Gesundheit : Schmerzforschung: Einzigartiger Schmerz

Peter Spork

Deutschland hat ein Schmerzproblem. Darauf wies gerade erst die Forschungsministerin Edelgard Bulmahn hin: 20 Prozent der Bevölkerung würden an chronischen Kopfschmerzen leiden, 40 Prozent mindestens einmal jährlich an Rückenschmerzen. Allein wegen dieser beiden Leiden entstünden geschätzte Kosten von mehr als 35 Milliarden Mark pro Jahr. Bulmahn will deshalb jetzt mit 30 Millionen Mark die Schmerzforschung ankurbeln. "Die Therapie der Patienten kann noch erheblich optimiert werden", sagt sie.

Auf der Suche nach einem geeigneten Ansatzpunkt könnte den geförderten Schmerzforschern eine aktuelle Studie über das Gehirn den Weg weisen. Das Team um den Psychiatrieprofessor und Radiologen Jon-Kar Zubieta von der Universität von Michigan in Ann Arbor, USA, analysierte die Reaktion von Testpersonen auf einen 20 Minuten andauernden Schmerz und machte gleichzeitig die Reaktion des Gehirns sichtbar.

Das Ergebnis bestätigt Mutmaßungen aus Tierversuchen: In bestimmten Hirnarealen, die vermutlich für die Schmerzverarbeitung zuständig sind, werden Schmerz lindernde Endorphine ausgeschüttet (veröffentlicht im Fachblatt "Science", Band 293, Seite 311). Diese körpereigenen Opiate, die an die gleichen Rezeptoren binden wie das effektivste Schmerzmittel Morphium, drosseln offenbar die Pein der Versuchsteilnehmer. Denn die Probanden, die alle 15 Sekunden die Schmerzstärke abschätzten, empfanden umso geringere Qualen, je mehr Endorphine ihre grauen Zellen überschwemmten.

Obwohl die Forscher nur 20 tapfere Personen peinigten, die vorher natürlich genau wussten, worauf sie sich einlassen, registrierten sie deutliche individuelle Unterschiede: Schon die Zahl der Andockstellen für die Schmerzhemmer - die Opiatrezeptoren - waren bei einigen Menschen wesentlich zahlreicher als bei anderen. Und auch der Grad ihrer Aktivierung schwankte stark, was vermutlich an unterschiedlichen Endorphinmengen lag.

Diese Beobachtung "hilft zu erklären, warum Menschen mehr oder weniger empfindlich auf Schmerzwahrnehmungen reagieren", sagt Studienleiter Zubieta. Jene Testpersonen, die entweder viele Opiatrezeptoren hatten oder reichlich Endorphine produzierten oder gar beide Eigenschaften miteinander verbanden, waren besonders unempfindlich für den Schmerzreiz.

Als Schmerzauslöser diente eine hoch konzentrierte Salzlösung, die Zubieta und Kollegen in den Kiefermuskel spritzten. Zuvor hatten sie den Probanden eine schwach radioaktive Substanz gegeben, die an die Opiatrezeptoren ankoppelte und sie für einen Positronen-Emissions-Tomografen (PET) sichtbar machten. Schüttete das Gehirn schließlich Endorphine aus, verdrängten diese die radioaktive Substanz von den Opiatrezeptoren und schwächten das PET-Bild ab. Diese Reaktion, die erst im Vergleich mit den Ergebnissen eines schmerzlosen Scheinexperiments aussagekräftig war, beobachteten die Forscher vor allem in Hirnregionen, die für die Verarbeitung von Gefühlen und Sinneseindrücken zuständig sind.

Es scheint danach, dass das Gros der Schmerzverarbeitung in eng umgrenzten Arealen an der vorderen Großhirnrinde, im Zwischenhirn und in einer kleinen Zone namens Amygdala stattfindet. Zubieta hofft nun auf neue Ansätze für die Therapie von Menschen mit chronischen Schmerzen: Die beobachteten Unterschiede zwischen den Versuchsteilnehmern könnten zum Beispiel bei der Erklärung helfen, "warum manche Menschen chronische Schmerzleiden entwickeln und andere nicht".

Doch auch aus einem anderen Grund sollten sich die Resultate möglichst schnell herumsprechen: Manch ein Mensch, der andere nur zu gerne als "Memmen" oder "Heulsusen" verachtet, hält sich vielleicht etwas mehr zurück, wenn er weiß, dass er vermutlich schlicht Glück hat und besonders viele Opiatrezeptoren oder Endorphine besitzt. Und auch bei unsensiblen Ärzten kommt die Einsicht, dass eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit auch körperliche Ursachen haben kann, hoffentlich schnell an.

Vielleicht macht Forschungsministerin Bulmahn ja sogar Geld für die Aufklärung locker. Ziel des Schmerzforschungsprojekts sei jedenfalls nicht nur die Erweiterung des Wissens: "Forschung und Versorgung sollen miteinander besser verzahnt werden, damit den Patienten neue Erkenntnisse schneller zugute kommen. Ergebnisse müssen schneller in die Arztpraxen gelangen."

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