Gesundheit : Schlummernde Gefahr

Das Virus lebt in Wildvögeln weiter. Bald könnte es auch in Deutschland wieder ausbrechen

Dagny Lüdemann

Es scheint, als sei die Vogelgrippe aus Deutschland verschwunden. Mit Ausnahme eines Schwans, der Anfang August im Dresdner Zoo an einer H5N1-Infektion gestorben war, hat es in der Bundesrepublik seit Mai keinen Vogelgrippefall mehr gegeben. Doch das Virus schlummert in wilden Vögeln – davon sind die Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit auf der Ostseeinsel Riems überzeugt.

„Wir gehen davon aus, dass das Virus in der Wildvogelpopulation noch da ist“, sagte Institutssprecherin Elke Reinking. Ein erneuter Ausbruch der Tierseuche in Deutschland sei jederzeit möglich. Gerade zur kalten Jahreszeit hält sich das für die aviäre Influenza verantwortliche Virus lange im Kot und im Nasensekret von Wasservögeln.

In Asien sterben weiterhin Menschen an der Infektion mit dem Vogelgrippe-Erreger H5N1. Erst am vergangenen Montag erlag ein Kleinkind in Indonesien der schweren Krankheit. Der zweijährige Junge aus der Provinz West Java ist der weltweit 152. Vogelgrippe-Tote seit 2003. Auch eine 35-jährige Indonesierin ist infiziert. Alle 258 Personen, die sich innerhalb der letzten drei Jahre infiziert haben, steckten sich allerdings direkt bei Geflügel an, zu dem sie engen Kontakt hatten. Von Mensch zu Mensch ist H5N1 bisher nicht übertragbar.

Jetzt ist es Wissenschaftlern der Medical School der Universität Wisconsin in den USA gelungen, Änderungen im Erbmaterial des Virus zu identifizieren, die die Übertragung vom Vogel auf den Menschen möglich machen. Die Forscher um Yoshihiro Kawaoka verglichen das H5N1-Virus von Vogelgrippe-Patienten aus Vietnam und Thailand mit der Erregervariante in Hühnern und Enten. Dabei entdeckten die Genetiker zwei Mutationen, die es bestimmten Stämmen des Virus ermöglichen, die Rezeptoren auf menschlichen Zellen zu erkennen und dort anzudocken. Die Forschungsergebnisse, die in der aktuellen Ausgabe des britischen Fachmagazins „Nature“ (Band 444, Seite 378) erschienen sind, geben Aufschluss darüber, welche Mutationen im Erbgut eines Virus dazu führen, dass es von einer Art auf eine andere überspringen kann.

Experten zu Folge ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Vogelgrippe-Virus genetisch so verändert hat, dass Menschen sich auch gegenseitig damit anstecken können. Die Gefahr dazu besteht vor allem dann, wenn jemand mit einer herkömmlichen Grippe und gleichzeitig mit Vogelgrippe infiziert ist – denn Viren sind in der Lage, ihre genetische Information im Körper eines Organismus auszutauschen. Auf diese Weise könnte der H5N1-Erreger sich die Informationen „abgucken“, die er braucht, um von Mensch zu Mensch überzuspringen. Dies könnte eine weltweite Grippepandemie mit Millionen von Toten auslösen.

Die Forscher aus Wisconsin hoffen jetzt, anhand genetischer Änderungen des Virus vorhersagen zu können, wann sich ein solcher hochinfektiöser Stamm und damit eine Pandemie unter Menschen entwickeln wird. Dadurch hätten Gesundheitsbehörden und Impfstoffhersteller mehr Zeit, sich auf eine globale Epidemie vorzubereiten.

Zwar ist es schon heute möglich, zuverlässige Impfstoffe gegen verschiedene Stämme von Grippeviren zu entwickeln, doch dabei stehen die Wissenschaftler immer wieder vor demselben Problem: Erst wenn ein neuer Virenstamm existiert, kann er isoliert und ein dazu passender Impfstoff entwickelt werden – und das dauert mit bisherigen Methoden bis zu sechs Monate. Bislang wird der Impfstoff in befruchteten Hühnereiern produziert – wobei aus jedem Ei lediglich die Dosis gewonnen werden kann, die zur Impfung einer einzigen Person ausreicht. Im Falle einer weltweiten Epidemie unter Menschen wären also Millionen von Eiern nötig – doch gerade das könnte zum Problem werden, wenn die Vogelgrippe grassiert und auch Geflügelbestände dahinrafft.

Dem amerikanischen Pharmaunternehmen Baxter ist es gelungen, das Serum zur Impfung gegen verschiedene H5N1-Stämme in infizierten Zellkulturen zu produzieren – eine Methode, bei der man völlig ohne Hühnereier auskommt. Außerdem könne ein Impfstoff auf diese Weise „binnen zwölf Wochen nach Isolierung des neuen Virus“ produziert werden, teilte das Unternehmen mit. Die Produktion in Hühnereiern würde mindestens acht Wochen länger dauern. In Österreich und Singapur wurden die in Zellkulturen hergestellten Impfstoffe gegen bekannte Vogelgrippe-Erreger bereits erfolgreich an Menschen getestet.

Auch in Europa kämpfen Wissenschaftler intensiv gegen verschiedene Arten der Influenza. Ein internationales Projekt zur Erforschung der Vogelgrippe wird ab Januar 2007 von Virologen der Justus-Liebig-Universität in Gießen koordiniert. Im Rahmen des Euroflu-Projekts verfolgen die Forscher einen ähnlichen Ansatz wie die Wissenschaftler aus Wisconsin: Ihr Ziel ist es, die molekularen Faktoren und Mechanismen der Vogelgrippe-Übertragung zu erforschen. An dem Projekt, das von der EU-Kommission mit 1,4 Millionen Euro gefördert wird, beteiligen sich elf Einrichtungen aus Deutschland, Griechenland, der Slowakei, Spanien und Israel. Dem Gießener Virologen und Euroflu-Koordinator Stephan Pleschka zufolge, erhofft man sich neue Erkenntnisse für die Impfstoffgewinnung. Einen weiteren Schwerpunkt sieht er im Aufbau einer Kommunikationsplattform für den Austausch zwischen Politik und Forschung. Insgesamt will die EU im kommenden Jahr 28,3 Millionen Euro für die Vogelgrippe-Forschung bereitstellen.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) konzentriert sich zunehmend auf Influenza-Epidemien und deren Bekämpfung. Anfang November wählte die Organisation die frühere Hongkonger Gesundheitsministerin und Vogelgrippe-Expertin Margaret Chan zur neuen Generaldirektorin.

In Deutschland werden nach wie vor regelmäßig Vogelkadaver und lebende Vögel untersucht. Der H5N1-Erreger wurde seit seinem Auftreten in Deutschland am 15. Februar dieses Jahres bei 344 einheimischen Wildvögeln, drei Katzen und einem Steinmarder nachgewiesen. Hinzu kommen mehrere verendete Puten in einem Nutzgeflügelbestand in Sachsen. In diesem Herbst kamen aber bisher keine weiteren Fälle hinzu.

Doch noch geben Experten keine Entwarnung. Obwohl der Vogelzug seinem Ende entgegen geht, befinden sich in Deutschland noch immer Gänsearten und Kraniche auf der Durchreise zu ihren Winterquartieren. Die nächste kritische Phase steht im Winter bevor, wenn sich die ohnehin geschwächten Tiere wegen der Kälte und der wenigen freien Wasserflächen eng aneinander kauern.

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