Gesundheit : Schöner alt werden

Nie waren 70-Jährige so jung wie heute – eine Entwicklung, die nach Reformen ruft

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Von Rosemarie Stein

„Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Alters.“ Und doch ist unsere Gesellschaft auf eine jüngere Bevölkerung zugeschnitten. Das heißt: Wir hinken den demografischen Veränderungen hinterher. Diese These vertrat der Berliner Alternsforscher Paul Baltes in dem gestrigen Hauptvortrag auf dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untermauerte sie mit Ergebnissen der „Berliner Altersstudie“, deren Sprecher er ist.

Die weltweit einzigartige Berliner Altersstudie begann als Untersuchung mit 516 Anfang 70- bis über 100-jährigen Berlinern und wird als Langzeitstudie, die das Leben der Teilnehmer verfolgt, fortgesetzt.

Ein wichtiges Ergebnis: Wir leben nicht nur länger, wir bleiben auch länger fit. Zum Beispiel ist die Lernfähigkeit Älterer größer als bislang angenommen. In den Industrieländern haben Ältere seit der Zeit vor drei Jahrzehnten durchschnittlich fünf gute Jahre gewonnen. Ein heute 70-Jähriger ist körperlich und geistig so funktionsfähig wie ein 65-Jähriger vor 30 Jahren – dank besserer Lebensverhältnisse. „Das ist die vielleicht größte Umwelt-Kultur-Erfolgsgeschichte des letzten Jahrhunderts“, sagte Baltes. Der Optimismus beschränkt sich allerdings auf die „jungen Alten“, die sich im „Dritten Lebensalter“ etwa zwischen 60 und 80 befinden – mit individuellen Unterschieden. Eher mit Besorgnis betrachten die Alternsforscher dagegen die noch immer steigende Lebenserwartung auch der Hochbetagten.

Vor 30 Jahren hatten 80-Jährige im Schnitt noch vier Jahre vor sich, heute sind es acht Jahre. Im hohen „Vierten Alter“ aber versagen die körperlichen und geistigen Funktionen mehr und mehr. Behinderung und chronische Krankheit sind fünf Mal so häufig wie im Dritten Alter, und mit 90 haben 50 Prozent eine Altersdemenz. „Gesundes und erfolgreiches Altern hat seine Grenzen“, sagte Baltes – Altersgrenzen. Das menschliche Genom wird im Alter instabil und fehleranfällig. Am Alterungsprozess dürften viele hundert Gene samt ihren Wechselwirkungen beteiligt sein. Genetische Eingriffe wären zwar der einzige Weg, das Vierte Alter zu verbessern, sind aber beim heutigen Stand der Gentechnik allenfalls Zukunftsmusik.

Was bedeuten nun die Ergebnisse der Altersforschung für Struktur und Funktion unserer Gesellschaft?, fragte Baltes. Der Forscher sieht einen erheblichen Reformbedarf, denn die Strukturen stammen aus einer Zeit, in der das Altwerden die Ausnahme war und nicht, wie heute, die Regel. Zum Beispiel gehen wir fünf Jahre früher in den Ruhestand als noch vor 25 Jahren – obwohl wir ja körperlich und geistig weit länger fit bleiben.

Auch das Bildungswesen hat diese Entwicklung verschlafen. Die deutschen Hochschulen gehören nach Baltes „zum Altersfeindlichsten, was wir anzubieten haben“. Universitäten in den USA haben zum Teil genauso viele Weiterbildungs- wie junge Studenten. Bei uns würden junge Menschen mit alltagsfernem und oft rasch überholtem Wissen voll gestopft, und es fehlten Bildungseinstiege für Ältere. Das Konzept des lebenslangen Lernens sei im deutschen Hochschulwesen nur ein Anhängsel.

Ähnliche Defizite fand Baltes in der Politik, wo Alterswissen und Lebenserfahrung kaum genutzt würden. In den USA und in Großbritannien sind 15 bis 25 Prozent der Parlamentarier über 65, in Deutschand nur fünf Prozent.

Baltes forderte bessere Bedingungen für einen beweglichen Lebenslauf, wie sie in Ansätzen schon vorhanden sind, aber nur durch die Politik wirklich durchgesetzt werden könnten: Ein flexibles Rentenalter, kürzere Erstausbildungsgänge, die Möglichkeit zum Umsteigen und „lebenslanges Navigieren im Gesellschaftssystem“.

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