Gesundheit : Schon die alten Römer kannten die Macht des Show-Business

Mathias Orgeldinger

Pferderennen, Theater und Gladiatorenkämpfe stellten das rebellische Volk zufriedenMathias Orgeldinger

In den letzten 2000 Jahren ist es uns gelungen, den römischen Daumen durch einen simplen Schalter zu ersetzen. Die modernen Gladiatoren der Unterhaltungsindustrie, die Schauspieler, Talkgäste und Sportler, werden heute per Einschaltquote gerichtet. Blut fließt nur noch bei "tragischen Unfällen" wie etwa in der Formel 1. Dem Daumen nach unten folgt nicht mehr der sichere Tod.

Dagegen profitieren die modernen "Spielgeber" - ob bewusst oder unbewusst - in ähnlicher Weise von den Früchten der Massenunterhaltung wie die Herrscher Roms. Zunächst kommerziell, dann aber auch politisch, indem sie den Wunsch der Bevölkerung nach Selbstbestimmung und Teilhabe in einer gigantischen Freizeitarena opfern. Die Ausstellung "Gladiatoren und Caesaren" des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist also hoch aktuell. Das Volk sei völlig gleichgültig geworden, beklagte einst der römische Dichter Juvenal. Es habe nur noch zwei Wünsche: "panem et circenses - Brot und Spiele."

500 Jahre im Rausch der Spiele

Ein halbes Jahrtausend taumelte das römische Reich in einem wahren Spielrausch. Das Theater bot Komödien und Tragödien, im Stadion wurde gelaufen, geboxt und gerungen, der Circus lockte mit riskanten Wagenrennen und im Amphitheater eskalierten Orgien der Gewalt: Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen und Massenhinrichtungen.

Die Senke unterhalb des Palatin in Rom diente schon in der Frühzeit als natürliche Rennbahn, die nach und nach zum Circus maximus ausgebaut wurde. Das genaue Fassungsvermögen dieser Superarena ist nicht bekannt. Möglicherweise bot sie in der Blütezeit des Rennwesens im 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert bis zu 250 000 Menschen Platz. Hier traf sich also regelmäßig ein Viertel der damaligen Stadtbevölkerung, denn der Eintritt war frei. Verständlich, dass sich die römischen Kaiser seit Domitian (81-96 n. Chr.) das alleinige Recht herausnahmen, solche Massenspektakel auszurichten. Nicht immer jubelte das Volk, und so manche Revolte nahm ihren Ausgang im Circus. Doch war hier die Wut des Volkes besser zu kontrollieren als außerhalb der Arena. Selbst wenn sich die Bürger nicht durch den gigantischen Aufwand bestechen ließen, profitierte der Kaiser davon, dass die Leute beim Wagenrennen ihren Frust hinausschreien konnten.

Die Analogie mit dem heutigen "Formel 1-Zirkus" ist frappant. Vier "Circusparteien ", nach der Farbe ihrer Tuniken "die Blauen", "die Grünen", "die Roten" und "die Weißen" genannt, traten an. Meist stellte jeder Rennstall drei Gespanne, so dass zwölf Wagenlenker am Start waren. Die Treue der Fans galt den Parteien, weniger den Fahrern. Diese fuhren dort, wo sie am besten bezahlt wurden. Waren auch sie selbst die Besten, wurden sie schnell zu Großverdienern. Gaius Appuleius Diocles, der im 2. Jahrundert in 4257 Rennen 1462 Mal den Sieg davon trug, brachte es in 25 Jahren auf knapp 36 Millionen Sesterzen, während sich ein Legionär mit einem Jahressold von 900 Sesterzen zufrieden geben musste.

Keine Filmszene hat unser Bild vom antiken Rom so nachhaltig geprägt wie die acht Minuten und zwanzig Sekunden in dem Hollywood-Monumentalschinken Ben Hur, in denen der Held seine Quadriga antreibt. Obwohl es den Romanhelden nie wirklich gegeben hat und viele Details falsch dargestellt sind - rotierende Messer an den Wagenrädern wären nie zugelassen worden und Araberhengste gab es damals noch nicht -, vermittelt der Streifen von 1959 einen authentischen Eindruck von der Atmosphäre eines römischen Wagenrennens.

