Gesundheit : Schneller, höher, genetischer

Doping mit DNS: Werden Sportler sich bald im Genlabor auf Höchstleistung trimmen?

Hartmut Wewetzer

Gerd Genetik ist nicht zu bremsen. Der Supersprinter schafft die 100 Meter in neun Sekunden. Doping? Die Spürnasen finden nichts. Auch nicht die Einstichstelle an Gerds Oberschenkel. Durch die war das Sprinter-Gen von einem skrupellosen Doktor in die Muskulatur hineingeträufelt worden.

Gerd Genetik ist Fiktion. Genauso wie das Gendoping. Noch. Denn nach Ansicht niederländischer Experten könnte in den nächsten fünf Jahren mit den ersten Versuchen zu rechnen sein. Also schon bei den kommenden Olympischen Spielen 2008? „Schneller als bisher befürchtet“ sei mit Gen-Doping zu rechnen, sagt Hans Geyer von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Aber was versteht man eigentlich unter Gendoping? Da sind zunächst einmal Züchtungsphantasien à la „Schöne neue Welt“. Im Reagenzglas sollen synthetische Menschen (und Supersportler) nach Maß konstruiert werden. Diese Vorstellung jedoch wird auf lange Zeit Science-Fiction bleiben, und das aus zwei Gründen. Erstens ist es bisher nur ansatzweise bekannt, auf welche Weise menschliche Erbanlagen die Entwicklung des Organismus steuern.

Bleibt die realistischere Möglichkeit, einzelne Erbanlagen in die Muskeln oder die Blutbahn von Sportlern einzuschleusen – in der Hoffnung, auf diese Weise Schnelligkeit, Ausdauer oder Kraft zu verbessern. Das Prinzip ist aus der Gentherapie schon seit rund 25 Jahren bekannt. So lange versuchen Ärzte bereits, mit Genen Krankheiten zu behandeln.

Welche Erbanlagen sind doping- geeignet? Die heißesten Kandidaten sind:

– Epo. Das körpereigene Hormon Erythropoetin, kurz Epo genannt, kurbelt die Bildung roter Blutkörperchen an und wird in der Medizin gegen Blutarmut eingesetzt. Leistungssportler lassen sich Epo spritzen, um länger durchzuhalten. Es erhöht die Ausdauer. Forschern der kalifornischen Stanford-Universität gelang es, das Epo-Gen in Hautzellen von Mäusen zu übertragen und mit einem Medikament „anzuschalten“.

– IGF-1. Der „insulinähnliche Wachstumsfaktor 1“ stimuliert das Muskelwachstum und soll Menschen mit krankhaftem Muskelschwund helfen. Bei Ratten gelang es, das IGF-1-Gen in Muskeln einzuschleusen. Die Tiere bildeten 30 bis 50 Prozent mehr Muskelmasse.

– Myostatin. Das körpereigene Eiweiß hemmt in seiner intakten Form das Muskelwachstum. Wenn man es mit Hilfe eines anderen Gens blockiert oder seine Wirkung durch den Wachstumsfaktor IGF-1 aufhebt, könnte das die Muskeln schwellen lassen.

Zumindest auf dem Papier scheint es verlockend, mit Hilfe dieser drei Erbanlagen Sportler auf Hochtouren zu bringen. Trotzdem ist es vermutlich einfacher, ein Hormon oder einen Wachstumsfaktor direkt zu spritzen und nicht den Umweg über das Gen zu gehen. Denn die technischen Probleme der Gentherapie, von der das Gen-Doping ja schließlich profitieren soll, sind immer noch immens, obwohl bisher mehr als 3000 Patienten „gentherapiert“ wurden.

Aber die Ergebnisse sind wenig überzeugend. Lediglich sehr seltene Formen angeborener Immunschwäche sprachen bisher gut auf die Gentherapie an. In den meisten anderen Fällen erwiesen sich die Erfolge jedoch als sehr begrenzt.

Voraussetzung für eine Gentherapie oder ein Gen-Doping ist, dass man überhaupt ein Gen kennt, das es lohnt, ein- oder ausgeschaltet zu werden. Gene, die zur Fitness und zur überragenden Leistung beitragen, gibt es viele. Rund 110 Erbanlagen zählt die „Fitness-Landkarte“ unseres Genoms – Tendenz steigend. Damit ein Sportler in die Spitze vordringen kann, müssen vermutlich viele Gene zusammenspielen.

Hat man eine Erbanlage gefunden, die man als Heilmittel (oder zum Doping) einsetzen möchte, dann muss zunächst das Gen ins Ziel, die menschliche Zelle, gebracht werden. Weil Zellen aber nur äußerst ungern fremde Erbinformation aufnehmen, braucht man „Gen-Taxis“. Am ehesten bewährt haben sich Viren, in deren Erbgut das Gen eingebaut wird. Trotzdem ist die Suche nach dem richtigen Gen-Taxi die Achillesferse der Gentherapie. So bekämpft die Körperabwehr die fremden Viren oft – in bester Absicht, aber in diesem Fall unerwünscht.

Ist das Gen in der Zelle, muss es auch noch in das Erbgut integriert und in Protein umgesetzt werden. Ob dann mehr Leistung das Ergebnis ist, ist völlig offen. Der lange Weg von der „Gen-Spritze“ zum Top-Athleten ist voller Tücken.

Gendoping wäre vermutlich nur schwer nachzuweisen. Deshalb bereiten sich Experten wie Hans Geyer schon heute vor. „Wir sammeln normale Proteinmuster, um eines Tages abweichende Muster zu finden“, sagt Geyer. Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, die das Gendoping untersagt hat, setzt auf Nachweisverfahren.

Wada-Direktor Olivier Rabin hofft auf einen biologischen Pass für Spitzensportler mit individuellen Blutwerten. „Wenn wir dann abnorme Veränderungen sehen, können wir das weiter verfolgen.“ Gen-Chips ermöglichen es, Tausende von Erbanlagen bei der Arbeit zu beobachten. „Ein Tropfen Blut könnte genügen, um Veränderungen zu entdecken, die auf manipulierten Genen beruhen.“

Vielleicht kommt alles auch ganz anders. Ein gentechnisch optimierter Oberschenkelmuskel könnte so stark sein, dass er beim Sprint den Schienbeinknochen zerreißt und zersplittern lässt, spekuliert der Muskelforscher Jesper Andersen. Gendoping – ein Fiasko.

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