Gesundheit : Schulpolitik in Südafrika: "Curriculum 2005" bringt große Bildungsreform

Ralf E. Krüger

Mit einem der ehrgeizigsten Bildungspläne des Kontinents will Südafrika seine Ausbildungsmisere überwinden und zugleich seinen Anspruch als Industrienation sichern. "Curriculum 2005" heißt das Projekt. Es legt in überarbeiteter Form die Leitlinien fest, die zunächst nach dem Fall der Apartheid formuliert worden waren. Die Aufgabe ist gewaltig in einem Land, das jahrelang systematisch die Bildung eines Teils seiner Bevölkerung vernachlässigt hatte und das im Anti-Apartheid-Kampf durch monatelange Schulboykotte geprägt war.

Schulpolitik in Südafrika war schon immer ein brisantes Thema. Vor 25 Jahren sorgte der Schulkampf in Soweto für politischen Sprengstoff. Der Schulkampf hielt das Land wochenlang in Atem und kostete vielen Menschen das Leben. Die Schulpolitik war gemeinsam mit der Landreform Hauptmotiv für den Widerstand des heute regierenden African National Congress (ANC) und anderer schwarzer Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte. Kein Wunder, dass Bildungsminister Kader Asmal erklärte: "Dieses Curriculum ist wahrscheinlich eines der fortschrittlichsten der Welt, weil es besonderen Wert auf die Unterrichtung in Fragen der Gleichberechtigung, der Menschenrechte und Rassentoleranz legt." Rund 150 Experten bereiteten die Reform vor.

Heraus kam ein Rahmenwerk, das Geschichte als Unterrichtsfach wieder auf den Stundenplan bringt, Mehrsprachigkeit fördert und die schwierige Gratwanderung zwischen dem Anspruch "Bildung für alle" und dennoch hohem Bildungsniveau wagt. Asmal: "Dieses Curriculum stellt als Basis sicher, dass keine Person die Hauptschule verlässt, ohne auf einem hohen Niveau lesen, schreiben, rechnen und denken zu können." Die neuen Unterrichtspläne erfordern vor allem auf dem Lande von den fast noch patriarchalisch unterrichtenden Lehrern radikales Umdenken. Nicht mehr stures Abfragen auswendig gelernten Unterrichtstoffs soll Trumpf sein, sondern geistige Beweglichkeit und Kreativität.

Wo vorher Rassentrennung herrschte, gibt es seit 1997 nur noch zwei Schularten im Lande: staatliche und private. Die Kluft zwischen Schwarz und Weiß hat dennoch auch heute das Land im Griff. Viele Lehrer, vor allem auf dem Lande, sind schlecht ausgebildet. Im Apartheidsystem reichte das völlig aus, für den Status eines modernen Industriestaates, den Südafrika anstrebt, war das Angebot jedoch unzureichend.

Kein Wunder, dass Naturwissenschaften und Mathematik im neuen Bildungsplan sehr hohen Stellenwert haben. Die Verwirklichung des Bildungsplans von 2004 an wird schwierig. Denn auch wenn kaum ein anderes Land des Kontinents mehr Geld für Bildung ausgibt als Südafrika, fehlt es überall an Lehrmaterial. Die Fortbildung der Lehrer wurde lange vernachlässigt. Immerhin: 94 Prozent der Sieben- bis 15-Jährigen besuchen heute eine Schule; aber 16 Prozent der über 20-Jährigen können nicht lesen.

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