Gesundheit : Schwerenot

Roman Rhode

Mit „Santa Evita“, seinem Roman über den Peronismus, gelang dem Argentinier Tomás Eloy Martínez 1995 der internationale Durchbruch. Nun hat er sich eines weiteren Mythos’ seiner Ursprungsheimat angenommen: des Tangos. Die musikalische Gattung ist eng verwoben mit Buenos Aires, jener europäisch geprägten Metropole, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das kulturelle Zentrum Südamerikas war – und bis heute die Synthese Argentiniens bildet.

Schon deshalb ist „Der Tangosänger“ eher ein Großstadtroman, dem der Tango wie ein Soundtrack unterliegt. Allerdings interessiert sich Martínez für den frühen, ungeschliffenen Tango aus den Bordellen, bevor ihn die Einwanderer aus Genua salonfähig machten. In dieser Vorliebe folgt Martínez dem nicht nur in Argentinien mythisch verehrten Jorge Luis Borges. Denn der Protagonist, ein New Yorker Fellow, der über Borges promoviert, macht sich auf die Suche nach dem Tangosänger Julio Martel, dessen Stimme besser sein soll als die des legendären Carlos Gardel. So gerät der Roman zu einem metaliterarischen Streifzug durch die rätselhaften Stadtpläne von Buenos Aires, quer durch Raum und Zeit einer kaum zu dechiffrierenden Metropole. Eine Art aktualisiertes „Aleph“: Martels strahlender Gesang ist ein Kondensat aus ungesühnten Verbrechen, politischer Unterdrückung, Korruption und den Sehnsüchten der Argentinier, welche sich Ende 2001 in heftigen sozialen Protesten Luft verschaffen. Martínez erzählt davon in melancholischem Ton, aber auch mit liebevoller, treffsicherer Ironie. Und zeigt, wie sehr seine Landsleute in ihrem Labyrinth gefangen sind. Ein kleines Meisterwerk.

Tomás Eloy Martínez: Der Tangosänger. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. 237 Seiten, 19,80 €.

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