Gesundheit : Schulen dürfen Kapazitäten bei fünften Klassen nicht umschichten - "Beispiel deutscher Bürokratie"

Susanne Vieth-Entus

Die Senatsschulverwaltung will beim Angebot fünfter Gymnasialklassen kurzfristig nicht nachbessern. Ungeachtet der aktuellen Anmeldezahlen, die von Standort zu Standort extrem differieren, dürfen Kapazitäten weder ausgebaut noch umgeschichtet werden. CDU und Bündnisgrüne kritisierten dies gestern einträchtig als "Beispiel deutscher Bürokratie".

Verärgerung verursacht in erster Linie die Weigerung der Schulverwaltung, ungenutzte Kapazitäten aus Prenzlauer Berg nach Hohenschönhausen umzuschichten. Im Schliemann-Gymnasium wurden nämlich drei Lateinklassen genehmigt, die Anmeldungen reichen aber nur für eine Klasse. Demgegenüber mussten an allen übrigen Standorten grundständiger Gymnasien Kinder abgelehnt werden: Rund 2150 Plätzen stehen 3850 Anmeldungen gegenüber.

Eine Leidtragende dieser Diskrepanz ist Anne-Sophie Schidiska. Das Mädchen wollte das Hohenschönhauser Descartes-Gymnasium besuchen, weil seine Mutter aus beruflichen Gründen einen Umzug in die Nähe dieser Schule plante - ihre Arztpraxis liegt in Ahrensfelde. Am "Descartes" war jedoch nur eine fünfte Klasse genehmigt worden, 63 Anmeldungen gab es. Anne-Sophie kam nicht zum Zuge, woraufhin sich ihre Mutter an den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses wandte.

Als der CDU-Abgeordnete Stefan Schlede am Donnerstag diese Frage im Schulausschuss an Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) weitergab, verwies dieser auf die entsprechenden Genehmigungsschreiben, von denen nicht abgewichen werden dürfe. Schlede geißelt dies als "enges verwaltungsmäßiges Handeln" und bedauert die mangelnde Flexibilität. Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen erkennt in dem Vorgang "das beste Beispiel deutscher Bürokratie".

Während man am Descartes-Gymnasium gern bereit wäre, einen weiteren Zug aufzumachen, reagiert das stark gefragte Spandauer Kant-Gymnaium zurückhaltend auf die Frage, ob es nicht auch gern Kapazitäten ausbauen würde. Schulleiter Wolfgang Gründer begrüßt es nämlich, wenn er nur jeden zweiten Schüler nehmen muss, da er auf diese Weise die geeignetsten aussuchen könne. Viele Kinder bewürben sich nur, "weil sie aus der Grundschule raus wollen", ohne tatsächlich für den Lateinzug geeignet zu sein. Angesichts der diesjährigen 119 Anmeldungen für rund 30 Plätze schließt Gründer allerdings nicht mehr aus, dass eine weitere Klasse sinnvoll wäre. Insofern spreche nichts dagegen, wenn die Schulen generell flexibler auf die Nachfrage reagieren könnten.

Staatssekretär Härtel sagte gestern auf Nachfrage, für die Zukunft schließe er nicht aus, dass umgeschichtet würde. In diesem Jahr sei es aber schon zu spät, da auch der Landesschulbeirat eingeschaltet werden müsse. Zudem könne man die betreffenden Bezirksämter nicht übergehen, indem man Genehmigungen zurückziehe.

Andrea Schidiska hat ihre Konsequenzen aus der Situation gezogen: Anmeldung am "Schliemann", Wohnen in Prenzlauer Berg, tägliches Pendeln nach Ahrensfelde. Im Nachhinein ist sie schon froh, dass es überhaupt mit einem grundständigen Beginn klappt. Damit stehe ihre Tochter immerhin besser da als die 1700 abgewiesenen Kinder.

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