Gesundheit : Schule machen!

Jeder kann helfen – ein neues Bündnis für die Bildung setzt auf private Initiativen

Tilmann Warnecke

Was würde eigentlich passieren, wenn zehn Omas und Opas in Deutschland beschließen, sich an der Schule ihrer Enkel zu engagieren? Diese Frage stellten sich unlängst Mitarbeiter der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Sie kamen bei ihren Überlegungen zu zwei Ergebnissen. Erstens: Das Szenario ist eher unwahrscheinlich. Zweitens, sagt Heike Kahl, die DKJS-Geschäftsführerin, „dachten viele von uns, dass die Schulen damit heillos überfordert wären“. Das Projekt sei also zum Scheitern verurteilt.

Wirklich? Heike Kahl und ihren Mitstreitern ließ die Sache keine Ruhe. Hat man nicht schon mal gehört, dass in den erfolgreichen Pisa-Ländern Finnland oder Kanada alle in der Schule mithelfen und damit die Erreger jener „ansteckenden Gesundheit“ verbreiten, die Bildung heißt? Warum also nicht auch in Deutschland? Gestern stellte Heike Kahl in Berlin die Antwort der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung vor: Ein neues Bündnis für Bildung, das den Namen „Schule machen!“ trägt. Es soll eine große Ideenwerkstatt sein, an der sich alle beteiligen können, die die Schule vor Ort verändern wollen – Unternehmen, Vereine und jeder Einzelne. „Werden Sie kritische Freunde der Schule, helfen Sie mit Ihrem Wissen und Ihrer Zeit – im Großen wie im Kleinen“, warb Kahl.

Seit die neue Pisa-Studie vorgestellt wurde, streiten Politiker, Gewerkschaften und Erziehungswissenschaftler heftig über Konsequenzen. „Die Schule ist ein Ort, an dem die gesamte Gesellschaft ihre Kräfte einsetzen muss – nicht nur die Politik“, sagte Christina Rau, die Vorsitzende der Jugendstiftung und Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten. Zu den vielen Unterstützern der Initiative gehören das Top-Model Nadja Auermann, die Moderatorin Maybrit Illner oder das Pop-Duo Rosenstolz.

Kann man erst etwas bewegen, wenn das mehrgliedrige Schulsystem zugunsten einer „Gemeinschaftsschule“ abgeschafft ist? „Auch die Hauptschule kann gelingen, wenn sich die lokale Wirtschaft für sie interessiert“, meint Christina Rau. Viel wichtiger, als mit einem Schlag das ganze Schulsystem zu ändern, seien zwei Punkte, denen in der derzeitigen Diskussion weniger Beachtung geschenkt wird, meint auch Jürgen Baumert, der deutsche Koordinator der ersten Pisa-Studie. Es fehle in Deutschland „ein Ethos der Verantwortung“, wenn es um Schulen geht. Zu viele warteten lieber auf Hilfe anderer, als selbst etwas in Gang zu bringen.

Wahrscheinlich hatte Baumert dabei auch Eltern im Sinn, die den Lehrern die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder zu schieben. Oder Lehrer, die sich von schlechten Rahmenbedingungen unterkriegen lassen. Andere, die es sich leisten können, weichen lieber aus, anstatt die Mängel anzugehen. Peter Meyer-Dohm, ehemals Direktor der Abteilung Coaching im Volkswagen-Konzern, berichtete, wie gut situierte Bekannte das Problem lösen: Sie schicken ihre Kinder nach England auf Privatschulen und fordern die Neugründung von Schulen hierzulande: „Bestehendes verbessern, das will niemand.“

Ein Blick zum Pisa-Sieger Finnland zeigt, wie die von Baumert geforderte „zivilgesellschaftliche Kultur in der Schule“ aussehen kann. Die Lehrer verstehen sich im Unterricht „als Helfer“ der Schüler, sagte Matti Meri, Direktor des Instituts für angewandte Erziehungswissenschaften an der Universität Helsinki. Gemeinsam mit den Eltern und Schülern evaluieren sie zwei Mal pro Jahr gemeinsam, ob die Kinder ihre Lernziele erreicht haben. Gute Projekte aus Nachbarschulen nehmen Lehrer dankbar auf. Und: Die gesellschaftliche Reputation der Lehrer ist – anders als hierzulande – hoch. „In Finnland herrscht Konsens, dass der Lehrerberuf der wichtigste für die Gesellschaft ist“, sagte Meri.

Einige vorbildliche Beispiele aus Deutschland sind in dem Film „Treibhäuser der Zukunft – Wie in Deutschland Schulen gelingen“ des Dokumentarfilmers Reinhard Kahl zu sehen. Der Film wird am Sonntag in bundesweit 30 Kinos gezeigt. Die Verantwortlichen sprechen bereits von einem Ansturm auf die Kinokarten. Unter den Lehrern, die den Film bereits gesehen haben, hätten manche vor Rührung geweint. „In Deutschland wird oft übersehen, dass es nicht immer die großen Visionen sind, die uns nach vorn bringen, sondern auch die kleinen Schritte“, sagte Baumert. Die neue Initiative ist ein Anfang.

Der Film wird in Berlin am 12. Dezember in den Cinemaxx Kinos Colosseum, Potsdamer Platz und Hohenschönhausen um 12 Uhr 30 gezeigt. Karten nur unter www.bildungscent.de. Die Initiative „Schule machen!“ ist zu erreichen unter 030/25767621, Internet: www.schulemachen.de

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