Gesundheit : Schloss Augustusburg: Ein Himmel für den Hausherrn

Bernhard Schulz

Heute vor 300 Jahren wurde er geboren, zu Beginn eines neuen Jahrhunderts, doch nicht einer neuen Epoche. Im Gegenteil, Clemens August aus dem Hause Wittelsbach setzte die Politik fort, die im Europa des barocken 17. Jahrhunderts üblich war. Als Sohn des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel, der dem Haus Wittelsbach unbedingt eine Großmachtrolle verschaffen wollte (und damit erfolglos blieb), schlug Clemens August eine geistliche Laufbahn ein. Was zu seiner Zeit bedeutete, dass der Vater ihm eine Position nach der anderen besorgte. So kam der Jüngling schon im Alter von 16 Jahren zu seiner ersten Bischofswürde. Die Priesterweihe, die der Papst später anmahnte, bevor er eine weitere Bischofswahl genehmigen wollte, ließ der Ämtersammler aber nur widerstrebend auf väterlichen Druck über sich ergehen.

Insgesamt wohl anderthalb Millionen Gulden setzte der Vater ein, das entsprach - zum Vergleich - 40 Prozent der jährlichen Steuereinnahmen Bayerns. Gleichwohl war es gut angelegtes Geld, denn Clemens August wurde zum monsieur de cinq églises, wie Zeitgenosse Friedrich der Große spottete, da er schließlich fünf hochwürdige Hüte trug, darunter als wertvollsten den des Erzbischofs von Köln. Als Bischof fernerhin von Paderborn, Münster, Hildesheim und Osnabrück regierte er ein mehr oder weniger zusammenhängendes rheinisch-westfälisches Territorium, wie es erst Preußen nach den Gebietsgewinnen von 1815 wieder zu Gebote stand - und wie es in eigener Staatlichkeit erst in der britischen Nachkriegsschöpfung Nordrhein-Westfalens wiederkehren sollte.

Der Kölner Kardinalshut als wichtigste Würde war seit jeher verbunden mit der Kurfürstenwürde im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, also der Berechtigung zur Wahl des Kaisers. Diesen Titel hätte der väterliche Großmachtaspirant auf dem Thron der bayerischen Wittelsbacher schon gerne errungen. Nach dessen Tod bemühte sich der Sohn Karl Albrecht, Clemens Augusts Bruder, weiter um die Kaiserkrone. Tatsächlich sollte er den heiß begehrten Titel 1742 erringen - nur, um erneut und endgültig an den Habsburgern zu scheitern. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lustschloss bei Bonn

So könnte man weitererzählen aus der endlosen Geschichte der europäischen Kabinettskriege des 17. und 18. Jahrhunderts. Allerdings würde man dabei Clemens August aus dem Auge verlieren, der sich bemerkenswert klug aus solchen Händeln herauszuhalten wusste. Er saß also in Köln, das heißt, nicht genau dort: Im "Heiligen Köln" residierte er natürlich nicht, weil sich die kölnische Bürgerschaft bereits im Mittelalter der geistlichen Oberhoheit entledigt hatte; Clemens August hatte Bonn zur Verfügung und ließ sich unweit davon ein zauberhaftes Schloss, ein veritables Lustschloss namens Augustusburg errichten.

Das kennt der Fernsehzuschauer von den Empfängen, die die Bundesregierung dort in früheren Jahren zu geben pflegte: eine hübsche Kulisse für Zeremonielles, wie sie im Bürgerstädtchen Bonn nicht zur Verfügung stand. Der Kölner hingegen schätzt "Schloss Brühl", wie man am Rhein sagt, als Ausflugsziel für den Sonntagsspaziergang. Derzeit fällt der Spaziergang etwas bildungsbürgerlicher aus, denn es gibt dort eine groß angelegte Ausstellung zu sehen über "Clemens August und seine Epoche", die den neugierig machenden Haupttitel trägt, "Der Riss im Himmel". Mit dem Riss ist wohl der Gegensatz zwischen höfischem Luxus und dem Alltag der "einfachen" Leute gemeint, denn als politisch korrektes Unternehmen blenden Ausstellung und Katalog diesen, aus heutiger Sicht unvorstellbar großen Gegensatz nicht aus. So kommt der Betrachter unter den 36 Kapiteln der Ausstellung auch zu Einsichten über das Leben der Bauern, über Handwerk und Bürgertum, ja, es scheint überhaupt der Ehrgeiz der Veranstalter zu sein, ein kulturhistorisches Panorama des 18. Jahrhunderts zu entfalten.

