Gesundheit : Schleicht sich Sars wieder an?

In Südchina ist ein weiterer Verdachtsfall aufgetreten – Hamburger Tropenmediziner halten eine neue Epidemie aber für nicht wahrscheinlich

Gideon Heimann

Die bereits seit dem vergangenen Sommer als weitgehend eingedämmt betrachtete Gefahr des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (Sars) droht offenbar immer noch. Wie kurz gemeldet, ist in Südchina ein erneuter Verdachtsfall aufgetreten. Ob es allerdings wiederum zu einer weltweiten Ausbreitung der Erkrankung kommt, ist fraglich. Gerd Burchard, Leiter der Klinischen Abteilung am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg sieht derzeit noch keine Anzeichen für eine neue Epidemie. Schließlich sei der neue Verdachtsfall noch nicht nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt worden.

Der 32-jährige Patient, ein freier Mitarbeiter des Fernsehens der Südprovinz Guangdong, war am 16. Dezember mit Symptomen einer Lungenentzündung im Krankenhaus von Kanton aufgenommen worden. Agenturberichten zufolge befindet er sich jetzt in einem stabilen Zustand, den Ärzten soll es gelungen sein, das Fieber zu senken.

Bald nach dem ersten Aufflackern der Lungenkrankheit im November vergangenen Jahres hatte die Weltgesundheitsorganisation einen Katalog von Maßnahmen und Verhaltensweisen empfohlen. Dazu gehört, dass der Befund in einem Referenzlabor untersucht werden muss – erst bei einem „positiven“ Bericht dieser Gegenprüfung gilt der Fall als bestätigt. Besondere Aufmerksamkeit gilt aber sofort auch den Kontaktpersonen des Betroffenen. Finden sich hier keine Hinweise auf eine Ansteckung, kann das Risiko einer größeren Ausbreitung als gering eingestuft werden.

Nachweis in wenigen Stunden

Der Nachweis einer Erkrankung ist inzwischen vergleichsweise einfach: Virologen des Bernhard-Nocht-Instituts war es gelungen, einen molekularbiologischen Test zu entwickeln. „Innerhalb weniger Stunden liegt in den meisten Fällen ein eindeutiges Ergebnis vor“, sagt Burchard. Alle Referenzlaboratorien, also auch das in Hongkong, verfügen über Materialien für solche Tests. Der Hamburger Chefmediziner hat aber noch keine Informationen über das Prüfergebnis erhalten.

Kann man also die Gefahr einer erneuten – weltweiten – Ausbreitung des Sars–Erregers ausschließen? „Nicht völlig“, sagt Burchard, „wir arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten.“ Es komme nun darauf an, ob sich zum Beispiel in benachbarten Krankenhäusern die Zahl der Lungenentzündungen häuft, bei denen zunächst kein üblicher Erreger zu finden ist. Auch dies ist nach den WHO-Kriterien ein meldepflichtiges Alarmsignal.

Genau das erste, eher unscheinbare Auftreten aber macht die Krankheit so gefährlich. Sie erscheint anfangs als Erkältung oder schwerere Grippe. Nach einer Inkubationszeit von höchstens zehn Tagen verspürt der Patient dann Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und leidet unter trockenem Husten. Erst dann entwickelt sich die schwere Lungenentzündung. Weltweit hatten sich mehr als 8000 Menschen an Sars infiziert, 916 davon starben. Betroffen sind vorwiegend ältere und geschwächte Menschen.

Forscher der Universität von Toronto erkannten an Reihenuntersuchungen, dass Kinder offenbar nicht so ernsthaft auf die Ansteckung reagieren. Die Symptome sind leichter als bei Erwachsenen, die Röntgenbilder der Lungen sowie die Laborwerte nicht so auffällig. Das wiederum birgt allerdings die Gefahr, dass die Krankheit bei Kindern möglicherweise leichter übersehen wird.

Impfstoffe gegen das Virus gibt es derzeit noch nicht, aber allenthalben wird daran gearbeitet, vor allem in den USA, in Kanada und China. Vermutlich wird es jedoch bis Ende des Jahres 2004 dauern, bis entsprechende Präparate am Menschen eingesetzt werden können.

Auf die Frage, wie der wegen seiner spitzen Krone „Coronavirus“ genannte Erreger auf den Menschen übergesprungen ist, kann die Wissenschaft noch keine eindeutige Antwort geben. Ziemlich sicher jedoch ist, dass er von Wildtieren stammt, die in China obenan auf dem Speisezettel stehen. Unter besonderem Verdacht ist die Schleichkatze Paguma larvata, der „Larvenroller“ – in Deutschland auch „Zibetkatze“ genannt. Viren aus diesen Tieren wurden mit denen aus Sars-Patienten verglichen – es zeigten sich nur geringfügige Unterschiede.

Zwar hatte die chinesische Regierung im April dieses Jahres zunächst den Handel und den Verzehr von 54 Wildtierarten untersagt, doch wurde das Verbot für 40 Arten schon im August wieder aufgehoben – darunter befand sich auch die Schleichkatze.

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