Gesundheit : Schwedens Schüler haben es besser

Bärbel Schubert

Seit Deutschland beim internationalen Schultest Pisa bedenklich schlecht abgeschnitten hat, steht die Frage im Raum: Was machen andere Nationen besser? Eine Gruppe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatte sich jetzt zusammen mit Schulforschern und Journalisten auf den Weg gemacht, dieser Frage in Schweden nachzugehen.

Warum Schweden? Spitzenreiter bei der Pisa-Untersuchung waren zwar Finnland, Korea und Kanada. Doch auch die Schweden haben Spitzenergebnisse erzielt. Mit seinen vielen Zuwanderern hat Schweden eher vergleichbare Bedingungen wie Deutschland. All diesen Ländern ist gemeinsam: Sie schneiden nicht nur im Leistungsdurchschnitt erheblich besser ab als Deutschland, sondern deutlich mehr Kinder erreichen die Leistungsspitze und erheblich weniger Schüler versagen. Das hängt auch damit zusammen, dass die soziale Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten dort besser gelingt als in Deutschland.

In all diesen Staaten absolvieren die Kinder eine erheblich längere gemeinsame Grundschulzeit als in Deutschland. In Schweden sind das neun Jahre - für die meisten Schüler vom siebten bis zum 16. Lebensjahr. Und vorher haben 75 Prozent der Kinder schon eine "Förskola", einen Kindergarten mit pädagogischem Förderkonzept, besucht. 90 Prozent schaffen den Übergang aufs Gymnasium, das nach der neunjährigen Grundschule weitere drei Jahre dauert.

Doch wie kann man denn die guten und die ganz schwachen Kinder so lange zusammen in einer Klasse unterrichten? "Das geht doch nicht!", heißt es in Deutschland oft. Auch aus der Besuchergruppe konnte sich das niemand so genau vorstellen.

"Wir entscheiden selbst, wann wir welches Fach lernen. So arbeiten wir besser und brauchen zum Beispiel nicht am Donnerstag früh Mathe zu lernen, wenn alle noch müde sind." Das gehört für David Larsson zum Alltag an seiner Schule, der Grundschule "Futurum" in Schweden. Doch David ist dort nicht Lehrer - sondern 14 Jahre alt und Schüler. Die Mitentscheidung über den Lernstoff ist keineswegs die einzige Besonderheit von "Futurum".

David spricht fließend Englisch. Das scheint ihm auch nicht weiter schwer zu fallen. Englisch ist überhaupt ein beliebtes Fach. Das macht Spaß, meint auch Lena aus der sechsten Klasse. Als wir in den Musikunterricht kommen, verstehen wir einen der Gründe: Der Text eines Liedes von Abba läuft über einen Bildschirm, die Musik wird eingespielt und die Kinder singen fröhlich mit. Karaoke eben. Wer das schwedische Fernsehen einschaltet, kann ein anderes Übungsfeld sehen: Es laufen nur wenige synchronisierte Filme, sondern Originalfassungen in Englisch oder Französisch mit schwedischen Untertiteln.

"Nein, Klassen haben wir kaum noch", erläutert David die Gruppen-Zusammensetzung. Die Kleinen bleiben zwar weitgehend in ihren Altersgruppen zusammen und in Schwedisch wird während der ganzen Schulzeit nur wenig gemischt. "Aber in den Naturwissenschaften lernen wir von der fünften bis zur neunten Klasse gemeinsam." Die Älteren bauten einfach kompliziertere Versuche auf. Man teilt sich nach Projektthemen auf.

"Manche unserer Lehrer meinen wohl auch, dass es schwer ist, Schüler mit ganz unterschiedlichem Leistungsniveau zusammen zu unterrichten", meint die Lehrerin und "Futurum"-Mitinitiatorin Agneta Anderlund. "Doch das ist die normale Praxis."

