auf Melvil Dewey, der das System 1876 entwickelte – mit dem Anspruch, das gesamte Wissen der Menschheit zu erfassen und zu ordnen. Dieses wird in der DDC zunächst in zehn große Wissensgebiete unterteilt. Jedes davon erhält eine Ziffer zwischen 0 und 9. So steht die 2 etwa für das Themenfeld „Religion“, während die 8 dem Gebiet „Geografie und Geschichte“ zugeordnet ist. Mit dieser Ziffer beginnt dann die mindestens dreistellige Notation eines Buches zum entsprechenden Thema. Jede weitere Nummer fächert das Wissensgebiet weiter auf. Zum Beispiel bedeutet die Kombination „270“, dass es sich um ein Werk zur „Geschichte des Christentums“ handelt. Auf der nächsten Ebene wird das Wissen wieder spezieller: „276“ steht für die „Geschichte des Christentums in Afrika“.

Theoretisch können beliebig viele Nummern angehängt werden, um die Verästelungen eines Wissensgebietes genau zu erfassen und eine Medieneinheit exakt zuzuordnen. „Mit Dewey kann man sehr viel Literatur in kleine Portionen packen“, sagt Ulrich Naumann, der die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin leitet. Die Unibibliothek zeigt jetzt eine Ausstellung zum neuen System, das an der FU bereits vom John-F.-Kennedy-Institut genutzt wird.

Die DDC wird regelmäßig aktualisiert und an neue Entwicklungen in der Forschung angepasst: Alle sieben Jahre erscheint eine überarbeitete Fassung. In den Vereinigten Staaten erschließen fast alle öffentlichen Bibliotheken und auch die Schulbüchereien ihre Literatur nach Deweys System. Viele Benutzer, selbst solche im Kindesalter, kennen die DDC und wissen, was ihre Ziffern bedeuten. Da die Dewey in vielen Bibliotheken zugleich als „Aufstellungssystematik“ dient, steht hier ein bestimmtes Buch immer am gleichen Platz.

In Deutschland fand die Dewey erst Ende der 1990er Jahre vermehrt Unterstützung und man plante, die DDC auch hierzulande einzusetzen. Problematisch war daran: Die Klassifikation lag damals in Englisch sowie in dreißig weiteren Sprachen vor – nicht aber auf Deutsch. Einige Jahre dauerte die Übersetzung im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes. Nun verbreitet sich das System auch in deutschen Bibliotheken. „Wahrscheinlich wird sich die Dewey in Europa durchsetzen,“ sagt Dörte Braune-Egloff, Mitglied der DDC-Expertengruppe der Deutschen Nationalbibliothek.

Forscher und Bibliotheksbenutzer aus dem Ausland müssten sich dann nicht mehr umgewöhnen. Andererseits werde auch deutschen Forschern, die in den Beständen ausländischer Bibliotheken Literatur suchen, die Arbeit erleichtert. Fremddaten, etwa aus der Library of Congress in Washington/D.C., könnten nun auch aus deutschen Katalogen abgerufen werden, die nach der Dewey systematisieren. „Es ist der Schritt in die Internationalität“, sagt Braune-Egloff. „Unser Ziel ist es, irgendwann alle DDC-erschlossenen Medien weltweit recherchieren können.“

Zudem sei vorstellbar, dass die Dewey künftig als „Dach“ dient für alle deutschen Bestände, die bislang auf sehr heterogene Weise erschlossen sind. Wirklich nutzen können die Bibliotheksbesucher diese Vorteile aber erst in mehreren Jahren: „Die Sacherschließung einer Bibliothek umstellen – das dauert seine Zeit“, sagt Braune-Egloff.

Die Ausstellung „Die Dewey-Klassifikation und der deutschsprachige Raum“ ist bis zum 9. März immer Montag bis Freitag von 9 bis 20 Uhr in der FU-Bibliothek, Garystr. 39, in Dahlem zu sehen.

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