Gesundheit : Schmutzige Geschäfte auf dem Schwarzmarkt

Grünstreifen sind langweilig: Zwei Berliner Architekturstudenten gewannen den Wettbewerb um die alte Hochbahntrasse in Manhattan mit einem radikalen Entwurf

Arbo Eberhard

UNIKATE

Radikal und offenbar frei von der Versuchung, gefällig zu sein, gingen Robert Huebser und Benjamin Haupt ihren ersten großen internationalen Wettbewerb an. Die beiden Architekturstudenten der Kunsthochschule Berlin-Weißensee beantworteten die Wettbewerbsfrage nach der Zukunft einer 2,2 Kilometer langen, stillgelegten und grün überwucherten Hochbahntrasse in Manhattan mit einem schwarz glänzenden, fensterlosen Kasten. Der Entwurf enthält alles andere als die erwarteten Wiesen und Bäume – und damit gewannen Huebser und Haupt den ersten Preis.

Seit 1980 der Betrieb der alten Frachtenhochbahn eingestellt wurde, war das Viadukt dem Wetter und der Wildnis überlassen. Ein Gutachten bescheinigte dem Brückenbau, der in den Dreißigerjahren auf vier voll beladene Güterzüge und einen Zeitraum von 100 Jahren ausgelegt worden war, jedoch eine stabile Bausubstanz. New Yorker Stadtplaner sehen in der „grünen Linie“ der alten Hochbahn bereits eine Fußgänger-Promenade und ein wichtiges Bindeglied in einem großen Freiraumsystem.

Fahrbare Wunderkammer

Nach dem Willen der Organisatoren sollte der Wettbewerb „Designing the High Line“ keine umsetzungsreifen Konzepte liefern, sondern eine Vielfalt von Ideen mobilisieren – Visionäres ebenso wie Provokantes. 720 Entwürfe aus 36 Ländern gingen bei den „Friends of the High Line“ ein. Die hochkarätige Jury aus Architekten, Landschafts- und Stadtplanern, unter ihnen Julie Bargmann und Bernard Tschumi, verlieh vier erste Preise.

Die siegreichen Entwürfe kommen aus den USA, Deutschland und Österreich. Matthew Greer aus New York will die Wildnis gewähren lassen. Ernesto Mark Faunlagui aus dem nahen Hoboken schafft durch Ausschneiden und Verwandeln von Bauelementen Landschaftsfenster. Wenn es nach der Wiener Architektin Nathalie Rinne ginge, würden die New Yorker über dem Autoverkehr schwebend in einem langen Swimmingpool schwimmen und dabei hin und wieder einen Blick auf den nahen Hudson River werfen können.

Der 23-jährige Robert Huebser und der 24-jährige Benjamin Haupt lassen den grünplanerischen Aspekt der High Line bewusst beiseite. Die Berliner Architekturstudenten reaktivieren vielmehr das Verkehrsrelikt der wilden Dreißigerjahre durch eine gelenkige, fahrbare Wunderkammer, die immer wieder neu gefüllt sein will. „Wir halten die Idee, aus der High Line eine Hochpromenade für Fußgänger zu machen, für falsch und langweilig“, sagt Robert Huebser.

Mit Bordell und Waschsalon

Stattdessen soll der von ihnen entworfene „Black Market Crawler“ mit seinem „Geschwür aus Nutzungen von Kunst und Kommerz bis in die Grauzone am Rand des Legalen und bisweilen darüber hinaus“ über die Gleise kriechen. Das verschachtelte Schwarzmarktmobil, das kompakt 70 Meter misst, käme unerwartet an einem seiner Haltepunkte an, faltete sich nach zwölf Stunden zusammen und führe langsam seinem nächsten Stopp entgegen. „Ähnlich dem mittelalterlichen Markt, führt es neben Viktualien auch Gaukler, Bettler, Verstoßene und Kuriositäten mit sich“, erklären die Studenten. Waschsalon, Bordell und Projektoren für ein Mauer-Kino auf die Brandwände angrenzender Gebäude gehören zu den Einbauten des Schwarzmarkt-Kriechers.

Huebser und Haupt, die ihren Wettbewerbsbeitrag an der Kunsthochschule Weißensee unter der Leitung von Hugo Beschoor Plug innerhalb von kaum sechs Wochen erarbeitet haben, sehen ihr Projekt als eine Absage an die Auffassung, Architektur müsse statisch und dauerhaft sein. Ihre Zukunftsprognose für den „Black Market Crawler“, einmal angenommen er würde realisiert: „Möglich, dass er durch das ständige, unkontrollierte Umbauen oder durch ein Sondereinsatzkommando des New York Police Department zerstört wird und verlassen vor sich hinrostet, bis er und die High Line den Schrottpressen zum Opfer fallen. Andererseits geht das Gerücht eines Park Avenue Crawlers um.“

Kein Gerücht ist es, dass ein Sprecher der Stadt New York beim Galadinner anlässlich der Wettbewerbsausstellung gerade einen Betrag von 15,75 Millionen Dollar für Planungen und erste Baumaßnahmen an der neuen alten Hochbahn freigegeben hat. In Weißensee könnte man etwas damit anfangen.

Das gesamte Projekt im Internet:

www.thehighline.org

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