Gesundheit : Schulsystem: Der sächsische Knüller

Michael Bartsch

Auf den zweiten Blick bleibt vom revolutionären Anspruch des Schulsystems im Freistaat nicht viel übrig. "Sachsens Schulgesetz wird ein Knüller!" So verkündete es 1991 stolz die CDU-Landtagsfraktion und sah sich einmal mehr in der Rolle des ostdeutschen Musterknaben. Am sächsischen Schulwesen sollte auch die deutsche Bildungslandschaft genesen. Nach acht Jahren Praxis ist Ernüchterung eingetreten.

Seit dem fatalen Lehrermord in Meißen im November 1999 - Auslöser für eine bereits schwelende Bildungsdiskussion - gibt es keine Landtagssitzung ohne Schuldebatte. Mittlerweile haben SPD und PDS eigene Gesetzentwürfe vorgelegt, nachdem sie sich jahrelang mit Reformen im System begnügen wollten. Das Augenmerk richtet sich auf inhaltliche Defizite, die Vernachlässigung des Erziehungsauftrages. Dass Sachsen mit 7000 Mark im Schuljahr von allen Bundesländern am wenigsten Geld pro Schüler ausgibt, wird aber in der CDU-Fraktion auch positiv gesehen: Von einem "hocheffizienten Schulsystem" ist da die Rede.

Jahrelang schnitten Sachsens Vorzeige-Abiturienten bei bundesweiten Vergleichen besonders in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern hervorragend ab. In der Tat wirkt hier noch das System der aus der DDR-Zeit übernommenen Spezialschulen nach. 20 dieser "Gymnasien mit vertiefter Ausbildung" in Sachsen können in Deutschland als vorbildlich gelten. Nach Ansicht des sächsischen Kultusministeriums bietet auch die kürzere Schulzeit den Schülern einen Wettbewerbsvorteil.

Die Sachsen machen das Abitur konsequent nach zwölf Jahren. Als andere neue Länder die 12-jährige Schulzeit bis zum Abitur auf 13 Jahre verlängerten, sorgte Sachsen für Bewegung. Die Mainzer und Dresdner Beschlüsse der Kultusminister, für die Anerkennung des 12-jährigen Weges zum Abitur auf mindestens 265-Gesamtwochenstunden zu bestehen, hält man sich in Dresden zugute. Aber die Praxis sieht anders aus.

Mehr freiwillige Wiederholer

Deutlich im Steigen ist die Zahl der meist freiwilligen Wiederholer in der elften oder zwölften Klasse, die derzeit noch unter fünf Prozent liegt. "Notfalls sind 13 oder bei Durchfallern gar 14 Jahre Zeit für das Abi", meint ein Dresdner Schulleiter. "Man sollte konsequenterweise eine Wahl zwischen 12 oder 13 Jahren anbieten", meint Barbara Ludwig von der SPD-Landtagsfraktion.

"Fördern statt Auslesen" fordert die SPD-Opposition. Das Kultusministerium kontert mit "Fördern durch Fordern". "Die Leistungsgesellschaft braucht eine Leistungs- und keine Spaßschule", erklärt Ursula Koch, im Ministerium für Gymnasien zuständig. In der DDR sei die Auslese schärfer gewesen.

Sachsen beharrt auf einer Empfehlung für das Gymnasium nach der vierten Klasse. Ob die Orientierungsstufe in den Klasses 5/6 an die Grundschule oder die Sekundarschule - In Sachsen: Mittelschule - angebunden werde, sei eine Glaubensfrage, sagt Barbara Niedrig, Leiterin der Zentralstelle im Kultusministerium. Die Durchlässigkeit von der Mittelschule zum Gymnasium ist formal nach der sechsten oder zehnten Klasse gegeben. Faktisch nimmt sie aber nur ein geringer Prozentsatz der Schüler wahr. Zuletzt wechselten von 60 000 Schülern im Jahrgang nur etwa 900 nach der sechsten Klasse zum Gymnasium. Damit ist die Frage nach dem Stellenwert der Mittelschule aufgeworfen, die immer als das "Herzstück" des sächsischen Schulsystems bezeichnet wurde. Die Bildungsempfehlung für das Gymnasium erhalten mit etwa 40 Prozent der Viertklässler deutlich mehr Schüler, als sie dann wahrnehmen. Das spricht für das Image der Mittelschule - oder die Vernunft der Eltern.

Die Zweigliedrigkeit des sächsischen Schulsystems in Mittelschule und Gymnasium gehört zu den Aushängeschildern. Dass es faktisch dreigliedrig sei, ließ schon 1991 die CDU verlauten. In der Praxis sind vor allem an größeren Mittelschulen die Hauptschulgänge zu Hauptschulklassen mutiert. Begründet wird das so: In homogen zusammengesetzten Klassen könne man bequemer unterrichten. Auch die bessere Fördermöglichkeit wird als Argument dafür herangezogen. Dennoch verlassen auch in Sachsen zwischen 10 und 12 Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss.

Für den Dresdner Pädagogik-Professor Heiner Drerup stellt sich das sächsische System sogar viergliedrig dar. Er spielt auf die mangelhaften Integrationsmöglichkeiten für behinderte Kinder an. So hat sich ein relativ selbstständiger Sonderschulbereich herausgebildet - in Sachsen heißen sie Förderschulen. Besonders kritisch sind dabei die Lernbehindertenschulen, in die immer mehr lernschwache Schüler abgleiten.

Das Erbe der DDR wirkt fort

Barbara Ludwig, Bildungsexpertin der sächsischen SPD-Landtagsfraktion, setzt auf Binnendifferenzierung. Das gilt insbesondere für die Profilbildung an der Mittelschule. Der Profilunterricht verharrt bei ganzen drei Wochenstunden und böte doch die Chance zu weit individuellerer Bildung. Hier ist administrativ aber einiges in Bewegung geraten, insbesondere nach der Evaluierung der Mittelschule durch die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung im Jahr 1997.

"Strukturfragen werden zugunsten inhaltlicher Fragen immer unwichtiger", sagt auch Ursula Koch. Dies gilt ebenfalls für die Hand voll Schulversuche mit reformpädagogischem Ansatz, deren Genehmigung bis vor zwei Jahren noch restriktiv gehandhabt wurde. Dass so wenig "neue Unterrichtsformen" Einzug gefunden haben, lastet das Ministerium überwiegend den Lehrern an. Sie nutzten ihre Freiräume nicht. Das Erbe von Frontalunterricht und hierarchischem Denken aus der DDR-Zeit wirke hartnäckig fort, zumal kaum junge Referendare in den sächsischen Schuldienst übernommen werden können.

Die Lehrer hingegen verweisen auf ihre bundesweit höchste Pflichtstundenzahl und den psychischen und physischen Verschleiß durch den Sparkurs der Regierung. "Die knappen Ressourcen ersticken innovative Ansätze", sagt die GEW. Nun bedroht zwar die Halbierung der Geburtenrate von 1991 die ortsnahe und niveauvolle Schulversorgung besonders auf dem Land. Allerdings eröffnet sich mit dem so absehbaren Lehrerüberhang eine Chance zur Entkrampfung.

Zahlreiche Neuerungen der sächsischen Schulrevolution erweisen sich vor allem als formale Veränderungen. Ihnen stehen kaum moderne und innovative Impulse gegenüber. Die Wiedereinführung der Kopfnoten im letzten Schuljahr mag eher als Indiz für einen latenten Konservatismus gelten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben