Gesundheit : Schluss ohne Strich - Über Aleida Assmanns Arbeit

Jörg Büsche

Gegen Ende ihres Berlin-Aufenthalts geraten "Fellows" des Wissenschaftskollegs regelmäßig unter Zeitdruck. Denn es gilt Abschied zu nehmen - von den zahlreichen ausgeliehenen Bänden. Ein letzter Blick, eine eilige Notiz und der zuverlässige Bücherservice bringt die begehrten Texte in die verstreuten Bibliotheken Berlins zurück. Geradezu märchenhafte Konditionen", schwärmt Aleida Assmann, "bietet das Kolleg seinen Gästen damit an". Um so schwieriger war es, mit der Literaturwissenschaftlerin aus Konstanz einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Vom Bodensee aus liegt das Berliner Bücherparadies in weiter Ferne.

Am Bodensee lebt auch der Auslöser der intensiven Lektüre Aleida Assmanns. Als Martin Walser im vergangenen Oktober anlässlich der Friedenspreisverleihung des deutschen Buchhandels vor einem größeren Publikum seine Nöte mit den bundesrepublikanischen Gedenk-Geflogenheiten ausbreitete, stieß die Literaturwissenschaftlerin auf ihr Thema. "Wie ordnet sich", so fragt sie, "die angestoßene öffentliche Debatte in die deutsche Erinnerungslandschaft ein?"

Das Themenfeld des nationalen Gedächtnisses ist für Aleida Assmanns Arbeit kein neues Gebiet. Immer wieder widmete die Anglistik-Professorin ihr wissenschaftliches Augenmerk solchen Textformationen, die in einer Gesellschaft kulturelle Identität transportieren. Schriften, Monumente oder Bilder wirken auf den Fundus gemeinsamer Symbole. Dabei entspricht das verwendete Formrepertoire den kanonisierten Regeln eines relativ stabilen Ausdrucksinventars.

Übertragen auf die Walser-Debatte heißt dies, dass deren Schlagworte sich in einem historischen Kontext verorten lassen. Denn ebensowenig neu wie Walsers Ritualisierungsvorwurf ist auch dessen Schlussstrich-Verlangen. Der schwäbische Schriftsteller, so erläutert Aleida Assmann, griff lediglich auf jenes Vokabular zurück, das die traditionelle Gedenk-Debatte bereits an früherer Stelle formuliert hatte. Freilich variiert sie die Bedeutung ihrer Begriffe in jeder geschichtlichen Phase. Insgesamt aber zeige der historische Längsschnitt eindeutige Kontinuitätslinien.

Mit dem Walser-Projekt am Wissenschaftskolleg "wildere ich in fremden Disziplinen", räumt die Literaturwissenschaftlerin unumwunden ein. Übermäßig belastet sie das nicht. Zumal sich Frau Assmann für ihre Ausflüge auf die Terrains der Politik- und Geschichtswissenschaft der Weggefährtinnenschaft Ute Freverts versichern konnte. Die versierte Kollegin aus Konstanz ist als Sozialhistorikerin für derartige Exkursionen bestens gerüstet. Untersucht ihre Co-Autorin vor allem historische Aspekte - hier richtet sich das Augenmerk auch auf den Vergleich von Gedenkritualen in den beiden deutschen Teilstaaten -, so verfolgt Aleida Assmann einen gedächtnistheoretischen Ansatz. Neben den Problemen der medialen Vermittlung stehen da Fragen der biographischen Identität im Vordergrund.

Ein Moment kennzeichnete die Walser-Debatte außer Heftigkeit und Tonfall: die Altersgenossenschaft ihrer Protagonisten. Aleida Assmann erkennt in der Diskussion den "Nachhall jenes Traumas", das die Deutschen nach dem Krieg erschütterte. "Zuerst hatten sie gelernt wegzuschauen", so führt die Literaturwissenschaftlerin aus, "dann wurden sie plötzlich zum Hinschauen gezwungen". Und so etwas wie der von alliierter Seite erwartete "Erkenntnisruck" sei ausgeblieben. Jedenfalls bei denjenigen, die keine eigenen, individuellen Bewertungskategorien besaßen, die sich daher nur in ihrem kollektiven Selbstbild angegangen fühlten. Von solchen Mitgliedern einer "Schamkultur" wie sie Aleida Assmann im Rückgriff auf die Paradigmen der Anthropologie nennt, musste die "KZ-Pädagogik" der ersten Nachkriegszeit als kollektive Schmach empfunden werden. Walsers Diktum von der Dauerpräsentation unserer Schande ordne sich in eben diesen Ehrverletzungskontext ein.

Karl Jaspers, Dolf Sternberger, Hannah Arendt, die bekannteren Repräsentanten der Debatte um eine deutsche Kollektivschuld, trugen mit ihren Argumenten auch Bausteine zusammen für den 1949 im Westen begründeten liberaldemokratischen Staat. Seiner Genese, beziehungsweise, dem Erbgut der frühen Diskurse über Erinnern und Gedenken in der Bundesrepublik galt Aleida Assmanns Aufmerksamkeit in Berlin. An der Spree besaß sie hervorragende Möglichkeiten, "über jene Zeit etwas zu erfahren", und die 1947 Geborene deutet so ein Motiv ihrer Arbeit an, "in der ich schon da war, von der ich aber nichts weiß".

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