Gesundheit : Schneller, höher, weiter - Siegeswille sichert Überleben

Matthias Glaubrecht

Es ist der immerwährende olympische, der sportliche Ehrgeiz, Erster und Bester sein zu wollen, der den Menschen auszeichnet. Denn nichts Vergleichbares zu diesem ewigen Drang gibt es ansonsten in der Natur. Biologen haben keinen Zweifel daran, dass auch dieses urmenschliche Motiv des ewigen und mittlerweile teilweise absurden Wettstreits um ein Mehr, Weiter und Höher in der langen Vorgeschichte der Hominiden wurzelt.

Der Drang, besser zu sein als die anderen und nach mehr zu streben, dieses Unbedingt-Siegen-Wollen hat unsere Urahnen einst hinaus in die Savanne getrieben. Es hat unseren Ahnen später geholfen zu überleben, während andere Australopithecinen ausstarben - und uns schließlich zu dem werden lassen, was wir heute sind: die erfolgreichste Primatenspezies, die je auf Erden lebte. Für Biologen rankte sich bislang etwas Rätselhaftes um das Siegenwollen und den sportlichen Wettstreit.

Wie der Wille, um jeden Preis zu siegen, in die Welt kam, untersuchte jetzt der Münchener Biologe Josef Reichholf in seinem Buch "Warum wir siegen wollen" (dtv-Verlag, München, 250 Seiten). Der Autor ist überzeugt, dass das Bedürfniss nach Rackern und Schwitzen evolutive Wurzeln hat. Mehr noch: Die Motivation zu siegen, so Reichholfs These, ist eine der Triebkräfte für die Evolution des Menschen gewesen.

Tatsächlich sprechen einige Fakten dafür: Die einzigartige Kombination körperlicher Fähigkeiten ist allein dem Menschen eigen. Er ist (sofern einigermaßen fit!) ein hervorragender Dauerläufer, ein sehr guter Sprinter, ein - als Zweibeiner - leidlich guter Springer, ein phantastischer Werfer, guter Kletterer und Schwimmer - wie geschaffen also für den olympischen Parcours. Er wagte als einzige Tierart den aufrechten Gang und verließ offenbar vor rund 6 Millionen Jahren den Regenwald, um als Fleischfresser in Sippen die Savanne zu durchstreifen.

So wurde der einstige baumbewohnende Affe zum "Selbstläufer", den körpereigene hormonelle Glücksstoffe - die Endorphine - schließlich zum lustvollen Weiterlaufen animierten. "Marathon stand nicht am Anfang der Olympischen Spiele, sondern am Anfang der Menschwerdung", so Reichholf.

Auch in der Evolution des Menschen gilt, dass der Bessere der Feind des Guten ist und dass nur die Sieger weiterkommen. Das ist heute so und das war auch beim Überleben in der von Konkurrenten und Raubfeinden wimmelnden Savanne so. Vor allem aber gilt es für die (wenngleich kleinen) Vorteile bei der Fortpflanzung, die jene erfolgreichen Läufer und Sprinter hatten, aber auch für die Auseinandersetzung innerhalb und zwischen den Sippen.

Reichholf vertritt die These, dass sich mit der Weichenstellung vom "Recht des Stärkeren" zum "Recht des Ersten" irgendwann während der Hominiden-Evolution ein Selektionsvorteil für Siegertypen herauskristallisierte. Wer als erster ans Fleisch kam und damit die Frauen der Sippe versorgte, wurde mit mehr Nachkommen belohnt; das Laufen wurde buchstäblich lustbetont. Aus Siegern wurden bald auch Krieger, zum Zeitvorteil kam der Platzvorteil, zur Kooperation nach innen die Kampfbereitschaft nach außen, und das Siegenwollen mutierte zum Siegenmüssen.

Was einst überlebensförderlich war, hat sich schließlich in Form sportlichen Ehrgeizes, der Suche nach Erfolg und der Sucht nach Anerkennung und Bestätigung als menschliche Erblast erhalten. Der Wille zum Sieg - und damit auch der Sport - gehören zum Programm, das uns erst zum Menschen machte.

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