Eine Atmosphäre von Gemeinsamkeit strahlt "Futurum" auch aus: Eine Schule ganz ohne Graffitis und Vandalismus, ohne Kreischen und Laufen. Dabei beherbergt sie über 1000 Schüler, sechs Schulen unter einem Dach. Das Bild ist geprägt von freundlichen Farben, die Räume hoch und lichtdurchflutet. In die abgeteilten Gruppenbereiche kann man durch Glasscheiben hineinsehen: Die Kinder sitzen zu viert, zu sechst oder zu acht in Gruppen zusammen, arbeiten ruhig allein oder diskutieren mit ihren Nachbarn. Die Kinder lassen sich von den Besuchern gar nicht weiter ablenken. Der Spaß an der Schule ist ihnen anzumerken. Die Lehrer gehen herum, sprechen mit Einzelnen und erklären. "Grammatik erkläre ich ganz traditionell", sagt die Deutschlehrerin. Solche Phasen dauerten dann zehn Minuten, eine Viertelstunde. Danach wird wieder geübt. Eine Klingel zur Unterteilung der Schulzeit hat die Schule ohnehin nicht.

"Irgendwie erinnert mich das immer mehr an meine eigene Grundschulzeit", murmelt jemand in der Besuchergruppe. "Damals nannte man das Stillarbeit." Doch gibt es beträchtliche Unterschiede: Eine große Tafel, wie in vielen deutschen Klassenzimmern üblich, sehen wir in Futurum gar nicht. In den Gemeinschaftsbereichen der Jahrgänge stehen moderne weiße Flipcharts, mit Markern zu beschreiben. Sie geben den Schülern hauptsächlich organisatorische Hinweise. Die meisten Möbel sind beweglich: Rollcontainer, bewegliche Trennwände. Schließfächer nehmen die Sachen der Schüler auf. Kein Kind schleppt eine schwere Schultasche herum.

Aber wie ist das Lernen organisiert, wenn die Kinder weder nach Alter noch nach Klassen sortiert werden? "Jeder Schüler hat eine Art Logbuch", erfahren wir von David. Darin wird am Anfang des Schuljahres ein individueller Lernplan entworfen. Jeden Tag trägt der Schüler ein, was er gemacht hat. Am Wochenende sieht die zuständige Lehrerin das Buch durch und schreibt hinein, was der Schüler in der kommenden Woche lernen soll. Wie er das einlöst, ist in seine Hand gegeben. So entsteht ein ganz individueller Lern- und Entwicklungsplan für jedes Kind. "Unsere Eltern können daraus sehen, wo wir stehen", berichtet David.

Projektleiter Hans Ahlenius bestätigt: "Natürlich haben einige Schüler damit Probleme." Sie bekommen Hilfe - von den Lehrern und von Mitschülern.

Was passiert denn nun mit den Schülern, die dicke Probleme haben? Eine um so wichtigere Frage, weil es in Schweden Sitzenbleiben so gut wie gar nicht gibt. Auch der Verweis auf eine andere Schulform wie in Deutschland ist ja im schwedischen Gesamtschulsystem ausgeschlossen. "Wir versuchen ihnen in kleinen Gruppen von vier bis fünf Schülern zu helfen", sagt Agneta Anderlund. "Meistens ist Konzentrationsschwäche bei der Gruppenarbeit das Problem."

Ein Ort für solche kleinen Gruppen ist das "Martyrium" - "für stille Arbeit" steht auf einem Zettel an der Tür. Dass der kleine Raum neben dem Lehrerzimmer liegt, ist vielleicht Zufall. Platz zum Herumgehen gibt es hier viel weniger als in den anderen Bereichen. Der Blick durch die Glasscheibe auf den großen, hellen Raum, in dem Schüler aus dem ganzen Jahrgang sich Plätze an den Tischen suchen, lockt nach der Stillarbeit wieder heraus.

David versteht unser Erstaunen über die saubere Schule ohne Spuren von Vandalismus nicht so Recht. "Wenn jemand eine Gitarre zerbricht, haben wir mit dem Instrument keinen Spaß mehr. Die Schüler akzeptieren das", meint er nur.

