Gesundheit : Schöne Tage

Über Krankheiten reden, ist ein veraltetes Ritual. Die neuen Alten definieren sich anders.

Hans-Werner Wahl

Der Begriff des Rituals wird im Alltagssprachgebrauch häufig mit negativem Unterton verwendet. Vorstellungen von formaler Enge, nicht hinterfragtem Wiederholungszwang und Bedeutungsleere mögen einem schnell in den Sinn kommen. Da lauern dann Klischees über Alter und Altern bereits an der nächsten Ecke: Das Sprechen über Krankheiten, die Teilnahme an allseits angebotenen Variationen von „Schönen Tagen“ und Ausflügen, das häufig recht gleichförmige Feiern der späten runden Geburtstage, die gemeinsame Rede darüber, dass früher alles viel besser gewesen sei – das alles sind Rituale, die wir schnell und häufig in eher abwertender Weise mit alten Menschen in Verbindung bringen.

Diese Sichtweise ist allerdings geprägt von überholten Vorstellungen über das Alter: als einer Phase des gesellschaftlichen Rückzugs, der geistigen Starrheit, der Schwäche, der Defizite und der Verluste. Verbreitet sind auch Vorstellungen des gleichsinnigen Alterns ohne große Unterschiede, des Verlusts an Lebensfreude und Lebenszufriedenheit und des unwiderruflichen Siechtums, auch wenn längst andere Begriffe wie chronische Krankheit, Pflegefall oder Alzheimer diese altertümliche Ausdrucksweise abgelöst haben.

Neues Alter und Altern sind anders: Alter beginnt erst allmählich – wir müssen dabei in Jahrzehnten, nicht in Jahren denken – seine Institutionen und Ausgestaltungen zu finden. Auch bestehen im individuellen Altern extreme Unterschiede: Wie es jemandem physisch geht, wie selbstständig man ist, wie das Verhältnis zu den eigenen Kindern ist, welche politischen Einstellungen und ethischen Grundhaltungen leitend sind und wie die Einstellung zum Tod ist – darin unterscheiden sich die Älteren ganz erheblich. Zudem können Ältere heute, im Vergleich etwa zu jenen der 50er- und 60er-Jahre, immer häufiger mit besseren Bildungs- und Gesundheitsressourcen ihr Altern gestalten. Kurzum: Alter und Altern sind heute nicht nur in sich sehr verschieden; sie werden auch früheren Formen von Alter und Altern immer unähnlicher.

Was hat nun dies alles mit Ritualen zu tun? Sehr viel. Wir haben es ganz offensichtlich bei Alter und Altern mit stark im Übergang befindlichen Phänomenen zu tun, sie sind im Fluss – und dies ist faszinierend und verunsichernd zugleich, ein „thrill“ für die Gesellschaft wie für den einzelnen Alternden.

Auf den ersten Blick mag zwar die Gesellschaft der heutigen Alten insgesamt recht statisch wirken: Da stehen sie morgens auf dem Bahnhofsvorplatz und wollen den wie auch immer gestalteten „Schönen Tag“ antreten. Da fahren sie am frühen Nachmittag in der U-Bahn und eine Krankheitsgeschichte folgt der nächsten. Da sitzen sie an einem Sonntagnachmittag im Café und beschweren sich über die Jugend von heute.

All das ist Realität. Zu fragen ist jedoch, wie selektiv solche Beobachtungen sind, und was wir davon ableiten. Zunächst: Rituale sind spannende Erscheinungen der Kultur, und sie sind multivalent, das heißt nicht auf einen einzigen Sinn und Zweck zu reduzieren. Eines sind sie zwar alle auf der Oberflächenebene: Sie sind hoch strukturiert und laufen weitgehend nach dem gleichen Strickmuster ab. Aber: Sie sind in ihrer Tiefenströmung gleichzeitig komplex, sind an Orte, Kalender- oder Lebenszeiten oder auch an Ereignisse und Erlebnisse gebunden, geben Schutz und gleichzeitig einen Interaktionsrahmen, grenzen ab und binden ein, dienen der Gruppenidentität. Gerade dann, wenn Normen und Erwartungen sich verändern.

