Gesundheit : Schule: "Von Hass belastet"

Das Verhältnis zwischen Palästinensern u

Falk Pingel ist stellvertretender Direktor des Georg Eckert-Instituts. Er betreut die deutsch-israelischen Schulbuchkonferenzen.

Das Verhältnis zwischen Palästinensern und Israelis ist schwierig. Warum sprechen beide Seiten von Vorurteilen in ihren Schulbüchern?

Das auf beiden Seiten von Hass belastete Verhältnis spielt natürlich auch in der Schule eine Rolle. Darüber forscht eine israelisch-palästinensische Projektgruppe. Sie arbeitet seit 1995 und wird jetzt die erste vergleichende Studie der gebräuchlichen Unterrichtsmaterialien veröffentlichen. Gemeinsam formulierte Empfehlungen sollen zum Dialog und Respekt vor der Sichtweise des Anderen führen. Erst im letzten Jahr hat die palästinensische Autonomiebehörde eigene Schulbücher herausgegeben, unter anderem für Geschichte, Sozialkunde, arabische Sprache und Islamkunde. Bis dahin wurden Texte aus Jordanien und Ägypten benutzt, die den Palästinensern eine eigenständige Nationalgeschichte weitgehend absprechen.

Warum ist das Georg-Eckert-Institut in Braunschweig in die Gespräche eingeschaltet?

Als stellvertretender Direktor des Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung bin ich Koordinator der Projektgruppe. Das Institut hat in seinem 26-jährigen Bestehen Erfahrungen mit der Schulbuchrevision in mehreren Krisenregionen. Es war an der Arbeit der Schulbuchkommissionen von Deutschland und Polen sowie Deutschland und Israel beteiligt und engagiert sich auf dem Balkan und in der Gemeinschaft der unabhängigen russischen Staaten.

Was hat die Projektgruppe bisher erreicht?

Wir haben eine Analyse aller israelischen Geschichts- und Sozialkundebücher sowie der palästinensischen Geschichts- und Sozialkundebücher gemacht, die gegenwärtig in der Schule benutzt werden. Für Palästina haben wir auch Bücher der anderen Fächer einbezogen, soweit sie im letzten Jahr in Verantwortung der Autonomiebehörde entwickelt wurden. Das sind besonders Schulbücher für islamische Religion und für arabische Sprache, weil sie gerade stark in die Kritik geraten sind und für die Darstellung Israels und anderer Religionen und Kulturen wichtig sind. Weiter wird es eine sorgfältige Analyse der Curricula geben sowie einer konkreten Unterrichtseinheit aus jedem Land: Wir wollen wissen, wie die Lehrer den aktuellen Konflikt im Unterricht behandeln - besonders das Flüchtlingsproblem und die Kriege. Diese Stücke will das Eckert-Institut demnächst auf Englisch veröffentlichen.

Jetzt stehen die Schulbücher im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte. Warum?

Vor allem wegen der internationalen Debatte. Den Verfassern der neuen palästinensischen Bücher wird vorgeworfen, weiter antisemitische Vorurteile zu verbreiten. So allgemein kann man das aber nicht sagen, denn besonders in den neuen Sozialkundebüchern gibt es ansatzweise ein Nachdenken über internationale Verständigung, Friedensregelung, Konfliktlösungsverfahren. Das wird sowohl an kleineren Gruppen erörtert, wie Familie oder Klasse - als auch im internationalen Rahmen. Aber Israel bleibt ausgenommen. Es wird auch in den neuen Schulbüchern immer als Aggressor dargestellt, als ein Land, das das Lebensrecht und die staatliche Souveränität der Palästinenser verneint. Gegen Israel wird indirekt zum Kampf aufgerufen.

Wo ist es am problematischsten?

Unserer Meinung nach sind die problematischsten Stellen aber weniger in den Geschichtsbüchern zu finden, sondern vor allem in den Religionsbüchern und Büchern für arabische Sprache - denn hier wird das Märtyrertum glorifiziert. Sterben für die Rechte der Palästinenser wird in Gedichten und Aufrufen verherrlicht und den Schülern als glorreiches Vorbild dargelegt. Dabei wird meistens Israel nicht direkt genannt, sondern ganz allgemein, aber jeder bezieht es natürlich in der gegenwärtigen Situation auf Israel und auf die palästinensischen Kämpfer. Es ist kein Zufall, dass es gerade Kinder gewesen sind, die die Angriffe gegen Amerika bejubelt haben, obwohl die eigene Regierung mit Arafat an der Spitze sich ganz ausdrücklich gegen die Attentäter ausgesprochen hat. Aber die Bücher, die Erziehungshaltung, die allgemeine Haltung in Palästina legen gerade Kindern nahe, solche Vergleiche zu ziehen und sich mit den Attentätern zu identifizieren.

Soll man für palästinensische Schulen und Schulbücher international finanzielle Unterstützung leisten?

