Gesundheit : Schwer zu schlucken

Stiftung Warentest: 40 Prozent der frei verkäuflichen Mittel sind „wenig geeignet“

Adelheid Müller-Lissner

Als „Herkulesarbeit“ bezeichnete Werner Brinkmann, Vorstand der Stiftung Warentest, das neueste Produkt seines Hauses. 1500 häufig verkaufte, rezeptfreie Medikamente werden in der etwas über 500 Seiten umfassenden Neuauflage des „Handbuchs Selbstmedikation“ (34 Euro) nach Wirksamkeit und Sicherheit bewertet. Der Vergleich mit Herkules lag auch deshalb nahe, weil eine der bekanntesten Taten des antiken Helden im Ausmisten des Augiasstalls bestand.

Beim Versuch, unter den nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln die Spreu vom Weizen zu trennen, kamen das Autorinnenduo Annette Bopp und Vera Herbst und Schlussgutachter Gerd Glaeske in 40 Prozent der Fälle zum strengen Urteil „wenig geeignet“.

Auf Grund ihrer Zusammensetzung nicht überzeugend sind demnach zum Beispiel einige gerade um diese Jahreszeit viel verkaufte Grippemittel: „Wick Medinait“, weil es 18 Prozent Alkohol enthält, „wie ein guter Sherry“, Präparate wie „Grippostad C“ oder „Rhinotussal“, weil müde machende Antihistaminika die Konzentration im Straßenverkehr oder bei der Arbeit beeinträchtigen. Bei Nasenspray und -tropfen sollte der Verbraucher darauf achten, ob sie Konservierungsstoffe enthalten. „Das kann sich negativ auf die Nasenschleimhaut und die Bewegung der Nasenhärchen auswirken“, sagte der Pharmakologe Glaeske bei der Buchpräsentation. Während es hier sinnvolle Alternativen wie unkonservierte Sprays oder Salzlösungen gibt, wurden alle häufig selbst gekauften Mittel gegen Halsschmerzen mit der schlechtesten Note „wenig geeignet“ bewertet. „Wenn es sich um eine Halsentzündung handelt, wirken sie nicht ausreichend, wenn es keine Entzündung gibt, sind Antibiotika oder Enzyme als Inhaltsstoffe überflüssig.“ In diesem Fall wünscht sich Glaeske ein Mittel gegen Schmerzen beim Schlucken, „zum Beispiel mit Lidocain“. Doch das gibt es bisher nicht zu kaufen.

Auch von Potenzmitteln, für die es keine wissenschaftlichen Belege gibt, von Aknemitteln mit akneverstärkendem Schwefelzusatz oder edel verpackten „Jungbrunnen“ auf der Basis von Ginseng, Knoblauch oder Prokain wird dem Konsumenten abgeraten.

Die brisanteste Bewertung betrifft sicher die Kombinationsmittel gegen Schmerz. Denn mit der Ablehnung des bekannten Kombi-Präparats „Thomapyrin“ – es enthält neben Acetylsäure und Paracetamol auch Koffein – widerspricht das Handbuch direkt einer aktuellen Empfehlung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft. Glaeske sieht für diese Empfehlung keine ausreichende Begründung durch neue wissenschaftliche Belege. Er sprach von der „Industrienähe der einen oder anderen Fachgesellschaft, die der Sache möglicherweise nicht gut tut“. Dabei geht es im konkreten Fall nicht um Zweifel an der Wirksamkeit, sondern um Bedenken wegen Langzeitfolgen vor allem für die Niere.

In ihrem Handbuch „Medikamente“, das sich mit verordneten Arzneimittel befasste, hatte die Stiftung Warentest vor zwei Jahren „nur“ ein Viertel der Präparate als „wenig geeignet“ eingestuft. Doch das hatte, wie Brinkmann mitteilte, 80 Abmahnungen zur Folge. Keine einzige der Bewertungen habe allerdings zurückgenommen werden müssen. „Der Selbstmedikationsmarkt ist noch weniger in Ordnung als der der verschreibungspflichtigen Medikamente“, sagte Glaeske.

Im Unterschied zu den rezeptpflichtigen Mitteln darf für sie aber geworben werden. Die Fernsehwerbung weckt Erwartungen und Hoffnungen. Dass die Apotheker, die das eigentlich als Fachleute könnten, ihre Rolle als Berater – und damit im Einzelfall auch als Abrater – immer ausfüllen, bezweifelte Brinkmann. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt machte mit ihrer Anwesenheit bei der Präsentation des Buchs deutlich, dass sie ein solches Hausbuch für eine wichtige Informationsquelle hält: „Unser Gesundheitswesen basiert auf der Verantwortung der Patienten. Die können sie nur übernehmen, wenn sie informiert sind.“

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