Gesundheit : Schmerz, der auf die Nerven geht

Auch geringe Beschwerden können chronische Leiden verursachen

Adelheid Müller-Lissner

„Gehabte Schmerzen – die hab’ ich gern.“ So brachte Wilhelm Busch das wohlige Gefühl auf den Punkt, das sich einstellt, wenn ein körperliches Leiden verschwindet. Doch oft hört Schmerz auch dann nicht auf, wenn die Ursache längst beseitigt ist.

Wie man heute weiß, liegt das unter anderem an dem Phänomen der Schmerzverstärkung: Halten die unangenehmen Reize länger an, verändern sich im Gehirn Strukturen, die für die Weiterleitung der Signale zuständig sind. Diese Veränderung bewirkt nicht nur, dass der Körper sensibler auf die Reize reagiert, sondern häufig bleibt der Schmerz auch dann, wenn der ursprüngliche Auslöser verschwunden ist – er wird chronisch.

Bisherige wissenschaftliche Erklärungsmodelle stützen sich auf Versuche mit starken Schmerzreizen. Diese verändern die Übertragung von Nervenzelle zu Nervenzelle dauerhaft. „Schwache Schmerzen verursachen nicht all jene neuronalen Vorgänge, die das bisherige Erklärungsmodell für die Schmerzverstärkung fordert“, sagte der Neurophysiologe Jürgen Sandkühler von der Medizinischen Universität Wien letzte Woche auf dem Deutschen Schmerzkongress in Berlin. Und dennoch können auch schwache Schmerzen chronisch werden. Warum das so ist, fanden Steinkühler und seine Kollegen in Experimenten heraus – und erhielten dafür jetzt beim Schmerzkongress den mit 7000 Euro dotierten Förderpreis für Schmerzforschung in der Kategorie Grundlagenforschung. Die Wiener Forscher hatten Versuchstiere Reizen ausgesetzt, die von der Intensität her Schmerzen entsprachen, die bei Entzündungen und beim Verheilen von Wunden auftreten. Sandkühler konnte die Zellen dingfest machen, die die Verstärkung des Schmerzes hervorrufen. Sie liegen in einer als Lamina I bezeichneten Schicht im Hinterhorn des Rückenmarks und haben die Aufgabe, die Signale aus der Peripherie auf die Nervenbahnen zu übertragen, die die Weiterleitung ins Gehirn übernehmen. Um die Zellen bei der Arbeit beobachten zu können, setzten die Forscher Farbstoffe ein: Je höher die Konzentration an Kalzium-Ionen, die an der Signalübermittlung beteiligt sind, desto heller leuchteten die Zellen. „Es handelt sich hier um eine kleine Gruppe von Zellen, die aber eine wichtige Funktion haben“, erklärte Steinkühler. Die Versuchstiere, bei denen die Zellen gezielt ausgeschaltet wurden, empfanden Entzündungs- und Wundschmerz weniger stark. Die Schmerzempfindung dauerhaft zu unterdrücken, wäre allerdings gefährlich, denn Schmerz hat eine wichtige Warnfunktion. Allerdings folgern die Preisträger, dass es wichtig ist, nach Operationen konsequent Schmerzmittel einzusetzen, damit der Schmerz nicht chronisch wird.

Auch psychische Krankheiten können das Schmerzempfinden beeinflussen. Menschen mit Depressionen erleben Schmerz anders als psychisch Gesunde. Dabei kommt es auch auf die Art des Reizes an, wie der Psychiater Karl-Jürgen Bär von der Uni Jena herausfand. Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe bekam er beim diesjährigen Kongress den ersten Preis für klinische Forschung.

An je 30 Patienten mit einer schweren Depression und 30 Kontrollpersonen hatten die Psychiater getestet, ab wann die Probanden Hitze, elektrische Impulse und Mangeldurchblutung als schmerzhaft empfanden und wo ihre individuelle Toleranzgrenze lag. Dabei zeigte sich, dass die depressiven Patienten gegenüber Hitze und Strom, die oberflächlich auf der Haut wirkten, unempfindlicher waren als die Kontrollpersonen. Auf mangelnde Durchblutung, die Missempfindungen in tieferen Körperregionen entstehen lässt, reagierten sie jedoch empfindlicher.

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