Gesundheit : Schnüffeln gegen Pest und Pocken

Ein dichtes Netz von Detektoren soll in den USA vor Chemie- und Bioattacken warnen. Doch helfen die Minilabors wirklich?

Elke Binder

Die New Yorker konnten das Gas weder sehen noch riechen. Ungehindert breitete es sich vom Madison Square Garden ausgehend über Manhattan aus. Eine chemische Waffe? Eine biologische? Die Pocken etwa? Tatsächlich bestand kein Grund zur Sorge. Strategisch aufgestellte Detektoren erkannten das Gas umgehend. Niemand wurde verletzt. Denn es handelte sich nur um eine Untersuchung: Ein Team aus 50 US-Forschern hatte im März ein Gas ausströmen lassen, um seine Wege durch die Straßenschluchten der Metropole zu verfolgen. Sie verwendeten eine harmlose Substanz: Perfluorokarbone, mit denen Meteorologen Luftströmungen nachspüren.

In den USA geht die Angst um: Die Operation war Teil des „Urban Dispersion Program“, einem 10 Millionen Dollar schweren Projekt des Department of Homeland Security (DHS) mit dem in den nächsten drei Jahren simuliert werden soll, wie sich ein chemischer oder biologischer Angriff auf US-Großstädte auswirken könnte.

Was die Forscher dabei nun in Manhattan genau herausfinden wollten, ist allerdings ziemlich banal: „Wenn zum Beispiel ein Terrorist Anthrax verbreitet, wollen wir voraussagen können, welche Orte betroffen sein werden und wer gewarnt werden muss“, sagte kürzlich Tony Fainberg von der Abteilung für Wissenschaft und Technologie des DHS gegenüber der „New York Times“.

Um das leisten zu können, hatten die Forscher an Laternenpfählen und auf Dächern zahlreiche briefkastengroße Gasdetektoren angebracht und zudem Wind- und Wetterbedingungen aufgezeichnet. Das alles fließt nun in ein Computermodell ein. Die Ergebnisse bleiben aus Sicherheitsgründen geheim.

Weniger banal ist jedoch eine andere Frage: Wie lässt sich ein gefährliches Gas überhaupt aufspüren? Wie lassen sich zu feinstem Pulver zerriebene Pocken-Erreger erkennen? „Biowatch“ heißt die Lösung der Sicherheitsexperten. Und sie ist so teuer wie umstritten: Anfang 2003 wurden in über 30 Großstädten mehr als 1000 Detektoren in Betrieb genommen. Gut 60 Millionen kostet ihr Betrieb jedes Jahr.

Die Aktion wurde kaum publik gemacht. Doch die unauffälligen Apparate stehen an Straßenecken, auf Plätzen und in Parks, in öffentlichen Gebäuden und U-Bahnen, in Washington, Boston, Chicago und Los Angeles – und saugen Luft ein. Sehr viel mehr können sie allerdings noch nicht, und genau da liegt das Problem: Jeden Tag holen Boten die Filter aus den Geräten und bringen sie in Labore, wo sie ausgewertet werden. Geprüft wird auf ein gutes Dutzend von Bakterien, Viren und Toxinen, unter ihnen auch die Erreger von Pest und Typhus.

Etwa 24 Stunden dauert das. Ganz schön lange, will man vor einem sich in Sekundenschnelle ausbreitenden Gas warnen, bemängeln Kritiker. „Es ist wenig wahrscheinlich, dass im Ernstfall die Detektoren an der richtigen Stelle stehen und ein gefährliches Gas entdecken“, sagt Jacqueline Cattani, Direktorin des Center for Biological Defense an der Universität von Süd-Florida.

„Besser wäre es dagegen, ungewöhnliche Häufungen von Krankheitssymptomen zu erfassen“, rät Cattani. In einem von der US-Armee geförderten Pilotprojekt sammeln Forscher ihres Instituts dazu Informationen von Krankenhauspersonal. Insgesamt stehen solche Bemühungen jedoch erst am Anfang.

„Es braucht einfach seine Zeit, bis Biowatch weit genug entwickelt ist“, kontert Penny Hitchcock vom Zentrum für Biosicherheit der Universität von Pittsburgh. So fördert das DHS mehrere Wissenschaftler, die Biowatch verbessern sollen. Die Detektoren der nächsten Generation sollen eigenständig Biowaffen erschnüffeln können. „Wir wollen hohe Sensitivität und geringe Kosten, so dass wir sie national in großer Zahl installieren können“, sagte Penrose Albright, stellvertretender Leiter für Wissenschaft und Technologie beim DHS, unlängst gegenüber dem Fachblatt „Science“.

Albrights ehrgeiziges Ziel: Ein Detektor, der einen Erreger in sagenhaften zwei Minuten erkennt, Zivilisten so rechtzeitig warnen und Opfer vermeiden kann. Ein solches automatisches Minilabor soll in der eingesaugten Luft selbst nach Genen der gefährlichen Viren fahnden. Für den Ernstfall wollen die USA dann mit „Bioshield“ gewappnet sein.

Im Rahmen dieses „Schutzschildes gegen Biowaffen“ fördert das DHS sogar mit einer Milliarde Dollar die Entwicklung und Bereitstellung von Impfstoffen gegen Anthrax, Ebola, Pocken oder Pest. Doch die Amerikaner könnten sich zu früh in Sicherheit wiegen. Schließlich könnten Erreger genetisch verändert werden. Diese würde Biowatch weder erkennen noch hätte Bioshield dagegen Impfstoffe vorrätig.

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