Gesundheit : Schüler lernen weniger, Lehrer verdienen mehr

Stillstand seit 20 Jahren / Deutschland schneidet beim neuen OECD-Bildungsbericht wieder schlecht ab

Bärbel Schubert

Nach der Schulstudie Pisa hat Deutschland erneut schlechte Nachrichten über den Zustand seines Bildungssystems bekommen. Vom Kindergarten bis zur Hochschule bescheinigte der Bildungsexperte der OECD, Andreas Schleicher, Deutschland großen Nachholbedarf bei den Bildungsreformen. „Der Vergleich mit anderen Industrienationen zeigt aber, dass die heutigen Probleme lösbar sind“, sagte Schleicher bei der Vorstellung der neuen OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ in Berlin. Das Werk wurde international am Dienstag veröffentlicht.

Während andere Industriestaaten ihr Bildungssystem auch im Hochschulbereich in den letzten Jahren dynamisch ausgebaut haben, herrscht in der Bundesrepublik seit 20 Jahren nahezu Stagnation, so der Hauptverantwortliche für die Studie. So liegt das ehemals führende Deutschland bei den Studentenzahlen inzwischen weit zurück. Im Durchschnitt der Industriestaaten nimmt heute jeder zweite Schulabgänger ein Studium auf. In Finnland, Island, Neuseeland, Polen, Schweden und Ungarn sind es sogar über 60 Prozent. In Deutschland liegt dieser Anteil dagegen mit 30 Prozent am unteren Ende der Skala – trotz eines leichten Anstiegs um zwei Prozent im vergangenen Jahr.

Dazu kommt die hohe Studienabbrecherquote in Deutschland, so dass nur 19 Prozent der jungen Menschen einen Hochschulabschluss erwerben. In den Konkurrenzländern auf dem Weltmarkt schafft das inzwischen mehr als jeder Dritte.

Förderung als Erfolgskonzept

Dabei wird das Potenzial der Studienberechtigten bereits weitgehend ausgeschöpft. Das entscheidende Nadelöhr ist die Schulbildung: Deutschland führt mit 37 Prozent eines Jahrgangs zu wenige Jugendliche bis zum Abitur oder einer anderen Hochschulzugangsberechtigung. Im Durchschnitt aller OECD-Staaten sind es 64 Prozent der Jugendlichen. In allen Industriestaaten werde aber der Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften steigen, warnte Schleicher. Selbst wenn man berücksichtige, dass in Deutschland anders als in den meisten Industrienationen ein Teil als hoch qualifizierte Techniker und Meister ausgebildet werden, drohe der Bundesrepublik absehbar ein Fachkräftemangel.

„Wir können jetzt die Bildungsstrategien der erfolgreichen Staaten zu 70 Prozent beschreiben“, erläuterte Schleicher den Fortschritt im Vergleich zu früheren Studien. An den Schulen gehöre eine ausgeprägte individuelle Förderung der Kinder zum Kernbereich der Erfolgsstrategien. So werden beispielsweise an den finnischen Grundschulen relativ wenige Unterrichtsstunden erteilt. Zusätzlich gibt es aber 40 Prozent dieses Stundenvolumens als individuelle Förderung. Finnland ist Spitzenreiter im internationalen Lesetest.

Alarmierend ist vor diesem Hintergrund das Urteil der Schüler über das Unterrichtsklima. Die Jugendlichen vermissen bei ihren Lehrern Hilfe beim Lernen und Interesse an den Lernfortschritten. Nur 41 Prozent der 15-Jährigen gibt an, dass die Lehrkraft sich in fast jeder Unterrichtsstunde für die Lernfortschritte interessiert. Am negativsten beurteilen in Deutschland Schüler aus armen Elternhäusern das Unterrichtsklima.

Zum Erfolgskonzept in der Bildung gehören ferner Investitionen an Grundschulen und Kindergärten sowie durchlässige Bildungsgänge. „In Australien man sich nicht schon in der vierten Klasse entscheiden, ob man einmal studieren will“, sagte Schleicher. Dort könnten auch bei einer beruflichen Ausbildung etwa zum Kfz-Mechaniker Qualifikationen erworben werden, sogenannte Credits, die später bei einem Studium angerechnet werden können. Bei den Grundschulen und Kindergärten liegt die Bundesrepublik klar hinter dem international Üblichen zurück. 752 Unterrichtsstunden verbringt hierzulande ein neunjähriger Schüler im Klassenzimmer. Im internationalen Durchschnitt sind dies 829 Stunden. Lücken tun sich in Deutschland auch bei der Computernutzung auf. 22 Schüler teilen sich hier einen Computer, im OECD-Durchschnitt sind es 13.

Die Einkommenssituation und die Stundenbelastung der Lehrer in Deutschland wird von der OECD als „weiterhin günstig“ eingestuft. So reichen die Gehälter von Lehrern im Sekundarbereich I (meist Klasse 5 bis 10) nach 15 Jahren im Beruf von weniger 10 000 US-Dollar in Ungarn und der Tschechischen Republik bis zu 40 000 US-Dollar und mehr in Deutschland, Japan, Korea, der Schweiz und den Vereinigten Staaten. Die Angaben verstehen sich jeweils kaufkraftbereinigt. Schwieriger zu beurteilen ist die Stundenbelastung. An den deutschen Grundschulen arbeiten die Lehrer danach weniger als im OECD-Jahresschnitt, ab Klasse 5 geringfügig mehr. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass viele Staaten ganztägige Anwesenheit von den Lehrern verlangen. „Die Probleme liegen in der Struktur des Lernangebots an den Schulen“, sagte Schleicher zu den Ursachen. „Große Klassen, wenige Stunden, unterdurchschnittliche Bildungsausgaben bestimmen in Deutschland das Bild.“

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) kündigte weitere Anstrengungen an, den Hochschulbesuch in Deutschland attraktiver zu machen. Nach der Bafög-Reform sei die Studienanfängerquote bereits von 28 auf 32 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) warnte dagegen als Vertreterin der Kultusministerkonferenz vor einer neuen Debatte um mehr Abiturienten und eine höhere Studierquote.

Studium lohnt im Ausland mehr

Allerdings zahlt sich ein Studium in den meisten anderen Industriestaaten stärker aus als in Deutschland. Männliche Akademiker zwischen 30 und 40 Jahren verdienen dem Bericht zufolge im internationalen Durchschnitt 60 Prozent mehr als als Beschäftigte ohne Studium. Bei den Frauen ist dies mit gewissen Unterschieden zwischen den Staaten weniger. Die OECD hat die Nachteile und Vorteile eines Studiums miteinander verrechnet. Das Ergebnis: In Großbritannien haben Akademiker mit 17 Prozent bei den Männern und 15 Prozent bei den Frauen unter den Ländern mit vergleichbaren Daten den größten Nutzen. In Deutschland beträgt dieser Wert nur neun Prozent bei den Männern und acht Prozent bei den Frauen. Allerdings werden beide mit Hochschulabschluss seltener arbeitslos. Bulmahn warnte gleichwohl vor einer neuen Studiengebühren-Debatte, um das gerade wieder wachsende Interesse am Studium nicht zu dämpfen.

Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehören 30 Industriestaaten aus aller Welt an.

0 Kommentare

Neuester Kommentar