Gesundheit : Schöner streiken

Auch die Kunststudenten sind im Ausstand – die anderen freut’s

Tilmann Warnecke

„Wir sind viele, wir sind laut“, rufen die Studenten immer auf ihren Demonstrationen. In den letzten Tagen hatte man eher den Eindruck, sie werden weniger und leiser, aber jetzt stimmt es wieder: Als letzte der Berliner Universitäten streikt jetzt auch die Universität der Künste (UdK). Mit überwältigender Mehrheit stimmten gestern mehr als 500 Nachwuchs-Artisten auf einer Vollversammlung dafür, sich ihren Kommilitonen von HU, TU und FU anzuschließen. „Wir sind gegen Studienkonten und die Bildungspolitik des Senats“, sagt Asta-Mitglied Carsten Holle, verspricht eine neue Welle kreativer Protestaktionen und attestiert seinen Kommilitonen eine „sehr gute Streikmoral“. Vor einigen Wochen sah das noch ganz anders aus. Als TU-Studenten an der UdK vorbeizogen und „Rauskommen!“ forderten, winkten die Kunststudenten nur freundlich zurück – und blieben in ihren Ateliers.

Die anstehenden Weihnachtsferien fürchteten die Aktivisten bisher als Streik-Stimmungstöter. Doch das vorweihnachtliche Geschenk UdK-Streik scheint Humboldtianer und TU’ler zu beflügeln. Beide Unis wollen auch zum Fest streiken und beschlossen auf ihren gestrigen Vollversammlungen eine Verlängerung des Ausstands bis Anfang Januar. Auch auf den Straßen demonstrierten die Studenten wieder geräuschvoll: Vor dem Berliner Abgeordnetenhaus kam es am Nachmittag zu Rangeleien zwischen rund 300 protestierenden Studenten und der Polizei. Dennoch schwankt die Streikbegeisterung an den Unis: Humboldt bleibt teilweise blockiert, aber Dahlem lernt schon wieder.

Ins HU-Hauptgebäude hineinzukommen ist noch immer so schwierig wie einst von West-Berlin in die DDR zu reisen. Vor dem Eingang versperren ein Tisch und ein Sofa den Weg. Fünf Studenten kontrollieren jeden, der Einlass begehrt. „Hast du einen Passierschein?“, fragt Streikposten Alex eine Studentin. „Nein, ich will nur kurz in die Bibliothek“, antwortet die Kommilitonin. „Das geht so nicht. Versuch’, dir einen Passierschein im Seitenflügel zu besorgen“, sagt Alex.

Die Studentin muss umkehren, die Abriegelung durch die streikenden Studenten wirkt: Auch in der vierten Streikwoche ruht im Hauptgebäude der Lehrbetrieb. Ein Rundgang durch Mitte zeigt allerdings: Nur wo die Streikenden ihre Alma Mater so radikal wie Unter den Linden oder im Seminargebäude am Hegelplatz abriegeln, finden keine Vorlesungen statt. Ansonsten haben viele Dozenten und Studenten ihre Seminare und Tutorien wieder aufgenommen.

In der Juristischen Fakultät am Bebelplatz herrscht durchgehend normaler Lehrbetrieb. Den Streikaktivisten gefällt das gar nicht: „Sind Juristen solidaritätsunfähig?“, fragt ein Plakat am Eingang. In Dahlem an der Freien Universität sieht es zur Mittagszeit sogar wie an einem ganz normalen Unitag aus. Von Streik ist hier wenig zu spüren. Philosophen sitzen in ihrem Institut bei einem Seminar zusammen. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern, die bis Montag ihr Gebäude noch besetzten, schallt eine laut dozierende Professoren-Stimme aus Hörsaal 101. Eine Studentin kommt aus einer Vorlesung über neuere deutsche Literatur. „Die findet ganz normal statt, es sind nur weniger als sonst da“, berichtet sie. Im John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien warten Studierende auf ihren Dozenten, der gleich zum Seminar „Culture in the Sixties“ kommt.

Dass viele Studenten wenig Lust auf Unterrichtsausfall haben, zeigt auch eine Versammlung der Rost- und Silberlaube, wo die Mehrheit der dort lernenden Psychologen, Germanisten und Erziehungswissenschaftler gegen eine Absperrung des größten FU-Gebäudes stimmt. Deswegen gehen selbst die Studenten in ihre Seminare, die gerne richtig streiken würden. Gibt der Dozent weiter Anwesenheitslisten herum, wie beispielsweise TU-Erziehungswissenschaftler berichten, müssen auch Streik-Aktivisten die Seminarbank drücken, wenn sie das Semester nicht verlieren wollen – und das wollen selbst umtriebige Streikende selten. Philipp Möller, der an der FU Erziehungswissenschaften im ersten Semester studiert, schätzt, dass „etwa zur Hälfte ganz normaler Unibetrieb“ stattfindet.

Hinter der Angst vor dem Scheinverlust lauert bei vielen Studierenden noch eine größere Furcht: die vor dem Bafög-Abzug. Den Vorschriften zufolge verlieren nämlich Studenten, die von selbst ihr Studium länger als sechs Tage am Stück unterbrechen, den Anspruch auf Bafög-Zahlungen. Wilde Gerüchte unter den Studenten heizen diese Furcht zur Zeit weiter an. Andreas Brickwell, der für das Bafög beim Studentenwerk Berlin zuständig ist, gibt erst einmal Entwarnung: Für Studierende, die zur Unterbrechung gezwungen werden, gilt diese Regelung nicht. „Und wie soll das Bafög-Amt herausfinden, wer aktiv streikt?“, fragt Brickwell.

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