Gesundheit : Schmerzes Bruder

Viele Menschen leiden unter Juckreiz. Ärzte erforschen die Ursachen und neue Therapien

Hermann Feldmeier

Jucken ist eine so alltägliche Sinnesempfindung, dass man sie normalerweise kaum beachtet. Unangenehm bewusst wird sie, wenn Flöhe, Mücken oder andere Insekten ihren Speichel in die Haut gespritzt haben, um das Blutsaugen zu erleichtern. Das als Reaktion auf die Speichelprodukte vom Körper freigesetzte Histamin bindet sich an in der Haut liegende Nervenenden und löst einen elektrischen Impuls aus. Dieser wird an das Zentralnervensystem weitergeleitet und im Großhirn als Juckreiz empfunden.

Jucken ist also eine dem Schmerz vergleichbare Sinnesqualität. Diese Erkenntnis ist relativ neu, und dementsprechend steckt die Juckreizforschung noch in den Kinderschuhen. Seit einigen Jahren haben sich Dermatologen, Neurowissenschaftler, Nieren- und Leberspezialisten, Anästhesisten und Psychologen in einer Fachgesellschaft zusammengeschlossen. Diese hat sich der Erforschung von Ursachen und Behandlung des Pruritus (lateinisch: Juckreiz) verschrieben.

Dauerhaft bestehender Juckreiz bekommt – ähnlich chronischem Schmerz – eigenen Krankheitswert. Auf dem Weg von der Haut in das Gehirn, wird der elektrische Impuls mehrfach moduliert. Dabei bekommt die Information „es juckt“ auch emotionale Anteile. So kann ein leichtes Jucken auch als angenehm empfunden werden. Ein Pruritus aber, der Tag und Nacht anhält, dürfte die Lebensqualität stark mindern. Dass Juckreiz auch mit der psychischen Verfassung zusammenhängen kann, zeigt eine Studie der Universität Münster: rund 70 Prozent der Pruritus-Patienten hatten psychosomatische oder psychiatrische Leiden.

Nur durch psychische Faktoren ist auch zu erklären, dass Juckreiz „ansteckend“ sein kann. Kratzt sich beispielsweise ein Kind in einem Kindergarten den Kopf, weil es Läuse hat, fangen bald auch andere Kinder an sich zu kratzen, selbst, wenn sie gar nicht wissen, was eine Kopflaus ist.

Ein weiteres Phänomen, dass die Therapie von Pruritus erschwert, ist das Juckreizgedächtnis. Menschen, die einmal Jucken als unangenehm empfunden haben, reagieren auf einen erneuten Juckimpuls ab einer viel niedrigeren Schwelle. Wegen der unterschiedlichen Ursachen von Pruritus kann es eine einheitliche Therapie nicht geben. Bei vier Gruppen von Krankheiten wird der Juckreiz häufig zur Qual: Parasiten (in unseren Breiten vor allem Krätze und Kopfläuse), Allergien, dialysepflichtige Nierenkrankheiten und Störungen der Leberfunktion.

Die besten Fortschritte gibt es bei der Behandlung von Blutwäsche-(Dialyse-) Patienten. Wenn Veränderung der Dauer und der Intervalle zwischen den Dialysen nicht zur Besserung führt, hat sich eine Lichttherapie mit UVB-Strahlen bewährt. Dabei wird der gesamte Körper mit einem ausgewählten Spektrum ultravioletten Lichts bestrahlt. Das nützt der Hälfte der Patienten, bei 20 Prozent geht das Jucken zurück.

Ein anderer Ansatz ist die Einnahme von Pentoxyfilin, einer durchblutungsfördernden Arznei. Hier vermindert sich der Juckreiz ab der zweiten Behandlungswoche, der positive Effekt bleibt aber nach einer vierwöchigen „Kur“ noch Monate erhalten. Dies spricht dafür, dass nicht die verbesserte Durchblutung der Haut die Ursache für die Linderung der Beschwerden ist, sondern die Ausbremsung eines Botenstoffs, der bei Juckreiz entstehung und -wahrnehmung wohl eine Art Schmierstoff darstellt.

Bei Patienten mit bestimmten Formen einer chronischen Lebererkrankung aktiviert die permanente Erhöhung des Blutabbauprodukts Bilirubin die Juckreizrezeptoren in der Haut. Die derzeit üblicherweise eingesetzten Antihistaminika und diverse andere Medikamente helfen nur einem Bruchteil dieser Patienten.

Bei Patienten mit Störungen der Gallensekretion sind zentrale Nervenzellen überaktiviert, die mit der Schmerzverarbeitung zu tun haben und durch körpereigene Opioide angeschaltet werden. Basierend auf dieser Beobachtung versuchte Nora Bergasa vom Downstate Medical Center in New York eine Therapie mit der Substanz Naltrexon, die Opioidrezeptoren blockiert. Doch auch die neue Therapie hilft nur einem Teil der Patienten.

Juckreiz ist subjektiv, messbar dagegen ist die Reaktion in Form von Kratzen. Dass Juckreiz und Kratzen quasi zwei Seiten der gleichen Medaille sind, zeigt die Krätze: das Jucken ist so stark, dass der Patient den ganzen Tag damit beschäftigt ist sich zu kratzen, daher der Name der Krankheit. Nun haben Forscher der Medizinischen Universität Wien um Hermann Laumüller eine Methode entwickelt, um die Intensität von Juckreiz zu messen. Dabei wird ein hauchdünner elektrischer Sensor auf den Nagel des Mittelfingers der Hand geklebt, mit der man sich typischerweise kratzt. So werden die Vibrationen des kratzenden Nagels erfasst und in einem Computer als digitale Signale aufgezeichnet. Damit ist es erstmals möglich, den Erfolg einer Behandlung objektiv zu erfassen.

Mit zunehmender Kenntnis biochemischer und neurophysiologischer Grundlagen des Pruritus wird es möglich, die bisher eingesetzten Therapien zu verlassen. Es gibt Ansätze, die auf dem Verständnis der krankmachenden Mechanismen beruhen. Doch es wird noch einige Jahre dauern, bis die neuen Verfahren routinemäßig etabliert sind.

So lange haben auch Hausmittelchen ihre Berechtigung: Intensive Kühlung der betreffenden Körperstelle beseitigt wirkungsvoll lokalen Juckreiz. Ein Kältepack auf die Haut gelegt – so fanden Forscher der Universität Gießen heraus – bringt genauso wirksam Linderung wie die diversen juckreizhemmenden Salben aus der Apotheke.

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