Die EU hat allgemein die Arbeit der Autonomiebehörde finanziell unterstützt. Von diesen Geldern geht sicherlich ein Teil in den Erziehungsbereich und somit in die Entwicklung neuer Lehrpläne und Schulbücher. Die EU-Kommission hat aber auf den Inhalt keinen Einfluss genommen. Etwas stärker betroffen sind Staaten wie Italien oder Finnland, die entweder einzelne Berater ins Curriculum-Institut geschickt oder konkret für die Entwicklung von Schulbüchern Geld gegeben haben. Seit einiger Zeit haben sie versucht, Einfluss auf die Autonomiebehörde zu nehmen und sich einzelne Stellen übersetzen zu lassen. Das palästinensische Erziehungsministerium hat das mit der Begründung zurückgewiesen: Wir sind in einer Phase der Bildung einer Nation. Wir suchen zum ersten Mal die eigene Geschichte von unserem Gesichtspunkt aus darzulegen und wollen uns in dieser Phase gänzlich von internationaler Einmischung freihalten. Wir sind bereit, die Ergebnisse mit euch zu diskutieren, aber erst mal schreiben wir unsere Bücher und Curricula selber.

Ist das ein legitimer Standpunkt?

In gewisser Weise ja, weil alle anderen Staaten es auch so machen. Nun liegt die erste Generation der Schulbücher für die erste bis sechste Klasse vor. Damit sind sie auch von außen kritisierbar. Man kann auch hoffen, dass die Kritik in die weiteren Schulbücher, die jetzt Jahr für Jahr erscheinen, eingeht. Jedenfalls zielen wir darauf ab. Wir wollen ja nicht die Schulbücher schreiben, sondern nur, dass die Kritik bedacht wird. Das gilt natürlich auch für israelische Bücher.

Wie sieht es in Israel aus?

Dort gibt es eine außerordentlich lebhafte Diskussion über neue Schulbücher. Die Wissenschaftler streiten etwa darum, wie weit die israelische Armee - um eins der wichtigsten Beispiele zu nennen - im Unabhängigkeitskrieg oder in den späteren Kriegen aktiv dazu beigetragen hat, die arabische Bevölkerung aus den besetzten oder eroberten Gebieten zu vertreiben. Nach der traditionellen Version hieß es, die Araber sind gegangen, weil sie nicht unter israelischer Herrschaft leben wollten oder weil die arabischen Staaten sie dazu aufgefordert haben. Neuerdings werden viel stärker die aktiven Kriegshandlungen des israelischen Militärs gegen die Zivilbevölkerung diskutiert. Diese Meinungen kommen jetzt auch in die Schulbücher. Daher hat das Erziehungsministerium eine Genehmigung des Buchs verweigert.

Wie kommentieren Sie das?

Für eine Gesellschaft im Krieg ist das erschütternd und widersprüchlich. Obwohl das Buch nicht genehmigt ist, können es die Schulen anschaffen. Es gibt kein absolutes Verbot, denn die Liste mit genehmigten Büchern hat eigentlich empfehlenden Charakter. So weit wir wissen, wird dieses Buch durchaus gekauft.

Schulbuchrevision wird normalerweise nach einem Konflikt gemacht. Hier haben wir eine akute Situation. Wie stehen die Chancen für die Friedenserziehung noch?

Wir haben nach der Konferenz von Oslo gedacht, dass wir uns mit und während unserer Arbeit parallel zu einer Politik der Konfliktlösung bewegen. Davon ist im Augenblick nicht mehr die Rede: Unser Projekt ist politisch isoliert. Das ist eine sehr schwierige Lage. Wir haben bis 1998 die Unterstützung oder wohlwollende Duldung und großes Interesse der Erziehungsministerien auf beiden Seiten genossen. Im Augenblick gehen sie eher sehr auf Distanz. Die Probe aufs Exempel gibt es, wenn wir die Ergebnisse veröffentlichen und das Gespräch mit Vertretern der Ministerien und Schulbuchverlage, mit Schulbuchautoren und Lehrerfortbildungseinrichtungen suchen werden. Ob das angenommen wird, ist offen.

Wann ist die Projektgruppe entstanden?

Die Projektgruppe ist nach den Vereinbarungen von Oslo entstanden, als eine Friedensperspektive in Sicht war. Zur Projektgruppe gehören Wissenschaftler und je ein Lehrer auf israelischer und auf palästinensischer Seite. Das Eckert-Institut berät das Projekt bei der Schulbuchanalyse und vermittelt Beispiele von Schulbuchprojekten, in denen es auch um eine konfliktreiche Vergangenheit ging. Die dritte und wichtigste Aufgabe ist die Vermittlung zwischen den Parteien bei Konflikten während der Arbeit.

Wie hat sich die Intifada auf die Gruppenarbeit ausgewirkt?

Die Projektgruppe hat sich früher in Israel oder Palästina getroffen. Das war später nicht mehr möglich: Die Kommunikation ist immer mehr über Braunschweig gelaufen.

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