Gesundheit : Schokoriegel unter Spuckschutz

MARTIN KIESLER

Die selbstverwalteten Studentencafés an der TU: Billig und gemütlichVON MARTIN KIESLERWas in Streikzeiten häufig mit ein paar alten Sofas und einer improvisierten Theke in irgendwelchen Foyers begann, hat sich schon oft zu wichtigen Institutionen studentischen Lebens entwickelt: Cafés beispielsweise, in denen es zum Selbstkostenpreis Getränke oder kleine Snacks gibt; Orte, an denen Studierende reden oder entspannen können, wo Feten stattfinden oder Fachbereichsinitiativen ihren Sitz haben. Das "TELquel" im Telefunkenhochhaus der TU ist so ein Ort.Im Unimut-Streik von 1988 wurde der ehemalige Seminarraum besetzt.Heute finden hier auch Konzerte oder Veranstaltungen ausländischer Studierender statt.Daß die Geisteswissenschaften in dem Gebäude ihr Domizil haben, ist daran zu erkennen, daß selbst das Logo des Cafés nicht ohne Fußnote auskommt: "tellquel (auch:) tel quel (tälkäl; französisch: `so wieÔ): der Käufer hat die Ware so zu nehmen, wie sie ausfällt (Handelsklausel)", heißt es da.Es gibt heiße und kalte Getränke, Schokoriegel und Kuchen.Letzterer wird nach einer Intervention des Gewerbeamts unter einem Spuckschutz verwahrt.Der Besitzer einer uninahen Dönerbude hatte der studentischen Konkurrenz die Behörde auf den Hals gehetzt. Das "Café A" ist ebenfalls ein Etablissement mit bewegter Geschichte.Woher der Name kommt, weiß auch Tobias, der manchmal hinter der Theke steht, nicht so genau."A" ist das TU-Kürzel für "Architekturgebäude", in dem sich das Café befindet.Doch Tobias glaubt, daß es hier eher für "Anarchie" oder "autonom" steht.Zum Café gehört im Sommer ein Biergarten.Neben zahlreichen Kuchensorten und einem Backofen, dem Tobias Unmengen an Pizzastücken und Lauchtaschen entlockt ist die Attraktion des Ladens ein Kicker, der als Turniersportgerät herhalten muß. Die Liebe vieler Architekten zu klaren Formen findet in der Gestaltung des Cafés ihren Ausdruck: Es gibt keine Verkleidungen oder abgehängte Decken.Auch die Leuchten über dem Tresen, zwei Neonröhren ohne Fassung, die nur an ihren Zuleitungen hängen, sind auf ihre wesentlichen Funktionselemente reduziert.Ein Raumteiler schirmt das Lager mit den Getränkekisten dezent ab.An ihm hängen die rund 150 Tassen der häufig besonders gestylten Stammkundschaft, die diese nicht ständig mitschleppen will.Denn Tee oder Kaffee wird zwecks Reduzierung des Spülaufwands vorzugsweise in der mitgebrachten Tasse serviert. Die Gäste des "i-café" im Franklinbau hätten mit der am Rucksack oder gar am Gürtel mitgeführten Plastiktasse vermutlich weniger Probleme.Hier kann man sich auch mit Karohemden oder bedruckten weißen T-Shirts blicken lassen.Am Tresen wird diskutiert: "Nach diesem Output schwer zu sagen, welche Art von Daten übertragen werden ...".Dem Ruf als Informationszentrum unter anderem für Informatik-Studierende wird das Café gerecht: "Der Prof hat gesagt, daß er keinen Bock hat, sich neue Fragen für die Klausur auszudenken", wird in einer Ecke verkündet."Dem isset doch schon fast zuviel, daß er die Klausur jedes Jahr neu korrigieren muß", kommentiert Ilja, der heute Cafédienst hat und gerade mit der Zubereitung einer Tütensuppe beschäftigt ist. Getränke, Brötchen, Spiele und verschiedene Zeitungen gibt es im Mathe-Café in der achten Etage des Mathe-Baus.Den schönen Ausblick und die Ferienclub-Atmosphäre dort oben kann jedoch nur genießen, wer sich für zehn Mark einen Getränkebon kauft.Laufkundschaft ist daher eher selten. Im "Atomic-Café" finden Physik-Studierende neben Müsli, Kuchen und Schokolade auch eine Klausurensammlung.Halogenstrahler, deren Zuleitungen mal die Form von Notenschlüsseln haben, mal zu Spulen zurechtgebogen sind, erhellen den kleinen Raum.Zwischen den Leuchten hängt ein - dank eines Elektromotors rotierender - Styroporplanet samt zweier Tischtennisballmonde.Letzteren fehlt allerdings der eigene Antrieb.Auch eine aus Widerständen zusammengelötete Spinne mit leuchtenden grünen Diodenaugen saugt über den Köpfen der Gäste einige Milliampère. Wenig los ist in einem der traditionsreichsten Cafés der TU, dem "Café Capital".Im Herbst 1988 im Lichthof eröffnet, diente es während des damaligen Streiks auch als Info-Zentrum und Nachschublager für Demo-Utensilien.Später zog es um in die Uhlandstraße, wo sich das Gebäude der Wirtschaftswissenschaften befindet.Dort finden jedoch fast keine Grundstudiumsveranstaltungen statt, weshalb noch im Juli Glühweinflaschen im Regal verstauben.Trotz der geringen studentischen Frequentierung ist das "Café Capital" eine kleine Oase in dem verwinkelten dunklen Haus. Auch das Café der Studierenden des Bauingenieurwesens ist nicht leicht zu finden.Das "Chez King Louis" befindet sich am Ende eines Gangs in der dritten Etage des TU-Erweiterungsbaus.Wer hier barockes Geprotze oder den dezenten Charme gepuderter Hofschranzen erwartet, wird jedoch enttäuscht.Angestaubter Krimskrams, Getränkekisten und die unvermeidlichen Sofas beherrschen das Bild.Einige Wandgemälde sind mittlerweile etwas verblichen."So zehn Jahre müssen die alt sein", vermutet Bernd, der mit Manuel bei düsterer Musik allein im "King Louis" sitzt und lernt. Es ist nicht immer so leer hier."Die Studis aus den angrenzenden Sälen kommen häufig her - um etwas zu trinken oder um Dart zu spielen".Trotzdem klingt bei Bernd Resignation durch: "Neue Leute kommen kaum dazu.Vielleicht, weil die Studienordnung gerade wieder verschärft worden ist und die Studenten kein Engagement mehr aufbringen wollen; vielleicht auch, weil sie eigentlich alles supergut finden, so wie es läuft".Er wuchtet seinen dick eingegipsten Arm herum, blickt versunken in seine Tasche und fingert eine Arzneipackung hervor.Dann lacht er: "Oder die fressen auch alle diese Schmerztabletten." Artikel über Cafés an FU und HU folgen.

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