Gesundheit : Schlürfen oder Schneiden?

FRANZ WEGENER

So schnell sind bisher wohl nur wenige die Karriereleiter hinaufgefallen: Mittags noch einer von vielen schlangestehenden Studenten in der Massen-Mensa, abends schon als Geschäftsführer eines jungen aufstrebenden Finanzdienstleisters beim Diner im Hotel Hilton. Und ein solcher sollte sich in Gesellschaft zu benehmen wissen. Keine drei Minuten sind verstrichen, als sich manche beim Sektempfang schon in arger Bedrängnis sehen: Hätte der Geschäftsführer in der Runde nicht erst die Prokuristin und anschließend Herrn Kühn vorstellen sollen? Oder zuerst den neuen Mitarbeiter mit dem auffälligen leuchtendgelben Klebepunkt auf dem Revers? Und überhaupt: Wie das Sektglas halten? Was dereinst Adolph Freiherr von Knigge "Über den Umgang mit Menschen" zu empfehlen wußte, das wollte die Studentenvereinigung AIESEC am Donnerstagabend auch der heutigen jungen Generation nahebringen. Vier Stunden hatte Prinzessin Feodora zu Hohenlohe-Oehringen Zeit, den dreißig aufstrebenden Jungdynamikern Manieren beizubringen. 100 Mark kostete die Studenten die Teilnahme an dem "Pretty-Woman-Crash-Kurs für ein erfolgreiches Geschäftsessen".

Neben dunklen Jacketts und dunklen Krawatten bei den Herren sowie ebenso dezenter Kleidung bei den Damen bestimmen ernste Gesichter mit gespannten Blicken zur Referentin das Bild. In Stichworten auf dem Flip-Chart-Bord sieht die Etikette noch ganz überschaubar aus. Aber da sind ja noch die vielen bunten Klebepunkte allüberall. Für die fünf Herren Schmidt des heutigen Abends, mit der auffälligen leuchtendgelben Markierung am Revers, gilt: "Sie sind der neue Mitarbeiter in der Firma, acht Wochen dabei, und haben ein halbes Jahr Probezeit. Sie wissen: Die freundliche Einladung Ihres Chefs zum Abendessen ist eine Pflichtübung."

Aber auch für die fünf Herren Meyer, die ein roter rechteckiger Papierschnipsel zu Firmenchefs hat aufsteigen lassen, ist die Rolle nicht ganz leicht zu meistern. Tragen sie doch mit ihrer Position die Verantwortung für das Wohlbefinden der Ehefrau, der Prokuristin, des Personalleiters und jenes sonderbaren Herrn Kühn mit dem schwarzen Punkt am Kragen, der in Südafrika Großwildjäger sein will. Und während mancher in diesem ersten Rollenspiel-Level noch etwas nervös in den perlenden Sekt schaut, scheinen die Hilton-Mitarbeiter Gefallen an der Übung zu finden - aus einem Seitengang lugt gelegentlich ein vergnügtes Lächeln zu uns herüber.



Schon serviert der freundliche junge Kellner mit der schwarzen Fliege das erste klassische Problemfeld: frischen weißen und grünen Spargel, fünf fingerlange Stangen. Muß der nicht in Gänze geschlürft werden? Doch die Zeiten dunkel anlaufenden Bestecks sind vorbei und das Gemüse in mundgerechte Stückchen zu schneiden, sei durchaus legitim, weiß die Prinzessin. Und doch: Fragende Blicke wechseln über den runden Tisch hinweg. Man benutze das Besteck von außen nach innen - das ist allseits bekannt aus dem Film "Pretty Women". Aber ist es dabei Sache des Herrn mit dem roten Rechteck, die Initiative des ersten Happens zu ergreifen, oder bleibt dies seiner Frau, zu seiner Rechten sitzend, überlassen? Letzteres. Allerdings schweigend, denn ein "Guten Appetit" oder gar "Mahlzeit" sollte man besser in der Mensa lassen.

Auch beim zweiten Gang möge die "Dame des Hauses" beginnen. Sie zeigt guten Willen - doch unschlüssig kreisen Messer und Gabel über der knusprig gebratenen Maispoulardenbrust, suchen den geeigneten Ansatzpunkt. Da scheint das feine Kartoffelgratin auf den ersten Blick weniger Schwierigkeiten aufzuwerfen, doch halt! Kaum will das Messer ansetzen, erinnere man sich daran, daß man Kartoffeln nicht schneidet, sondern mit der Gabel zerkleinert. Aber wie halten wir es mit dem Gratin? Die Fachfrau weiß: Richtiges Instrument ist auch hier die Gabel.

Die adlige Referentin ist inzwischen zur Hochform aufgelaufen. Mit Begeisterung erzählt sie von den vielen kleinen Gemeinheiten, die einem im Laufe eines feierlichen Abends in besserer Gesellschaft begegnen können, wie zum Beispiel steckenbleibende Gräten. Wie ist mit Muscheln und Schnecken zu verfahren, wie mit Spareribs? Vom Einnehmen der richtigen Haltung berichtet sie und klärt auch die Frage, wie das Besteck zum Schluß beiseite zu legen ist. Wer soviele Details auf einmal im Hinterkopf behalten muß, dem fällt das Essen plötzlich merklich schwerer, und mißtrauisch beobachtet das eigene Auge jeden Handgriff. Und nachdem die Prinzessin von Tisch zu Tisch durch den Saal schreitend auch noch das Thema der "korrekten Anrede" diskutiert hat, gerät auch die Unterhaltung kurz ins Stocken. Doch eines sollten die Teilnehmer nicht vergessen: Ein gesellschaftlicher Anlaß sei eben "immer auch eine gute Show" - da sollte man erst einen Blick nach Österreich werfen! "Schauen Sie doch, wieviel Theatralik und Komik in der Sache steckt", beruhigt uns die Referentin.

Da ist die Stimmung zum Dessert schon viel gelöster. Und weil man beim Waldmeistermousse mit karamelisiertem Strudelblatt auf einem Bett von marinierten Erdbeeren nicht viel falsch machen kann, bleibt sogar ein wenig geistige Kapazität für eine entspanntere Unterhaltung mit den Tischnachbarn, die in Wirklichkeit noch einen weiten Weg durch die Uni zu den Positionen vor sich haben, die sie schon einmal zur Probe einnehmen durften.

Am Ende des sittlichen Reifungsprozesses dieses Abends seien die Teilnehmer allerdings eindringlich vor einem allzu durchschlagenden Erfolg gewarnt: "Niemand ist perfekt, jeder macht Fehler." Man stelle sich doch einmal einen Menschen vor, der - aalglatt, unangreifbar - nicht die geringste Reibungsfläche biete, nie auch nur einen einzigen Fehler mache. "Grrrr . . ." - Schaudern ergreift die Prinzessin. Kleine Unsicherheiten machen auch sympathisch. "Im Grunde kommt es nur darauf an, sein Gegenüber zu achten und mit Würde zu begegnen. Jeder Mensch möchte einfach als solcher wahrgenommen werden."

Daß sich bald durchschlagender Erfolg beim Auftritt in höchsten gesellschaftlichen Schichten einstellen müßte, wird dann noch ordentlich zertifiziert mit einer Urkunde, auf der die adlige Unterschrift für Qualität bürgt. "Mit so einem Schein kann man zwar zu keiner Prüfung an der Uni antreten, aber vielleicht immerhin bei den Eltern der Zukünftigen", meint ein Seminarteilnehmer. Wenn das kein Erfolg wäre!

0 Kommentare

Neuester Kommentar