Rituale im Alter könnten vor diesem Hintergrund nicht zuletzt als Hilfestellungen angesichts vielschichtiger kultureller Formen in dynamischen Übergängen zwischen Alles-beim-Alten-lassen, Suche nach neuen Ufern und Abschied interpretiert werden. Ältere Menschen sehen, wie unterschiedlich sie einander sind, sie empfinden, dass ihre eigenen Altersbilder, die sie über ihr langes Leben hinweg transportiert haben, am Ende auf sie selber nicht mehr passen. Sie spüren die unterschiedlichen Erwartungshaltungen zwischen Rückzug und Engagement, gesellschaftlich wie in Bezug auf ihre eigenen Hoffnungen. Und sie bewegen sich zwischen einer alten und einer längst entstandenen, aber in ihren Konturen noch alles andere als klaren neuen Welt des Alters.

In solchen Situationen greifen wir alle gerne auf das zurück, was noch Bestand hat, was weitgehend ohne unser aktives Zutun abläuft, was unsere Identität unterstützt und uns hilft, die Entwicklungsaufgabe einer neuen Identität noch ein bisschen vor uns her zu schieben.

Das ist es auch, was viele Rituale des Alters heute in ihrem Innersten zusammenhält. Die nicht enden wollende Rede über Krankheiten ist eigentlich ein gemeinsames Festhalten an der Identität des kranken Alters, auch wenn die Zeichen der Zeit anders aussehen. „Der schöne Tag“ ist eigentlich ein Versuch, die Identität „Wir sind die Alten“ aufrechtzuerhalten, auch wenn die Alten längst nicht mehr als eine Gruppe auszumachen sind. Der Austausch über die „gute alte Zeit“ verrät eigentlich das Bestreben, sich wider besseres Wissen im alten Sinne als alt zu definieren, weil neue Identitäten von Alter und Altern noch nicht gefunden wurden beziehungsweise gelebt werden können.

Zu solchen an sich recht fest gefügten alten Ritualen kommen vermehrt neue hinzu, jedoch scheinen mir diese nur bedingt zu tragen. Sie sind noch nicht tradiert, betreffen meistens nur geringe Teilmengen der Älteren. Ich denke an Rituale wie „Ich bin gar nicht alt“ (die subjektive Widerspiegelung der Anti-Aging Medicine), „Ich bin so aktiv wie nie zuvor“, „Ich reise, also bin ich“ oder „Jetzt erst recht“.

Daneben existieren die Klassiker unter den Ritualen des Alters weiter, und das ist gut so: etwa das Feiern der späten runden Geburtstage im großen Familienkreis, des langjährigen Verheiratet-Seins oder die häufig formelhafte Anteilnahme am Wohl und Wehe der Enkel – einschließlich ihres erheblichen materiellen Ausdrucks etwa zu Weihnachten oder Ostern.

Doch Rituale können nicht zuletzt auch verstanden werden als Kontaktversuche und Kontakthalten mit Gegen-, Über- und Zukunftswelten, mit dem wie auch immer gearteten Leben danach: Etwa, wenn alte Menschen ihr eigenes Lebensende durch den Kauf eines Grabes vorwegnehmen und ihren Kindern wiederholt mitteilen: „Es ist für alles gesorgt.“

Brauchen wir nicht gerade dann, wenn die Lebenszeit sich neigt, fest gefügte Formen, um Abschied zu nehmen? Sind Alter und Altern deshalb vielleicht besonders anfällig für Rituale? Sind viele Ausdrucksformen von Alter und Altern letztlich im kulturellen Sinne nichts anderes als die rituelle Inszenierung der dahin schwindenden, uns immer stärker entgleitenden biologischen Basis? Wenn in diesem Gedanken ein Funke Wahrheit enthalten ist, wird er angesichts der steigenden Lebenserwartung in der Zukunft zu einer entscheidenden Entwicklungsaufgabe.

Alternde Menschen sollten die Potenziale ihres späten Lebens bestmöglich ausreizen. Und sie sollten ihr Altern dennoch auch als Möglichkeit begreifen, dem Lebensende eine – in nicht unerheblichem Maße rituelle – Form zu geben.

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