Gesundheit : Schutzmantel für die Seele Frühes Eingreifen kann eine Psychose abmildern

Adelheid Müller-Lissner

Meist haben wir wenig Anlass, uns Gedanken darüber zu machen, wie unser Gehirn funktioniert. Solange die anderen die Welt ähnlich wahrnehmen, gibt es ja keinen Grund, an unserem Denken und Fühlen zu zweifeln. Wer Stimmen hört, die andere nicht hören, wird aus dieser Gemeinschaft herausgerissen. Das passiert häufig zu Beginn einer Psychose. Die Krankheit trifft den Menschen meist zuerst im Alter zwischen 15 und 25. Einer von hundert macht im Verlauf seines Lebens Bekanntschaft mit ihr. Wird die Krankheit chronisch, dann nimmt die graue Substanz in bestimmten Gehirnregionen ab. Kann man den Prozess stoppen, wenn man früh eingreift? Das war eine der Fragen, die Psychiater beim „Tag des Gehirns“ am Freitag in der Urania beantworteten.

Eine Psychose kündigt sich oft langsam an. „Bevor es zum Einbruch kommt, gibt es meist eine Vorlaufzeit von fünf bis sechs Jahren“, sagte die Psychiaterin Iris Hauth, Chefärztin am St.Joseph-Krankenhaus in Weißensee. Wenn man in dieser frühen Phase eingreife, könne man die Krankheitsentwicklung nicht nur verzögern und abmildern, sondern in manchen Fällen sogar vermeiden. Studien haben gezeigt, dass Risikopatienten, die schon früh mit Verhaltenstherapie und niedrig dosierten Medikamenten behandelt wurden, seltener eine Psychose entwickelten. Das „Früherkennungs- und Therapiezentrum Berlin-Brandenburg für beginnende Psychosen“ (FETZ), an dem sich neben der Charité auch das St.Joseph-Krankenhaus beteiligt, will deshalb die Aufmerksamkeit auf diese Vorstufen lenken und ein „niederschwelliges“ Angebot machen.

Der niedergelassene Psychiater Norbert Mönter legte Wert auf die Feststellung, dass seelische Leiden „keineswegs schicksalhaft, bedingt durch Fehlverhalten oder Ausdruck einer minderwertigen Ausstattung“ seien. Unter Psychiatern herrscht heute Einigkeit darüber, dass einiges zusammenkommen muss, damit eine psychische Erkrankung ausbricht. Da ist auf der einen Seite die Empfänglichkeit dafür, von Fachleuten „Vulnerabilität“ genannt. Wie dünn diese seelische Haut ist, darüber entscheiden nicht allein die Gene, sondern auch Kindheitserfahrungen und nicht zuletzt die Strategien, die sich ein Mensch für den Umgang mit schwierigen Situationen zugelegt hat, erläuterte Wolfgang Maier, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Bonn.

Das Risiko, psychisch krank zu werden, steigt, wenn auf die dünne Haut ein Auslöser prallt. „Das können unbewältigte Trauer, zwischenmenschliche Konflikte oder ein sozialer Rollenwechsel sein, aber auch Medikamente oder Drogen“, erklärte Gerd Benesch vom Bundesverband Deutscher Nervenärzte (BVDN). Vor allem, wenn man von einer familiären Veranlagung wisse, solle man mit Alkohol besonders vorsichtig sein.

Immerhin jeder Zwanzigste erlebt einmal eine depressive Phase, mit zunehmendem Alter steigt das Risiko. Die schlimmste Folge sind Suizidversuche, die 15 Prozent aller Menschen mit Depressionen unternehmen. Benesch stand bei seinem Vortrag noch unter dem Eindruck der U-Bahn-Fahrt zur Veranstaltung, die durch ein solches Ereignis unterbrochen war. „Genau das ist unsere Aufgabe als Psychiater: den Notarzt in diesem Bereich überflüssig zu machen!“

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