Gesundheit : Schulsanierung mit McKinsey

Gute Kindergärten und Studiengebühren / Lust an Reformen, doch wie kommen die Ideen in die Realität?

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„Wir behandeln Kinder als Individuen – und alles wird anders.“ Eindrucksvoll weiß der Regisseur Robert Wilson das Fazit seiner Erfahrungen mit gehörlosen Kindern zu berichten. Sie galten in der Schule als nicht lernfähig und arbeiteten doch an seinen Theaterstücken mit. Wie lernten sie das? „Wir lernen Laufen durch das Laufen.“ Beim Lernen sei das nicht anders.

Die Unternehmensberatung McKinsey hatte Experten und Künstler zu einem Bildungskongress nach Berlin eingeladen. Das Thema war anspruchvoll: Wie wird eines der schlechtesten Bildungssysteme – das deutsche – wieder zu einem international führenden? Wie also gelingt es, die Bildungsmisere, die sich in Pisa offenbart hat, in Deutschland zu überwinden?

Selbstbewusst hatte McKinsey dazu selbst Vorschläge mitgebracht: Früh investieren, anstatt spät reparieren, lautet der erste. Dazu würden als erster Schritt 270 000 neue Ganztagsplätze in Krippen und 680 000 in Kindergärten gebraucht. Außerdem fehle es den Kindergärten oft an pädagogischer Qualität. Konsequenz: Ausbildung und Gehälter von Erzieherinnen müssten besser werden. Das alles kostet nach McKinseys Rechnung rund vier Milliarden Euro, finanzierbar mit Umschichtungen aus der letzten Kindergelderhöhung.

Studiengebühren sind die Finanzierungsquelle für den von der Unternehmensberatung geforderten höheren Hochschulausgaben. 2000 bis 4000 Euro pro Jahr soll jeder Student danach zahlen und dafür vom Staat verzinsliche Kredite bekommen. Mehr Freiräume für Schulen und Hochschulen inklusive leistungsabhängiger Besoldung und eine konsequente, fortlaufende Qualitätskontrolle an den Einrichtungen runden das Beratungspaket aus Düsseldorf ab.

Doch waren diese Vorschläge auch bei Gästen und Experten nicht allgemein anerkannt. Im Wesentlichen entsprechen die Empfehlungen den Vorschlägen, die die Bertelsmann-Stiftung 1997/98 mit Experten erarbeitet hatte. Der damalige Vorstoß hatte allerdings keine erkennbaren Folgen. Zwei Jahre später wurde den deutschen Schülern vielmehr so deutlich wie nie zuvor ein schlechter Leistungsstand bescheinigt.

Doch an Lust zur Reform mangelt es gar nicht, wenn man den Experten lauscht. Wenn auch nur als „Kopierer“ des amerikanischen Hochschulsystems, wie der Philosoph Jürgen Mittelstraß monierte. Oder sogar durch die Studenten, die im Reformstudiengang Medizin Druck auf faule Professoren machen, wie der Vizepräsident der Humboldt-Universität Heinz-Elmar Tenorth berichtete. Bleibt wohl nur noch das „Umsetzungsproblem“ im Großen zu lösen. rt

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