Zu den guten schwedischen Schulergebnissen trägt auch der Ganztags-Unterricht bei. Die Stundenpläne in "Futurum" sind ähnlich beweglich wie die Ausstattung. Die ersten Schüler kommen um sechs Uhr morgens, um 18.30 Uhr gehen die letzten. Mittagstisch in der Schule - für die Eltern kostenlos - ist üblich, Frühstück möglich. Natürlich ist nicht der ganze Tag mit Unterrichtsstunden voll gestopft. Doch die Kinder bekommen in ihren zwölf Schuljahren bis zum Abitur insgesamt mehr Unterricht als in Deutschland.

Die Lehrer sind 35 Stunden wöchentlich in ihrer Schule anwesend und teilen die frühen und späten Zeiten auf. In Unterrichtsstunden wird ihre Arbeitszeit nicht umgerechnet. Basisfächer in der Grundschulzeit sind Schwedisch, Englisch und Mathematik. In diesen Fächern werden alle Schüler in der neunten Klasse obligatorisch geprüft. Hier entscheidet sich, wer den Übergang zum Gymnasium schafft.

Natürlich hat auch Deutschland Reformschulen. Doch "eine Schule wie "Futurum" habe ich noch nie gesehen", meinten auch die beiden Schulforscher Klaus Klemm und Hans-Günter Rolff. Ähnlich wie "Futurum" arbeiten in Schweden inzwischen rund zehn Prozent der Schulen, weiß Hans Ahlenius. Auch für Schweden ist es ein Reformprojekt, das zeigt, wohin die Entwicklung gehen soll. "In den 70er Jahren hatten wir schon solche Versuche. Aber erst jetzt ist die Zeit dafür anscheinend reif." Die Gemeinde Habo nahe Stockholm war ein günstiger Ort: Sie hat in ihre Schulen gewaltig investiert, um junge Familien anzulocken. Alle Schulgebäude wurden um- oder neugebaut, erstmals passend für diesen Reformansatz, großzügig, mit viel Platz und Licht.

"Eine Schule für alle" kann in Schweden auf breite Akzeptanz bauen, wie sich in der Diskussion mit der politischen Opposition zeigt. In Schweden wird auch im September gewählt, für alle politischen Ebenen auf einmal. Und die Aufregung richtet sich mehr auf die privaten Schulen. Für den Ausländer unterscheiden sie sich allerdings nicht von den staatlichen.

Was aber unternimmt die Schulbehörde, wenn eine Schule schlechte Ergebnisse erzielt? "Tja, dann sprechen wir mit den betroffenen Lehrern. Diese Gespräche sind vertraulich", sagt Mats Ekholm, Leiter von "Skolverket", der nationalen Agentur für Erziehung. Vertraulich, im Gegensatz zu den nationalen Testergebnissen der Neuntklässler. Die Schulergebnisse können im Internet von allen nachgelesen werden. Das hat Konsequenzen, denn die Eltern dürfen die Schule für ihr Kind frei wählen.

Helfen die Gespräche allein denn? Zusammen mit dem Rektor müsse man an den Verbesserungen arbeiten. Außerdem ist Weiterbildung für schwedische Lehrer Pflicht. "Es gibt auch so etwas wie kollegiale Kumpanei, um Schwierigkeiten zu leugnen. Das muss man verhindern", sagt Ekholm. Schweden hat im Umgang mit Testergebnissen schon seit den 60er Jahren Erfahrung. Die guten Ergebnisse heute seien das Resultat von Reformen, die Mitte der 90er Jahre nach einer Sparphase im Bildungswesen eingeleitet wurden, meint er tröstlich.

Im Licht der Statistik

Schweden hat Ganztagsschulen, mit Mittagessen. Die Grundschule für alle geht von der ersten bis zur neunten Klasse. 75 Prozent der Kinder haben vorher eine Vorschule besucht, die für Kinder ab dem 2. Lebensjahr angeboten wird.

Schweden lässt sich seine Schulen viel kosten: 53 386 US-Dollar pro Schüler - Deutschland nur 41 978 US-Dollar (Zahlen OECD).

Besonders in den ersten Schuljahren ist die Ausstattung viel günstiger: 13,3 Lehrer im statistischen Durchschnitt pro Kind - Deutschland: 21 Lehrer pro Schüler. Die Lehrer verdienen allerdings in Schweden weniger.

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