Gesundheit : Schon vor 200 Jahren entbrannten heftige Auseinandersetzungen um den Neubau am Lustgarten

Tilmann Warnecke

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften grub den vergessenen Gründer des Alten Museums wieder ausTilmann Warnecke

Die Vorgänge klingen hochaktuell, fanden aber vor knapp 200 Jahren statt: Da die königlichen Sammlungen über die ganze Stadt verstreut und schwer zugänglich waren, wurde eigens eine Museumskommission eingesetzt. Sie sollte die Bestände neu ordnen. Doch über die Pläne für einen Neubau entbrannten jahrelange Auseinandersetzungen, deren Heftigkeit den Debatten der gegenwärtigen Kulturpolitik in nichts nachstand. Damals gerieten zwei renommierte Koryphäen gerieten: Aloys Hirt, der an der Königlichen Bauakademie Kunstgeschichte lehrte, und sein Schüler, der berühmte Baumeister Karl Friedrich Schinkel. Um es vorweg zu nehmen: Als der Streit 1829 für Schinkels Entwurf eines Neubaues am Lustgarten entschieden war, zog sich Hirt verbittert zurück und geriet in Vergessenheit.

Dabei hatte Aloys Hirt bereits mehr als dreißig Jahre zuvor als erster vorgeschlagen, die königlichen Sammlungen zu vereinen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er gilt somit als der eigentliche Inititator des Alten Museums. Um den vergessenen Vater der Berliner Museumsinsel wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, veranstaltete die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften vergangenes Wochenende eine öffentliche Tagung. Zwölf Wissenschaftler analysierten die verschiedenen Facetten seines Werkes. Denn Hirt spielte nicht nur bei der Planung des Alten Museums eine entscheidene Rolle. Im Berlin des beginnenden 19. Jahrhunderts war er eine Schlüsselfigur des kulturellen Lebens. 1797 ernannte Friedrich Wilhelm II den 38-Jährigen zum Hofrat und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Wenig später wurde er Professor an der Akademie der Künste und an der Bauakademie. An die 1810 gegründete Universität Unter den Linden beriefen ihn die Gebrüder Humboldt sofort zum Professor für Archäologie. Er beriet das Königshaus bei der Ausstattung der Schlösser und Ankäufen für die Kunstsammlungen. Mit dem jungen Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm IV. paukte Hirt in Sanssouci die antiken Künste. "Hirt war eine komplexe Persönlichkeit", meinte Beatrice Schroedter, eine der Organisatoren der Tagung. "Als Archäologe und Kunstkenner entwickelte er seine Vision für Berlin. Als preußischer Staatsbeamte versuchte er, diese in die Praxis umzusetzen." Sie fügte hinzu: "Wir wollten auch vor dem aktuellen Hintergrund der Berliner Stadtplanung wissen: Wie machte man das eigentlich im 19. Jahrhundert?"

Wäre es nach Hirt gegangen, stände das Alte Museum jetzt 500 Meter weiter Richtung Westen, an der Stelle der Neuen Wache. Als er 1797 König Friedrich Wilhelm II. die Idee eines Museums für die königlichen Kunstsammlungen vortrug, schwebte ihm ein "schlichter, aber würdevoller Bau" vor. Der König war begeistert, ebenso sein Sohn Friedrich Wilhelm III., der ihm noch im selben Jahr auf den Thron folgte. Die Napoleonischen Kriege machten Hirt jedoch einen Strich durch die Rechnung und verhinderten die Ausführung seiner Pläne. Erst nach 1815 konnte die Planung wieder aufgenommen werden - aber jetzt war Hirt in seinem Schüler Schinkel ein streitbarer Widersacher erwachsen.

Die lebenslange Feindschaft der beiden berühmten Zeitgenossen stand im Mittelpunkt der Tagung - schließlich liegt darin der entscheidende Grund für das spätere Vergessen von Hirts Person und Werk. Hirt wollte ein akademisches Museum, in dem das Lernen von den antiken Schaustücken im Mittelpunkt steht. Der Platz am Lustgarten war ihm ein Gräuel - angegliedert an Akademie und Universität sollte das Museum sein, der Bau sich nicht zum Selbstzweck erheben. Auch die Rotunde, das architektonische Zentrum des Schinkel-Baus, wurde von Hirt scharf angegriffen. Dadurch feiere sich das Museum selbst, monierte er damals. Die ausgestellten Skulpturen gerieten zur Nebensache. Bei Hofe fanden Schinkels Entwürfe jedoch ungeteilte Zustimmung, er traf genau den Hang zur eitlen Selbstdarstellung der neu erstarkten preußischen Monarchie. Hirt verließ daraufhin die Kommission.

Bis dahin war sein Aufstieg am Hof steil und außergewöhnlich gewesen. 1796 kam er auf Empfehlung der Maitresse des Königs nach Berlin. "Hirt war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort", erklärte Claudia Sedlarz, die zurzeit an der Akademie der Wissenschaften die Gesamtausgabe der Werke von Karl Philipp Moritz herausgibt. Im Rahmen dieser Arbeit stieß sie erstmals auf Aloys Hirt. Hirt lebte zuvor vierzehn Jahre in Rom und galt als der beste Kenner der antiken Kunstschätze. Goethe war von ihm begeistert, Herder, die Fürstin Anna Amalia und eben auch der Literat Karl Philipp Moritz. Als Mann, der die römischen Kunstwerke intensiv studiert hatte, galt er als ideale Besetzung für einen Beraterposten am preußischen Hof. Da war es zweitrangig, dass Hirt eigentlich Philosophie und Jura studiert und seine Kunstkenntnisse erst in Rom angeeignet hatte.

Ungewöhnliche Unterstützung für die Tagung kam aus Behla, einem 400-Seelen-Dorf nahe Donaueschingen. Dort war Hirt 1759 geboren worden. In Berlin war zunächst für die Tagung kein Geld aufzutreiben. In letzter Not fuhr Claudia Sedlarz nach Behla. Dort war man über die Bedeutung des berühmtesten Dorfsohnes in der Hauptstadt hocherfreut. Eine Computerfirma sprang ein, um die Unkosten zu decken. Jetzt wird noch nach einem Sponsor für die Finanzierung des Tagungsbandes gesucht. "Ich rechne fest damit, dass es in den nächsten Jahren zu einer Hirt-Renaissance in Berlin kommt", meinte Claudia Sedlarz. Bisher erinnert nur die Inschrift über dem Säulenportal des Alten Museums an ihn - die durfte sich Hirt trotz der Ablehnung seiner Pläne aussuchen. Er starb 1837 in Berlin.

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