Gesundheit : Schwache Schüler werden gern Lehrer Was geschehen muss, damit aus Pädagogen Profis werden

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Von Anja Kühne

Deutschlands Lehrer waren oft selbst keine besonders guten Schüler – sagte der Chef der deutschen Pisa-Studie, Jürgen Baumert, beim McKinsey-Bildungskongress. Seit 1975 sinke der Abiturdurchschnitt derjenigen, die später den Lehrerberuf ergriffen: „Die Schwächsten werden Lehrer", beklagte Baumert.

Dass sich ausgerechnet die schlechteren Abiturienten später wieder von der Schule angezogen fühlen, erklärte Baumert mit der Wahllosigkeit, mit der der Staat in Zeiten des Lehrermangels das Personal für die Schulen rekrutiere. In den siebziger Jahren konnte man es sich kaum leisten, Bewerber abzuweisen. So kamen selbst mäßige oder gar schwache Absolventen der Hochschulen im Schuldienst unter, die in anderen Berufsfeldern keine Chance gehabt hätten. In den achtziger Jahren habe der Staat dann umgekehrt „eine ganze Generation verschenkt." Fast überall herrschte jetzt Einstellungsstop. Selbst qualifizierte Anwärter mussten Taxi fahren.

Baumert kritisierte, dass nur wenige Bundesländer Einstellungskorridore offen halten, um die Lehrerkollegien kontinuierlich mit jungen guten Kräften aufzufrischen. Die Personalpolitik habe dazu geführt, dass „der Ansehensverlust des Lehrerberufs immens ist" und heute viele gute Studenten lieber andere Laufbahnen einschlagen. Baumert forderte eine bessere Auslese und eine längere Eingangsphase im Schuldienst, in der den Pädagogen noch gekündigt werden kann. Baden-Württembergs Schulministerin Annette Schavan (CDU) sieht das ähnlich. Allerdings dürften „zehntel Noten" im Examen nicht entscheiden: „Stromlinienförmigkeit darf nicht den Ausschlag geben", sagte Schavan. Die Schulen müssten selbst entscheiden, wer zu ihnen passe.

Zu viele fallen durch den Rost

Nicht jeder noch so gute Kenner seines Studienfaches hat automatisch das Zeug zum guten Lehrer. Der Regisseur Hark Bohm, selbst Vater von sechs Pflege- und Adoptivkindern, verlangte: „Man muss auch den Mut haben, manchen zu sagen: Tut mir leid, du musst Botaniker werden." Bohm glaubt, dass der Lernerfolg eines Kindes entscheidend vom Menschenbild abhängt, das der Schule zugrunde liegt: „Lernen braucht eine emotionale Basis." Zwei seiner Kinder, die wegen ihrer Aggressionen als nicht „beschulbar“ galten, haben inzwischen studiert und stehen erfolgreich in ihren Berufen.

Wie lässt sich der Beruf des Lehrers professioneller gestalten? Der Baumert will, dass die Lehrer in Zukunft „bewusst die Verantwortung für die Leistung der Schüler übernehmen". Lehrer, deren Schüler sitzen bleiben, müssten sich vorwerfen, jahrelang einen Förderbedarf übersehen zu haben. Baumert kritisiert, dass die Lehrer sich zu wenig weiterbildeten und sich kaum mit ihren Kollegen und den Eltern austauschten. In Schweden sei es üblich, dass Lehrer, Eltern und Schüler sich jedes halbe Jahr zusammensetzen, um über den Forschritt eines Kindes gemeinsam zu beraten. „Bei uns dagegen sind die Elternsprechtage eine Katastrophe."

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