Gesundheit : Schwein gehabt

Der israelische Immunforscher Yair Reisner will die Zuckerkrankheit mit tierischem Gewebe heilen

Hartmut Wewetzer

Wenn man der Weltgesundheitsorganisation (WHO) glauben darf, dann sind wir mitten drin in einer Diabetes-Epidemie. Schon heute sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit erkrankt, bis zum Jahr 2030 rechnet die WHO mit mehr als doppelt so vielen Diabetes-Patienten.

Was kann man tun? Der Immunforscher Yair Reisner vom Weizmann-Institut im israelischen Rehovot hat eine Idee, die fantastisch klingt: Er will Zuckerkranken Bauchspeicheldrüsengewebe von Schweinen einpflanzen. Es soll das blutzuckersenkende Hormon Insulin produzieren und so die Krankheit kurieren helfen.

Natürlich ist es bis zu einer Standardtherapie mit Schweinegewebe noch ein weiter Weg. Aber Reisner und sein Team haben die ersten Schritte schon zurückgelegt, wie bei einem Vortrag Reisners in Berlin deutlich wurde. Der Wissenschaftler sprach aus Anlass des 25-jährigen Bestehens der deutschen Gesellschaft der Freunde des Weizmann-Instituts bei einer Feier in der Staatsoper (siehe Kasten).

Bei der Verpflanzung vom Schwein auf den Menschen will Reisner embryonales Gewebe verwenden. Damit das eines Tages funktioniert, gilt es jedoch zwischen zwei gefährlichen Klippen hindurchzuschiffen. Zum einen ist da die Gefahr der Abstoßung. Tierisches Gewebe wird normalerweise vom Körper nicht angenommen. Manchmal dauert es nur wenige Stunden, bis der Körper das fremde Gewebe völlig zerstört hat.

Aber es gibt einen Trick. Für besonders unreifes Fremdgewebe scheint die Körperabwehr weitgehend blind zu sein. Je älter es ist, umso heftiger fällt dagegen die Abwehr aus. Damit es vom Körper angenommen wird, darf das Spendergewebe ein bestimmtes Alter, gemessen in Tagen, nicht überschreiten. Reisner nannte es in Berlin das „obere Fenster“.

Doch es gibt noch eine andere Klippe. Je jünger das Gewebe vom Schweineembryo, umso ungestümer sind sein Wachstum und die Gefahr eines krebsartigen, zerstörerischen Wucherns im Empfängerorganismus. Das embryonale Gewebe muss also auch ein Mindestalter besitzen. Für Reisner das „untere Fenster“.

Die Tatsache, dass Verpflanzungen von tierischen Organen im Experiment bisher wenig Erfolg beschieden war, führt Reisner auch darauf zurück, dass die genauen Ausmaße des „unteren“ und des „oberen“ Fensters bisher nicht bekannt waren. Wie Reisner berichtete, sind sie je nach Organ verschieden groß. So bilden Vorläuferzellen der Nieren aus einem Schweineembryo am 21. Tag Tumoren (Teratome), am 28. Tag besteht die Gefahr nicht mehr. Und nach sechs Wochen werden die Zellen schon vom Empfängerorganismus, einer Maus, abgestoßen. Das Fenster für eine Verpflanzung von Nierengewebe würde also zwischen vierter und sechster Woche liegen.

Doch Reisner konzentriert sich vor allem auf die Bauchspeicheldrüse. Das hat einen entscheidenden Vorteil. Während die Niere ein Organ mit einer komplizierten Architektur und verschiedenen Zelltypen ist, sind an der Bauchspeicheldrüse nur die Langerhanszellen interessant, produzieren sie doch das vom Zuckerkranken benötigte Insulin.

Bis die Schweinezellen praxistauglich sind, müssen noch Fragen geklärt werden. Reisner will die Zellen an Affen erproben und erforschen, wie viel Spendergewebe erforderlich ist. Weiteres Problem sind die Nebenwirkungen der Medikamente, die die Abstoßung verhindern sollen. Vorerst werden also Zuckerkranke weiter auf Insulin aus der Spritze zurückgreifen müssen. Und oft wirken sogar Diät und Sport wahre Wunder.

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