Ob ausgerechnet Schloss Augustusburg dafür den rechten Rahmen abgibt, darf füglich verneint werden. Handelt es sich doch um eine der zauberhaftesten Schöpfungen des Rokoko; und zwar nicht des bei aller Pracht denn doch eher feinen Rokoko von Sanssouci, sondern der verschwenderischen süddeutschen Variante. Aus dem Süden kamen die Baumeister für Brühl, der bayerische Hofarchitekt François de Cuvilliés samt Gartengestalter Dominique Girard sowie Balthasar Neumann. Drei teure Namen. Neumann ließ seiner grandiosen Treppenanlage der Würzburger Residenz die kleinere, feinere und die beschränkteren räumlichen Möglichkeiten souverän überspielende Treppe von Schloss Augustusburg folgen. Die Fertigstellung erlebte Clemens August allerdings nicht mehr. Er verstarb 1761, und im Rheinland geht die Mär, der vorzeitige Tod sei dem allzu ausgiebig gefeierten Karneval jenes Jahres zuzuschreiben.

So ist das Schloss trotz der thematischen Ausrichtung der Ausstellung ihr eigentlichs Hauptstück, und darin wiederum die doppelläufige Treppe mit dem verschwenderisch eingesetzten, vielfarbigen Stuckmarmor. Über ihr wölbt sich ein Deckenfresko von Carlo Carlone, das den Hausherrn buchstäblich in den Himmel hebt. Die Großherzigkeit des Kurfürsten wird gepriesen, und die Posaunen der Engel künden seinen Ruhm. Von der Pracht der Gemächer im Piano nobile bekommt der Besucher allerdings wenig zu sehen. Hier wie auch im zweiten Geschoss regiert die Ausstellungsarchitektur, die den Platz für die zahllosen Gemälde, Festgewänder, Schmuck- und Dekorationsobjekte dieses absolutistischen und doch rheinisch gemäßigten Herrschers bereit stellt. Und eben auch für die ganze Geschichte von Politik und Gesellschaft, die als Rahmen und Kontrapunkt dargestellt wird.

Jagdschloss für den Falkner

So mag sich der von der Ausstellungsinszenierung streckenweise überwältigte Besucher in den französisch getrimmten Park flüchten und durch ein anschließendes Waldstück zum Jagdschloss Falkenlust. Dieses baukünstlerische Gesamtkunstwerk en miniature diente, wie der Name verrät, der falknerischen Leidenschaft des Kurfürsten. Cuvilliés hat es als intimes Schlösschen gestaltet, und es ist, anders als Augustusburg, leidlich heil durch die Zeiten gekommen. Vor allem das einzigartige, vollständig mit blauen, bemalten holländischen Kacheln ausgekleidete Treppenhaus.

Der kurkölnische Hof war gewiss nicht der prächtigste im deutschen Reich, von Europa ganz zu schweigen. Wie wechselhaft die Geschicke sein konnten, stand Clemens August vor Augen, als er 1723 seine Lieblingsresidenz auf den Trümmern des von den Franzosen zerstörten Vorgängerbaus zu planen begann. Die europäische Politik wurde anderswo gemacht, im Dreieck zwischen Frankreich, Preußen und Habsburg. Dem vorsichtigen Clemens August gelang es jedoch, sich immer auf der richtigen Seite zu halten, nämlich auf der, die das Rheinland aus Krieg und Besetzung heraushielt. Für ein Panorama des 18. Jahrhunderts, das das Ende des Absolutismus und die Ausbreitung der Aufklärung sah, ist Schloss Brühl ein wenig zu peripher. Aber es ist gerade richtig, um Politik und Prachtentfaltung eines barocken Hofes in allen sinnenfreudigen Facetten zu vergegenwärtigen.

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