Gesundheit : Schüppchen für Schüppchen

Bei der Schuppenflechte rötet sich die Haut und bildet ständig neue Schichten - neue Wirkstoffe lassen eine Linderung erhoffen

Paul Janositz

„Es begann mit kleinen Flecken am Rücken“, sagt Jörg Schiffler. Als das Jucken und das Schuppen immer stärker wurde, ging der damals 34-jährige Elektroniker zum Hautarzt. Die Diagnose: Schuppenflechte. Ohne sich Zeit zu nehmen, den Patienten detailliert über die auch „Psoriasis“ genannte Krankheit aufzuklären, verschrieb der Dermatologe eine UV-Bestrahlung. Doch die Lichttherapie half nicht. Das Leiden verschlimmerte sich, griff auf den ganzen Oberkörper, auf Arme und Beine über.

„Wenn ich mich bewegte, rieselten die Hautpartikel auf den Boden“, erzählt Schiffler. Er wechselte den Arzt, bekam Medikamente, die das Immunsystem dämpfen sollten, kam eine Zeit lang ins Krankenhaus, nahm an einer Studie teil, doch die Schuppenflechte wurde im Lauf von zwei Jahren nicht besser, sondern schlechter: Sie griff aufs Gesicht über.

Und doch präsentiert sich Schiffler heute flecken- und schuppenlos. Das liege an einem Medikament mit dem Wirkstoff Efalizumab, sagte er jetzt auf einer Veranstaltung des Deutschen Psoriasis-Bundes in Berlin. Einmal wöchentlich muss das Präparat unter die Bauchhaut gespritzt werden. Das kann der Patient zu Hause erledigen, wie es Diabetiker beim Spritzen von Insulin tun. „Bei dem Wirkstoff handelt es sich um einen Antikörper, der das Immunsystem bremst“, sagt Thomas Dirschka, Dermatologe aus Wuppertal und Dozent an der Uni Witten-Herdecke. Die Substanz greift nicht auf breiter Front an, sondern blockiert eine bestimmte Art von T-Zellen: spezielle weiße Blutkörperchen, die für die überbordende Abwehrreaktion bei Psoriasis-Patienten ursächlich sind.

Eigentlich ist es die Aufgabe der T-Zellen, die Immunabwehr des Körpers zu organisieren. Aufgrund einer Fehlsteuerung richtet sich diese Abwehr bei Psoriasis-Kranken gegen den eigenen Körper. Unsicher ist bis heute, ob die Krankheit von außen oder von innen angestoßen wird. Im ersten Fall wäre ein Antigen, eine vom Körper als fremd erkannte Substanz, der Auslöser. Andernfalls wären es körpereigene Zellen, die vom Immunsystem fälschlicherweise als „fremd“ interpretiert würden.

Die T-Zellen werden jedenfalls durch die Meldung, ein Fremdling sei eingedrungen, alarmiert, eine Entzündungsreaktion kommt in Gang. Die obere Hautschicht, die aus Hornzellen besteht, schwillt an. An den betroffenen Stellen entstehen im Zeitraffertempo neue Hornzellen, die jedoch nicht mehr ganz ausgereift sind. Während sich die Haut eines gesunden Menschen innerhalb von vier Wochen erneuert, geschieht dies bei Psoriatikern innerhalb von sechs bis sieben Tagen. Die Masse von Hornzellen wächst aber zu keinem zusammenhängenden Belag zusammen. An der Oberfläche bilden sich vielmehr lockere Schuppen, die abgestoßen werden.

In diesen Vorgang sollen biotechnologisch hergestellte Eiweißstoffe eingreifen, die erst durch Fortschritte in der Molekularbiologie und Gentechnik möglich wurden. Sie fallen durch zungenbrecherische Bezeichnungen auf: Neben Efalizumab gibt es mit Infliximab und Adalimunab weitere Antikörper, die bei der Psoriasis-Therapie eine Rolle spielen könnten. Allerdings gibt es noch keine Zulassung dafür. Dasselbe gilt für die Proteine Etanerzept und Alefacept.

Die Substanzen zeichnen sich dadurch aus, dass sie körpereigene Stoffe blockieren, die die Entzündung verursachen oder unterhalten. „Der Antikörper Efalizumab bindet sich an die T-Zellen im Blut“, sagt Dirschka. Da die Immunzellen dadurch nicht mehr an die Wände der Blutgefäße andocken können, ist ihnen der Weg in die Haut versperrt, die entzündlichen Prozesse sind gestoppt.

Die Wirksamkeit des Antikörpers belegt Dirschka mit Studien, an denen mehr als 3500 Psoriasis-Patienten mit mittelschweren bis schweren Symptomen teilnahmen. Bei gut der Hälfte von ihnen war nach zwölf Wochen Therapie eine mehr als 50-prozentige Besserung der Symptome nachweisbar, während dies bei Gabe eines Scheinmedikaments nur bei 15 Prozent der Patienten der Fall war. Bei jedem vierten Studienteilnehmer stellte man sogar eine 75-prozentige Reduktion der Hautschäden fest, gegenüber vier Prozent bei einem Scheinmedikament. Nach einer Langzeittherapie über sechs Monate bezeichneten zwei Drittel der Patienten ihren Zustand als erheblich verbessert.

„Ein weiterer Vorteil ist die gute Verträglichkeit“, sagt der Dermatologe. Das bestätigt auch Psoriasis-Patient Schiffler. Selbst grippeähnliche Symptome, die oft den Anfang der Therapie begleiten, seien bei ihm ausgeblieben. Das ist bemerkenswert, weil konventionelle Schuppenflechte-Mittel nicht selten schwere Nebenwirkungen haben. So können Fumarsäure, das Krebsmittel Methotrexat oder Ciclosporin, die das Immunsystem durch Zerstörung der T-Zellen zu schwächen suchen, Niere oder Leber belasten und Blutwerte verschlimmern.

Andererseits ist noch unbekannt, welche Nebenwirkungen eine jahrelange Anwendung mit sich bringt. Die Therapie ist als Dauerbehandlung angelegt. Bei Absetzen des Antikörpers besteht – wie bei den übrigen Medikamenten gegen die Schuppenflechte – die Gefahr, dass sich die Krankheit verschlimmert. Angesichts des Preises von bis zu 4000 Euro pro Quartal könnte man befürchten, dass die innovative Therapie den Krankenkassen zu teuer werden könnte. Doch dafür gibt es keine Anzeichen, zumal auch die konventionelle Dauerbehandlung schwerer Formen von Schuppenflechte jährlich einige 1000 Euro kostet. „Die Verschreibung des Antikörpers muss allerdings gut begründet werden“, sagt Thomas Rosenbach, Dermatologe aus Osnabrück.

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