Gesundheit : "Schlimmer hätte es nicht kommen können"

Bärbel Schubert

Mit Entsetzen haben Eltern, Politiker und Verbände auf die schlechten deutschen Ergebnisse der Schulleistungs-Untersuchung Pisa reagiert. "Schlimmer hätte es nicht kommen können", meinte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun. Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt sprach von einer "neuen Bildungskatastrophe". Die Vorsitzende des Bundeselternrates, Renate Hendricks, sieht bestätigt, dass in Deutschland sowohl Jugendliche mit schlechten Startchancen wie auch besonders Begabte zu wenig Förderung bekommen. "Alle müssen gemeinsam so schnell wie möglich zu konkreten Veränderungen kommen", sagte Hendricks dem "Tagesspiegel".

Deutschlands Schüler hatten beim weltweit größten Schulleistungstest Pisa (Programme for International Student Assessment) miserabel abgeschnitten, wie am Wochenende bekannt wurde. Im Vergleich von 32 Industrienationen landete die Bundesrepublik in allen drei Leistungskategorien - Lesen, Rechnen und Naturwissenschaft - auf einem der hinteren Plätze. Spitzenreiter sind Finnland, Korea, Kanada, Japan und Australien. Die Studie soll am Dienstag in Berlin offiziell vorgestellt werden.

Noch nie hat nach Einschätzung von Experten eine Untersuchung so klar die inneren Schwächen des deutschen Schulsystems gezeigt wie Pisa. In keinem anderen Industriestaat ist der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. Auch sind die deutschen Schulen Weltmeister bei der Selektion ihrer Schüler.

Besonders erschreckend für die Experten: Mehr als jeder fünfte Schüler in Deutschland erreicht beim Lesen nur die niedrigste Leistungsstufe. Diese Jugendlichen können komplexe Texte nicht sicher lesen. Zu den Aufgaben gehörte es, Fahrpläne und Gebrauchsanleitungen zu verstehen. Die meisten dieser Jugendlichen kommen aus Migrantenfamilien. Doch auch fast die Hälfte der Jugendlichen aus sozial schwachen, deutschsprachigen Elternhäusern erreicht die Mindeststandards nicht. In diesem Testteil waren nur die Schüler aus Lettland, Mexiko und Brasilien schlechter als die Deutschen. Ähnlich schnitten die Deutschen auch bei den anderen Testteilen ab. Getestet wurden 15-jährige Jugendliche.

Doch das deutsche Schulsystem bringt nicht nur besonders viele schwache Schüler hervor. Auch die Leistungsstärksten blieben unter dem Durchschnitt. Für sie fehlt es an Förderung. Zudem erreichen auch erheblich weniger deutsche Jugendliche die Spitze als beispielsweise die Japaner.

Nun fordert DIHK-Präsident Braun einen "breiten gesellschaftlichen Konsens, um die Misere an unseren Schulen zu beheben". Die deutsche Wirtschaft biete sich als Partner an. "Unsere wichtigste Ressource, um den Standort Deutschland international wettbewerbsfähig zu halten, sind unsere Schulen und Hochschulen. Wenn die Schulen noch nicht einmal in der Lage sind, ausreichende Grundfertigkeiten im Lesen zu vermitteln, müssen wir endlich umdenken."

Streit in der Kultusministerkonferenz

Nach Tagesspiegel-Informationen hat es innerhalb der Kultusministerkonferenz (KMK) wegen der Pisa-Ergebnisse und möglicher Konsequenzen Dispute gegeben. Auch droht neuer Bund-Länder-Streit um die Zuständigkeiten in der Bildung. FDP-Chef Guido Westerwelle forderte in der "Welt am Sonntag" die Entmachtung der "schnarchnasigen Einrichtung", gemeint ist die KMK.

Auftrieb für die Befürchtungen in der KMK sind mögliche Koalitionen von SPD und FDP im Bund wie auch im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen, wo der frühere Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann (FDP) auf mehr Einfluss drängt. In Berlin treffen die Pisa-Ergebnisse mit ihren Hinweisen auf die nachteiligen Folgen einer frühen Entscheidung über die Schullaufbahn mit den Koalitionsverhandlungen zusammen. Hier drängt die FDP auf eine frühere Einschulung am Gymnasium schon in der fünften Klasse. Dieser frühe Übergang gilt aber international als überholt.

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