Erfolgreiche Kämpfer wurden reich

Der Historiker Marcus Junkelmann, der sich der experimentellen Archäologie verschrieben hat, schätzt das Gewicht römischer Rennwagen auf höchstens 30 Kilogramm. Die vier Pferde konnten somit mühelos sieben Runden überstehen, was im Circus maximus einer Rennstrecke von 5200 Metern entsprach. Ungefährlich war dieser Sport freilich nicht.

Aufgrund ihrer langen Tradition hatten die Wagenrennen bei der römischen Oberschicht einen besseren Ruf als die Gladiatorenkämpfe. Was allerdings die feinen Damen keineswegs davon abhielt, sich mit berühmten Fechtern einzulassen. Offenbar ging von dem grausamen Kampf auf Leben und Tod eine starke, mitunter sogar erotische Anziehungskraft aus. Besonders bei den Frauen, die das Geschehen von gesonderten Sitzplätzen aus beobachteten. Erfolgreiche Kämpfer konnten ein Vermögen machen. Neben dem obligatorischen Palmzweig winkte dem Sieger vor allem Geld. Andenkenläden verkauften Messer, Lampen und Taschenspiegel, auf denen Kampfszenen eingraviert waren. Graffitis von Gladiatoren schmückten die Wohnhäuser und selbst nach dem Tod ehrte man die Helden mit aufwendigen Grabstelen.

Doch nur wenige Fechter konnten sich zur Ruhe setzen. Die meisten beendeten ihr Leben in der Arena: "Iugula", schrie das Volk, "stich ihn ab!" Hatte ein Gladiator im 1. Jahrhundert n. Chr. noch eine statistische Chance von 9:1, den Kampfplatz lebend zu verlassen, so sank diese im 3. Jahrhundert auf 3:1. Und Anlässe zum Kämpfen gab es genug: Rom kannte bis zu 170 Feiertage im Jahr. Besonders hart traf es die Verbrecher, Sklaven oder Kriegsgefangenen, die "ad gladium" (zum Schwert) oder "ad bestias" (zum Kampf mit wilden Tieren) verurteilt waren. Etwas besser hatten es jene, deren Richterspruch "ad ludum" hieß. Sie genossen eine solide Ausbildung in einer privaten oder staatlichen Gladiatorenschule. Auch Freiwillige versuchten dort ihr Glück.

Obwohl der Gladiatorenkampf in Süditalien seinen Ursprung hatte, entwickelten ihn erst die Römer zu zweifelhafter Größe. Bei einer Leichenfeier für Decimus Junius Pero traten 264 v. Chr. die ersten drei Fechtpaare gegeneinander an. Während bei öffentlichen Spielen (ludi) Wagenrennen und Theaterstücke gezeigt wurden, kamen bei der Bestattung einflussreicher Römer die Gladiatorenkämpfe in Mode. Sie wurden munera genannt, in Anlehnung an die Verpflichtung, die Seele des Toten durch menschliches Blut zu besänftigen.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der religiöse Brauch politisch ausgeschlachtet. Wer ein Staatsamt anstrebte, veranstaltete großartige Spiele, um seine Wähler zu beeinflussen. Deshalb musste beispielsweise Cäsars Vater 20 Jahre auf seine Leichenfeier warten. Die Spiele im Jahr 46 v. Chr. stellten denn auch alles in den Schatten, was Rom bis dato erlebt hatte. Allein die Verteilung von Getreide, Öl und Bargeld verschlang 60 Millionen Sesterzen. Für eine Seeschlacht mit phönizischen und ägyptischen Galeeren wurde eigens ein Teich ausgehoben, in der Arena kämpften über 600 Gladiatoren. Rom brodelte: "In der Masse wurden immer wieder Menschen erdrückt, unter ihnen zwei Senatoren", berichtet der Chronist Sueton.

Erst der Sieg des Christentums brachte das langsame Aus für die römische Unterhaltungsbranche. Zunächst wurden die Theaterdarbietungen wegen schlüpfriger Szenen geächtet. Im Jahr 404 n. Chr. erlies Kaiser Honorius schließlich ein formelles Verbot der munera. Seither hat kein europäisches Land jemals wieder solch menschenverachtende Schauspiele zugelassen.Die Ausstellung "Gladiatoren und Caesaren" läuft noch bis zum 18. Juni 2000. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Katalog 39,90 DM

Informationen: Museum für Kunst und Gewerbe Steintorplatz 1, direkt am Hauptbahnhof, Tel.: 040/42854 2719

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