Schnarchen : Die Plage der Nacht

Schnarchen ist nicht nur für den Partner lästig. Es kann auch den Betroffenen selbst gefährden Wenn der Atem häufiger aussetzt, drohen Herzinfarkte und Schlaganfälle. Schlaflabore bieten Hilfe

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Eine CPAP-Maske ist nicht schön, hilft aber in vielen Fällen gegen Schnarchen. Foto: promo
Eine CPAP-Maske ist nicht schön, hilft aber in vielen Fällen gegen Schnarchen. Foto: promo

Die Patienten, die bei Ingo Fietze landen, haben oft schon einiges mitgemacht. Haben sich dubiose Pülverchen im Internet bestellt, nutzlose Pillen aus der Drogerie ausprobiert, sich Gegenstände in den Mund geschoben, die zwar einen Würgereiz auslösen, aber sicher nicht ihr Schnarchen stoppen. Man kann sich auch Botox in den Gaumen spritzen lassen. Oder jeden Tag 20 Minuten Didgeridoo spielen. Dieser Tipp stand sogar in einem Fachblatt, dem „British Medical Journal“.

Schnarchen ist ein Problem, das nicht nur Männer betrifft. Ingo Fietze leitet seit fünf Jahren das „Interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum“ der Charité. „Früher hieß es: Frauen schnarchen überhaupt nicht“, sagt er. „Das Tabu hat sich zum Glück erledigt.“ Heute geht man davon aus, dass mit zunehmendem Alter 60 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen schnarchen.

Ursache für das störende Geräusch ist schlaffes Gewebe. Entweder am Gaumen, am Zungengrund oder im Rachen oberhalb des Kehlkopfes. Eine Möglichkeit ist deshalb, ein Stück des Gewebes im Rahmen einer ambulanten Operation wegzuschneiden. Oft hilft aber auch eine Plastikmaske, die der Patient dann sein Leben lang jede Nacht tragen muss. Sie bläst ihm über einen Schlauch konstant Luft in den Rachen und hält damit die oberen Atemwege frei. „CPAP-Therapie“ nennen das die Experten. Die Abkürzung steht für „Continuous Positive Airway Pressure“.

Es geht bei Weitem nicht nur darum, ein störendes Geräusch zu verhindern, geplagten Ehepartnern das Einschlafen zu erleichtern. Laute Schnarcher neigen überdurchschnittlich häufig zu unregelmäßigen, längeren Atempausen, manche dauern über 100 Sekunden. Das schadet der Sauerstoffversorgung, die Folgen einer solchen „Schlafapnoe“ sind verheerend: Tagsüber sind die Patienten abgeschlafft und unkonzentriert, langfristig erhöht sich das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen.

„Viel zu lange wurde Schnarchen als lästige, aber hinnehmbare Begleiterscheinung angesehen, leider auch von vielen Hausärzten“, sagt Werner Waldmann. Er ist Vorsitzender des „Bundesverbands Schlafapnoe und Schlafstörungen Deutschland“ (BSD), einer Dachvereinigung von Selbsthilfegruppen. Auch ihm selbst war lange nicht bewusst, dass er krank war. Sorgen machte er sich höchstens um seine Frau, wenn die seinetwegen nachts wach lag. Vor 15 Jahren entschied er sich dann doch, ein Schlaflabor aufzusuchen – eher aus Neugier, wie er sagt. Dort befestigte man ihm Elektroden am Körper, die über Nacht die Dauer und Qualität seines Schlafs aufzeichneten. Dank einer CPAP-Maske schläft Waldmann heute beschwerdefrei, „auch wenn ich mich erst daran gewöhnen musste.“ Seine Ehefrau auch, denn die Geräte und Schläuche sind keine ästhetische Offenbarung.

Bei jedem zehnten Patienten hilft die Maske nicht, dann bleibt die Möglichkeit, sich eine spezielle Schiene anfertigen zu lassen, die den Unterkiefer nach vorne schiebt und fixiert, sodass die Zunge nicht mehr nach hinten in Richtung des Rachens rutschen kann. Das kostet aber 1000 Euro und wird bisher nur von privaten Krankenversicherungen bezahlt. Mediziner fordern seit längerem, dass auch gesetzlich Versicherte einen Anspruch auf eine solche Schiene haben müssten, zumindest sogenannte Therapie-Versager, bei denen andere Methoden nicht funktionieren.

Früher waren sich HNO-Ärzte, Internisten, Psychologen und Schlafmediziner oft uneins über geeignete Behandlungen. Das habe sich stark verbessert, sagt BSD-Chef Werner Waldmann. Das Charité-Zentrum gelte bundesweit als beispielhaft: „Heute wird nur noch operiert, wenn die Chance groß ist, dass man anschließend auch ohne Maske beschwerdefrei schläft.“ Und manchmal helfen auch einfache vorbeugende Maßnahmen, weiß Charité-Arzt Ingo Fietze. Zum Beispiel: auf Alkohol verzichten und genügend schlafen. Denn wer weniger als sechs Stunden pro Nacht ruht, baut auf jeden Fall ein Schlafdefizit auf und neigt dann eher zum Schnarchen. Viele Ärzte raten auch, die Rückenlage im Bett zu vermeiden. Ingo Fietze vermutet, dass es im Kampf gegen das Störgeräusch irgendwann einen Durchbruch gibt. Vielleicht eine besonders effektive und schonende Operationsmethode, vielleicht doch eine Tablette. Sicher ist nur: Wer auch immer so etwas entwickelt, hat ausgesorgt.

Übrigens wird laut BSD das Todesrisiko von lauten Schnarchern weit unterschätzt. Die Schlafapnoe erhöht auch die Anfälligkeit für den Sekundenschlaf am Tag. „Viele Verkehrsunfälle sind darauf zurückzuführen, aber nicht statistisch erfasst“, sagt Waldmann. In den USA gab es in den Neunzigern außerdem einen Flugzeugabsturz mit vielen Toten. Die Suche nach der Absturzursache war schnell beendet: Auf dem Voice Recorder im Cockpit fand man Schnarchgeräusche.

Wo es Hilfe gibt

SCHLAFLABOR

Um einen Termin im „Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrum“ an der Charité zu bekommen, braucht man zunächst eine Überweisung von einem Haus- oder Facharzt. Mehr Informationen gibt es unter http://schlafmedizin.charite.de, Telefon 450 51 31 20.

SELBSTHILFE
Der Bundesverband „Schlafapnoe und Schlafstörungen Deutschland“ informiert und berät auf www.bsd-web.de Informationen gibt es auch unter www.gsdschlafapnoe.de. Die Gründung einer Berliner Gruppe ist gerade in Planung.

ZUM WEITERLESEN
Auf www.dasschlafmagazin.de findet man Antworten auf häufige Fragen, medizinische Neuigkeiten sowie Literaturtipps.

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