Gesundheit : Schnelle Teilchen gegen Krebs

Protonenstrahlen treffen Tumoren zielgenau. Für die schonende Therapie entsteht jetzt ein Zentrum an der Charité

Adelheid Müller-Lissner

Wenn Krebs mit Strahlen behandelt werden soll, ist Präzision wichtig. Denn Strahlung, die Krebszellen abtötet, kann auch gesundes Gewebe zerstören. In den letzten Jahrzehnten wurden in Sachen Zielgenauigkeit erfreuliche Fortschritte gemacht. Therapien mit Röntgenstrahlen sind längst üblich. Doch mittlerweile sind auch Bestrahlungen mit Teilchen, mit Protonen etwa, möglich.

Auf diese innovative und schonende Therapie setzt nun auch die Berliner Charité. Noch in diesem Jahr soll in unmittelbarer Nähe des Campus Virchow mit dem Bau eines Zentrums für Bestrahlung mit Protonen und schweren Ionen begonnen werden.

Bewährt hat sich die zielgenaue Bestrahlung bereits bei der Therapie von Melanomen der Aderhaut des Auges und bei den recht seltenen Tumoren der Schädelbasis. Im Bereich von Gehirn und Auge ist es besonders heikel, wenn umgebendes Gewebe Strahlung abbekommt.

Augentumore können schon seit 1998 im Ionenstrahllabor des Hahn-Meitner-Instituts (HMI) in Wannsee behandelt werden. Dabei soll es auch bleiben. „Die Charité setzt sich dafür ein, dass am HMI die Augentumortherapie mit Protonen erhalten bleibt“, sagt Charité-Sprecherin Kerstin Endele.

Bestrahlungen können dank Computertechnik minutiös geplant werden. Moderne bildgebende Verfahren erlauben es, den Verlauf der Therapie genau zu überwachen. Zudem lassen sich die Strahlen in ihrer Intensität zu modulieren. Sie können aus verschiedenen Winkeln einfallen, so dass sie sich erst im Tumor bündeln. Dadurch wird umliegendes Gewebe so gut wie möglich geschont.

Bei präziser Bestrahlung mit Protonen wird das vor und hinter dem Tumor liegende Gewebe besser geschont als bei anderen Strahlentherapien. Anders als bei der Anwendung von Röntgenstrahlen nimmt hier die vom Gewebe aufgenommene Dosis mit zunehmender Eindringtiefe zu.

Nach einem scharfen, zuvor genau festlegbaren Maximum fällt die Dosis steil ab. Zudem ist die seitlich am Tumor vorbeigehende Strahlung geringer. „Gegenüber der Therapie mit Röntgenstrahlen bedeutet der Einsatz der Partikelstrahlung einen Quantensprung“, sagt Volker Budach, Leiter der Klinik für Strahlentherapie der Charité.

Er denkt daran, neben Protonen auch Kohlenstoff-Schwerionen verwenden zu können, etwa zur Behandlung von Prostata-Krebs. Mit den Teilchenstrahlen könne man die Intensität exakt auf eine bestimmte Körpertiefe einstellen. Das verringere die Gefahr, dass es später zu Komplikationen komme oder dass Zweittumoren entstünden. „Deshalb könnte die Protonentherapie besonders für krebskranke Kinder und Jugendliche bedeutsam werden“, sagt Budach. Denn junge Leute sind zehn bis 30 Jahre nach einer oft lebensrettenden Strahlentherapie gefährdet, einen weiteren Tumor zu entwickeln.

Die Therapie mit Protonen und schweren Ionen bietet nach Budachs Ansicht die Chance, die Therapieerfolge mit relativ wenigen Sitzungen sowie geringer Strahlendosis und wenig Nebenwirkungen zu erreichen. Falls nötig, könne man die Strahlendosis hochfahren, ohne mehr Komplikationen im Vergleich zur Therapie mit Röntgenstrahlung in Kauf nehmen zu müssen. Noch fehlen allerdings für so gut wie alle Krebsformen ausreichende wissenschaftliche Beweise dafür, dass die Teilchen-Therapie wirklich mit größerem Erfolg Leben rettet, als es mit konventioneller Strahlentherapie der Fall ist.

„Auf der Basis evidenzbasierter Qualitätskriterien lassen sich in weiten Bereichen der Radioonkologie keine eindeutigen Vorteile der Protonenbehandlung im Vergleich zu den üblichen modernen Strahlentherapiemethoden nachweisen“, so lautet eine aktuelle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (Degro).

Man wisse nicht, ob die Schonung des umliegenden Gewebes auch für Ältere einen Überlebensvorteil bringe, und man habe auch noch keine Erfahrung darin, wie sich die Protonen mit modernen Krebsmedikamenten vertragen. „Die Protonentherapie sollte deshalb derzeit nur unter kontrollierten Bedingungen in Studien eingesetzt werden“, sagt Degro-Sprecherin Marie-Luise Sautter-Bihl, die am Klinikum Karlsruhe die Strahlenklinik leitet.

Dass Protonen außerhalb von Studien zur Bestrahlung eingesetzt werden, hält Sautter-Bihl für problematisch. Durchaus kritisch beäugt die Fachgesellschaft das „Rinecker Proton Therapy Center“, das in München im Rahmen einer Privatklinik geplant ist.

Nachdem juristische Auseinandersetzungen zwischen Gerätehersteller und Betreibergesellschaft das Projekt zeitweise infrage gestellt haben, sagte Pressesprecher Wolfgang Schweiger jetzt dem Tagesspiegel: „Wir hoffen, noch in diesem Jahr die ersten Patienten behandeln zu können, denn die Warteliste ist lang.“

In Heidelberg, wo die geplanten universitären Multi-Center-Studien koordiniert werden sollen, wird eine kombinierte Protonen-Kohlenstoff-Ionen-Anlage noch in diesem Jahr in Betrieb gehen, weitere Pläne bestehen für Kiel, Essen und Marburg/Gießen.

„Die Charité als Europas größtes Universitätsklinikum sollte diese innovative Technologie, die zweifelsfrei der universitären Hochleistungsmedizin zuzuordnen ist, unbedingt vorhalten“, sagt Rolf Zettl, der dort den Geschäftsbereich Strategische Unternehmensentwicklung leitet. Durch die Zusammenarbeit mit Vivantes, das als größter kommunaler Klinikkonzern Europas ebenfalls einen Superlativ zu bieten hat, will man die Auslastung der neuen Anlage sicherstellen.

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