Gesundheit : Schwangerschaft: Schon ganz die Mutter

Adelheid Müller-Lissner

Kommt das Kind mehr nach dem Papa oder nach der Mama? Wie sieht er überhaupt aus, dieser kleine Mitbewohner, um den sich schon vor seiner Ankunft in der Welt außerhalb des Mutterleibs so viel dreht? Früher konnten werdende Eltern sich die Antwort auf diese Frage nur in der Fantasie ausmalen. Dann kam der Ultraschall. Bei der Methode sendet eine Sonde Schallwellen aus dem unhörbaren Bereich von einer Sonde aus, die Strukturen des Körpers reflektiert und von der Sonde anschließend wieder empfangen werden. Die Bilder, die der Monitor zeigt, erfordern vom Laien viel Fantasie, wenn sie auch im Lauf der Zeit immer besser wurden. Und seit einigen Jahren nehmen werdende Mütter von der Ultraschalluntersuchung meist sogar ein Foto mit: Ein Schnittbild, das das Profil des Sprößlings erkennen lässt.

In der zehnten, zwanzigsten und dreißigsten Schwangerschaftswoche sind Ultraschalluntersuchungen vorgesehen. Inzwischen gibt es an einigen wenigen, meist universitären Kliniken auch Ultraschallgeräte, die parallele Schnittbilder zu dreidimensionalen Bildern umrechnen können. Wird die Oberfläche des zu untersuchenden "Objekts" Fötus so aufgenommen, dann können mit der 3D-Technik spektakuläre Bilder entstehen, die nicht nur die Eltern begeistern. Doch das Speichern und Verrechnen der Schnittbilder zu einer plastischen Darstellung dient nicht einmal in erster Linie der Befriedigung elterlicher Neugier.

Martin Brauer, Oberarzt an der Klinik für Geburtshilfe der Charité auf dem Campus Virchow, untersucht seit 1993 den medizinischen Nutzen der 3D-Technik. Als Beispiel nennt er den Verdacht auf Fehlbildungen des Skeletts. Werde eine derartig plastische Aufnahme so bearbeitet, dass nur das Knochengerüst des Ungeborenen zu sehen ist, ließe sich eine exakte Diagnose stellen. "Man kann auch auf konventionellem Weg zu einer solchen Diagnose kommen. Doch 3D erleichtert die Arbeit und verkürzt die Untersuchungszeit."

Allerdings dürfe man sich nicht der Illusion hingeben, mit dem teuren Gerät alle Sorgen vorgeburtlicher Diagnostik los zu sein. "Wichtig ist, dass man die herkömmlichen Methoden beherrscht und die kindliche Anatomie von der Pike auf gelernt hat", betont Brauer.

Noch wird die 3D-Methode, die in Berlin nur in den Unikliniken und einzelnen Praxen verfügbar ist, im Virchow-Klinikum nur im Rahmen wissenschaftlicher Studien oder bei speziellen kniffligen Fragen eingesetzt. "In einigen wenigen Fällen sind die Vorteile klar, aber die weit überwiegende Mehrheit der Diagnosen kann ebenso gut mit konventionellem Ultraschall gestellt werden." Schon ist allerdings die nächste Dimension ins Spiel gekommen: Seit zwei Wochen bietet die private Meoclinic in der Friedrichstraße Ultraschalluntersuchungen in "4D-Qualität".

Die plastische Darstellung von Oberflächen, die aus der Verrechnung der Schnittbilder entsteht, ist damit nicht nur auf einem stehenden Bild, sondern auch bewegt zu erleben. Das Gerät könnte auch für die Untersuchung bewegter Organe, also etwa des Herzens des Ungeborenen, interessant sein. Auch Punktionen oder die Gabe von Medikamenten in die Nabelschnur ließen sich erleichtern, wenn der Arzt gleichzeitig mehrere Ebenen sehen kann. Geht es um die Darstellung des Körperinneren, dann muss er allerdings die Schnittbilder in drei kleinen Fenstern auf seinem Monitor simultan betrachten, während im vierten Fenster der "Oberflächenmodus" mitläuft.

Die Informationen müssen also vom Untersucher schnell aufgenommen und berücksichtigt werden, während er den Schallkopf auf dem Bauch der Patientin bewegt und die Nadel akkurat im Mutterleib führt: "Nur wenn Sie in der Lage sind, die drei Bilder gleichzeitig im Kopf auszuwerten, können Sie auch wirklich zusätzliche Informationen gewinnen", dämpft Brauer überzogene Hoffnungen. Am Anfang steht deshalb immer das Schnittbild, sowohl in der Ausbildung des Arztes als auch bei der Untersuchung der Patientin.

Und das 4D-Video, das die schönste Baby-Preview schon vor der Geburt ermöglichen könnte? "Werdende Eltern erleben dadurch Gefühle, wie ich es nie zuvor gesehen habe", sagt Frauenarzt Andrzej Morawski von der Meoclinic. "Es ist nachvollziehbar, dass Eltern solche Bilder sehen wollen", meint auch Brauer. Ein solches Angebot müsse allerdings vom ärztlichen Auftrag getrennt werden. "Wenn es nur die Ergänzung einer medizinischen Maßnahme ist, sehe ich da keine prinzipiellen Probleme." Die Kliniken, die bisher 3D-Geräte haben und, wenn schon nicht Filme, so doch realitätsnahe Fotos vom Kind im Mutterleib machen könnten, können diesen Bedarf allerdings nicht abdecken. Die Geräte werden für medizinische Untersuchungen gebraucht.

Dass Schwangere sich ihre Entbindungsklinik aber nun vorwiegend nach diesem Kriterium aussuchen, hält Brauer allerdings für unwahrscheinlich. Andere Fragen sind dafür entscheidender. Vielleicht ist auch der Fantasie-Film im Kopf der werdenden Eltern zu schön, um durch pränatales Babyfernsehen in Echtzeit ganz und gar ersetzt zu werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben