Gesundheit : Schüler fragen Vertriebene

Tilmann Warnecke

Versöhnung klingt anders. „Der Bund der Vertriebenen ist eine Opferorganisation und hat diese Rolle auch zu erfüllen“, sagt Erika Steinbach. „Sie sagen, Sie haben Mitgefühl für uns. Das ist unglaubwürdig, wenn Sie Tausende von Klageschriften nach Polen schicken“, gibt Jan Rydel, polnischer Botschaftsrat in Berlin, zurück. Das Publikum hält den Atem an. „Man hört Vorwürfe über Vorwürfe“, kommentiert die Moderatorin.

Hitzige Diskussionen über das unter der Federführung von Erika Steinbachs Bund der Vertriebenen geplante Zentrum gegen Vertreibungen sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist jedoch, dass Erika Steinbach und Jan Rydel vor hundert Oberstufenschülern in der Aula einer Berliner Schule, dem Friedenauer Rheingau-Gymnasium, über die Vertreibungen am Ende des Zweiten Weltkriegs streiten. Die Moderatorin heißt Shari Gall, ist 18 Jahre alt und hat zusammen mit ihrem Grundkurs in Politischer Weltkunde das Streitgespräch organisiert. Anschaulicher Unterricht wird oft gefordert, aber nur selten realisiert. In der Aula des Rheingau-Gymnasiums wird Geschichte dank des Engagements der Schüler tatsächlich lebendig.

Shari und ihre Mitschülerin Theres Kirschner sind gut vorbereitet auf die Moderation. Ihre Fragen sitzen: „Wie steht es mit Eigentumsansprüchen von deutschen Vertriebenen in Polen?“ Ulrich Krüger, dessen Eltern aus Westpreußen vertrieben wurden, antwortet: „Es geht um Heimat, nicht um Rückgabe, verdammt.“ Eckart Barthel, SPD-Bundestagsabgeordneter, versucht auf dem Podium zu vermitteln: „Gerade vor diesen Ansprüchen haben Polen Angst. Das dürfen Sie nicht ausblenden.“

Für das Thema Vertreibung waren die Schüler anfangs nur schwer zu begeistern. Als die Lehrerin die Menschen und deren Leid in den Mittelpunkt stellte, packte es die Schüler doch noch. Die Idee, Politiker und Betroffene einzuladen, kam ihnen, als sie die Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibung mit verteilten Rollen durchspielten. „Da merkten wir, dass wir viele Fragen nicht beantworten können“, sagt Theres Kirschner. Warum also nicht die Beteiligten einladen, um die Antworten von ihnen zu hören?

Wie politische Diskussionsrunden zustande kommen, lernten die Schüler nebenbei auch. Anfangs sagte ihnen ein Politiker nach dem anderen ab. Als sie die Zusage von Erika Steinbach hatten, „wollten die anderen plötzlich auch. Man braucht also ein Zugpferd“, sagt Kirschner.

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