Gesundheit : Schnell wird der Hahn zum Gockel

Männer ändern ihre Ansichten in Gegenwart von Frauen – und merken’s nicht einmal

Rolf Degen

In einem Punkt stimmt die Evolutionsbiologie voll mit der Triebtheorie von Sigmund Freud überein: Alles– oder jedenfalls ziemlich viel – dreht sich um Sex, und unbewusst sind die Menschen ständig auf die Verbreitung ihrer eigenen Erbfaktoren erpicht. Nach neuen Ergebnissen genügt allein der Anblick von Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter, um bei Männern schlagartig das Selbstbild und die Lebensziele umzukrempeln.

Psychologische Untersuchungen haben in den letzten Jahren gezeigt, dass Männer und Frauen bei der Partnerwahl unterschiedliche Kriterien anlegen. Männer finden bei Frauen vor allem solche (körperlichen) Reize anziehend, die Jugendlichkeit, Attraktivität und damit letztlich „reproduktives Potenzial“ signalisieren. Das schöne Geschlecht fühlt sich dagegen von Männern angezogen, die gute Versorger und Beschützer sind und die treue und umgängliche Gefährten abgeben, mit denen man „es aushält“. Es ist wohl kein Zufall, dass die beiden Hälften des Himmels bei sich selbst genau jene Vorzüge kultivieren, mit denen sie bei der anderen Hälfte Eindruck schinden können.

Imponiergehabe und Aggressivität

Offen bleibt, wie die Natur diese sexuellen Mechanismen in unseren Köpfen verankert, gibt der Psychologe James Roney von der Universität von Chicago zu bedenken. Bei vielen Tiermännchen steigert schon allein die Anwesenheit von fortpflanzungsfähigen Weibchen die Ausschüttung des männlichen Sexualhormons Testosteron. Damit einher gehen oft Imponiergehabe, Aggressivität und Werbeverhalten.

Um zu testen, ob die alleinige Präsenz des anderen Geschlechtes auch beim Homo sapiens einen Sinneswandel erzeugt, hat Roney zwei Experimente mit insgesamt 278 jungen Männern und Frauen angestellt. Im ersten Teil der Studie gaben beide Geschlechter in verschiedenen Fragebögen über sich selbst, ihre Ansichten und Lebensentwürfe Auskunft. Während der Studie, deren wahren Zweck die Teilnehmer nicht kannten, hielten sich entweder nur Mitglieder des eigenen Geschlechtes oder aber mehrere junge Männer und Frauen im Untersuchungsraum auf.

Im zweiten Teil der Studie, an dem nur Männer teilnahmen, bekamen die Versuchspersonen Werbeanzeigen vorgelegt, auf denen entweder attraktive junge Frauen oder ältere Damen abgebildet waren. Die Teilnehmer, bei denen ebenfalls das Selbst- und Weltbild abgefragt wurde, waren der Meinung, bei dieser Studie käme es auf die Einschätzung der Werbewirksamkeit an.

Eindeutiges und überraschend starkes Ergebnis: Alleine die visuelle Präsenz von jungen Frauen – oder deren Abbildung – kurbelte bei den Männern eine Veränderung der Selbstwahrnehmung und der Lebensziele an. Und zwar stellten die Herren der Schöpfung nun plötzlich genau jene Werte und Persönlichkeitszüge viel stärker in den Vordergrund, die erfahrungsgemäß helfen, bei nicht wenigen Frauen gut anzukommen.

Die jungen Männer, die junge Frauen oder auch nur deren Bilder sehen konnten, schätzten die Bedeutung des materiellen Erfolges auf einmal viel höher ein. Der schnöde Mammon erschien ihnen nun viel weniger anstößig. Sich selbst dichteten sie plötzlich viel mehr Aggressivität und Ehrgeiz an. Schließlich fanden sie ihre eigene Persönlichkeit in Anwesenheit femininer Reize geselliger und durchsetzungsfähiger.

Das prinzipielle Interesse an sexuellen Erfahrungen nahm in Anwesenheit potenzieller Sexualpartnerinnen ebenfalls merklich zu. Das Pikante an diesen Ergebnissen, die Sigmund Freud als Bestätigung seiner Triebtheorie auffassen würde, lag jedoch darin, dass die Männer zu keinem Zeitpunkt ahnten, wie sehr ihre Selbstauskunft durch die Gegenwart der weiblichen Reize beeinflusst war.

Frauen bleiben unbeeindruckt

Der Anblick von Frauen veränderte das Denken also quasi unbewusst. Außerdem wurden auch nur jene Aspekte der Weltsicht von der Kurskorrektur erfasst, die für den Erfolg beim anderen Geschlecht bedeutsam sind. Die Anwesenheit junger Frauen hatte zum Beispiel keinen Einfluss darauf, wie wichtig junge Männer das Ziel fanden, anderen Menschen zu helfen.

Bemerkenswerterweise war die Gegenwart junger Männer für das Denken junger Frauen irrelevant. Aus diesem Grund spannte der Psychologe für den zweiten Teil der Studie auch nur noch Männer ein. Aber dieses Ergebnis kommt für die Evolutionspsychologen nicht völlig überraschend. Es ist schon lange bekannt, dass Männer sehr viel stärker auf den Anblick des anderen Geschlechtes anspringen als Frauen. Die Industrie, die Frauen bei der Verschönerung ihres Aussehens hilft, ist auch sehr viel größer als jene, die Männer beim „Aufpolieren“ unterstützt. Andererseits geben Männer beträchtliche Summen für Abbildungen von Frauen im Evakostüm aus.

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