Schmerzambulanz : Wenn der Schmerz den Alltag bestimmt

Ein Team von Spezialisten der Charité bietet den häufig seit Jahren geplagten Menschen ambulant umfangreiche Hilfe an.

Adelheid Müller-Lissner

„Seit mehr als einem Jahr bekomme ich sofort, wenn ich mich hinlege – Tag und Nacht – Schmerzen im Nacken, die hochziehen in den ganzen Kopf. Akupunktur, Tabletten und Massagen helfen nicht.“ Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer von Dutzenden von Leidensgeschichten, die derzeit im Hamburger Bahnhof nachzulesen sind. Die Blätter, auf denen die Qual in Worte gefasst und per Handzeichnung lokalisiert wird, sind keine Kunstwerke. Sie sind Bestandteil von Fragebögen, die die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes entwickelt hat und die Menschen mit chronischen Schmerzen bei ihrem ersten Besuch ausgefüllt mitbringen, wenn sie in einer Schmerzambulanz Rat suchen.

Die Charité, deren Medizinhistorisches Museum zusammen mit dem Hamburger Bahnhof derzeit bis 5. August Ausstellungsort der spannenden Doppel-Ausstellung „Schmerz“ ist, verfügt über drei dieser Ambulanzen. Sie widmen sich ganz speziell den Patienten mit einer langen Leidensgeschichte. Wo der Schmerz sich eingenistet hat und wo seine Ursachen vermutet werden können, das ist dabei ganz unterschiedlich: Da gibt es Krebskranke, bei denen der Tumor oder seine Tochtergeschwulste schwer beherrschbare Schmerzen verursachen, und die deshalb meist individuell auf Opioide eingestellt werden müssen. Da kommen aber auch Menschen, die nach einer Gürtelrose die quälenden Missempfindungen nicht mehr loswerden. „Für diese beiden Gruppen von Patienten gibt es bei uns keine Wartezeiten, denn hier muss man unbedingt konsequent und zügig therapieren“, sagt die Anästhesistin Christina West, die die Schmerzambulanz der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin auf dem Campus Mitte der Charité leitet.

Nicht dass es bei einem Patienten, der schon ein Jahr mit seinen Nacken- und Kopfschmerzen zu kämpfen und bereits etliche Therapien erfolglos ausprobiert hat, auf ein paar weitere Wochen nicht ankäme. Nur können sich die Ambulanzen, die chronisch Schmerzgeplagten inzwischen als letzter Rettungsanker gelten, vor Anmeldungen derzeit kaum retten.

Die meisten, die hier vorstellig werden, haben bereits lange Leidensgeschichten hinter sich, „manche haben schon zwanzig Jahre lang Schmerzen und waren in dieser Zeit bei Dutzenden von Ärzten und Therapeuten“. Einige kommen zum ersten Termin mit einem dicken Aktenordner“,erzählt Christina West. Für das erste Gespräch nehmen sich Ärztin oder Arzt eine Stunde Zeit. Viele Schmerzgeplagte erzählen dann, dass sie zusätzlich unter dem Unverständnis ihrer Umgebung leiden. Zum Beispiel, wenn trotz mehrerer Untersuchungen mit teuren bildgebenden Verfahren keine Veränderung an der Wirbelsäule gefunden wurde, die das Leiden erklären könnte. Wie kann es denn dann überhaupt wehtun? Bildet der Betreffende sich das nicht nur ein?

„Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder drohender Gewebeschädigung einhergeht oder von den betroffenen Personen so beschrieben wird, als wäre eine solche Gewebeschädigung die Ursache“, so definiert die „International Association for the Study of Pain“, die es schließlich wissen muss. Schmerz ist ein eigentlich Alarmsignal, das unser Leben retten kann, weil es darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt und dass wir uns schonen müssen. Er kann sich jedoch auch verselbstständigen – und dann sozusagen grundlos quälen. Ein extremes Beispiel ist der Phantomschmerz, bei dem auch Jahre später ein amputiertes Körperteil noch Beschwerden machen kann. Der Schmerz hat sich tief ins Gedächtnis eingegraben, das verlorene Bein hat im Gehirn eine große Repräsentanz bekommen. „Dann kann es den Betroffenen helfen, wenn wir ihnen die Zusammenhänge, die zu chronischen Schmerzen führen, in Ruhe erklären“, sagt Schmerzspezialistin West.

Das Besondere an den Schmerzambulanzen ist ihr interdisziplinärer, multimodaler Ansatz. Neben den medizinischen Disziplinen Anästhesie, Orthopädie, Psychosomatik, Neurologie und Physikalische Medizin sind auch Psychologen im therapeutischen Team, mit denen jeder Patient sich zu Beginn routinemäßig ebenfalls ausführlich unterhält. Komplizierte Fälle gehen mehrere Spezialisten gemeinsam ein Mal im Monat bei einer speziellen Schmerzkonferenz durch. „Dort nehmen wir uns eineinhalb Stunden Zeit, um einen Fall zu besprechen und manchmal sitzen bis zu 20 Kollegen an einem Tisch“, sagt West. Auch niedergelassene Ärzte nehmen regelmäßig teil und stellen ihre Fälle vor. West empfindet es als besonderen Vorteil eines Uniklinikums, dass hier alle Spezialisten zu finden sind.

Das zweite Charakteristikum einer Uniklinik besteht selbstverständlich in der Forschung. Am Campus Mitte laufen derzeit zwei klinische Studien zu chronischem Schmerz, für die noch Betroffene als Teilnehmer gesucht werden: In der einen wird untersucht, ob die Substanz Gammahydroxybuttersäure bei der ebenso schmerzhaften wie noch weitgehend rätselhaften Fibromyalgie Wirkung zeigt. In der anderen geht es darum, ob es beim Morbus Sudeck, einer lokalen Schmerzerkrankung, die Muskulatur und Gelenke verändert, Vorteile bringt, zusätzlich zur Standardtherapie eine regionale Betäubung einzusetzen. Hauptkriterium dafür ist das Urteil der Betroffenen. Wenn es um Schmerz geht, kann eben selbst die objektive Wissenschaft nicht anders: Sie muss in diesem Sinne „subjektiv“ bleiben.Adelheid Müller-Lissner

Schmerzambulanz, Campus Mitte, Anmeldung: Telefon 450 63 10 14 oder E-Mail an schmerztherapie@charite.de

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