Gesundheit : Schwerhörige: Juchzen bei Figaro

Walter Schmidt

Wer Dreijährige todsicher aus der Reserve locken will, der sagt beispielsweise zu ihnen: "Och, Tinchen, das kannst du doch gar nicht!" So war das jedenfalls bei Martina Nicolai, und es war ihre Tante, die ihr nicht zutraute, zusammen mit zwei ihrer Schwestern beim dreistimmigen Kanon "Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen" mitzusingen. Doch die Kleine konnte die Stimme durch den gesamten Kanon prima halten, und als das Lied tags darauf zum Geburtstag der Großmutter vorgetragen wurde, war die Oma "zu Tränen gerührt".

Musik fand Martina Nicolai "immer schon toll", und so nahm die Pfarrerstochter Klavier-Unterricht und beherrschte mit 15 Jahren die Orgel schon so gut, dass sie nichts weniger als "die beste Orgelspielerin der Welt" werden wollte. Schließlich ließ der Vater seine begabte Tochter "allergnädigst" Kirchenmusik studieren. Das tat die heute 55-Jährige dann auch, und zwar an der namhaften Essener Folkwang-Hochschule.

Dann wurde sie schwerhörig. Es geschah kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 1968. "Erst war ich skeptisch", sagt die in Buxtehude Geborene, die gerade nach Berlin umzieht. "Es ist ja erstaunlich, wie man seinen eigenen Ohren nicht traut und zunächst denkt, sie seien nur verstopft." Doch immer öfter konnte sie Gesprächen nicht folgen, musste nachfragen. Dann ging sie zum Facharzt, der nach kurzer Untersuchung erschrocken ausrief: "Um Gottes willen, Sie werden doch keine Otosklerose haben" - ein Leiden, bei dem die Gehörknöchelchen im Mittelohr, meist der Steigbügel, verkalken und sich festsetzen.

Doch Nicolai litt an dieser angeborenen Krankheit, die vor allem bei Frauen zwischen 20 und 40 Jahren auftritt, durch Schwangerschaften ausgelöst oder verschlimmert werden und zur Taubheit führen kann. "Ich habe unglaublich panisch reagiert, eine ungeheure Trauer überfiel mich und ich dachte, jetzt ist mein Leben zu Ende", erinnert sich die Musikbegeisterte an "diesen Tiefschlag". Zumindest ein Leben mit und für die Tonkunst schien zerronnen.

Ihren Ohren trauen viele Menschen manchmal nicht, aber 14-15 Millionen Bundesbürger haben allen Grund dazu. So viele nämlich haben eine "behandlungsbedürftige Hörstörung", wie es Jürgen Kießling nennt, Leiter der Audiologie (Hörwissenschaft) an der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen.

Etwa 90 Prozent der Hörgeschädigten leiden dem Medizinphysik-Professor zufolge an Innenohr-Schwerhörigkeit; bei ihnen sind zumindest ein Teil der rund 20 000 äußeren Haarzellen in der Hörschnecke ausgefallen. Patienten mit Otosklerose wie Martina Nicolai sind viel seltener, allerdings leidet die Musikerin zusätzlich an fortschreitendem Hörverlust des Innenohrs.

Immer mehr junge Schwerhörige

Besorgt sehen Ohrenärzte vor allem das wachsende Heer schwerhöriger Jugendlicher: Laut dem Hamburger "Forum Besser Hören", einem Zusammenschluss von Hörgeräte-Herstellern, hört schon jeder zwölfte Deutsche unter 20 Jahren schlechter als normal - zu lautes Musikhören fordert eben Opfer. Über das akustische Empfinden von Hörgeschädigten ist viel Falsches im Umlauf - bis hin zu dem für Hörgeräte-Träger schmerzhaften Irrglauben, selbst sie müsse man anbrüllen. "Innenohr-Schwerhörige hören leiser, manches Leise gar nicht mehr, dafür aber laute Töne oft sehr laut", sagt Kießling.

Schuld daran ist das gestörte Zusammenspiel zwischen den äußeren und den von ihnen gesteuerten inneren Haarzellen im Innenohr, den eigentlichen Hörsinneszellen. Blieb ein Laut eben noch unterhalb der Hörschwelle, reicht bei den Betroffenen schon eine nur wenig höhere Lautstärke aus, um als unangenehm empfunden zu werden. Innenohr-Schwerhörige können obendrein Frequenzen (Tonhöhen) schlechter auflösen. Außerdem hören sie verzerrt und nehmen die Pausen zwischen Wörtern und Lauten nicht gut wahr. "Deshalb sagen viele Schwerhörige, sie hörten zwar, verstünden aber nichts mehr", sagt Kießling. Hörgeschädigte hören also keineswegs durch die Bank leiser.

Genau dies erschwert Hörgeräte-Herstellern die Arbeit. Denn müssten die technischen Hilfen bloß alle Töne unterschiedslos verstärken, wäre Schwerhörigen einfach zu helfen. Doch leider ist die Natur des Hörens komplizierter: Bei normal Hörenden analysiert die Hörschnecke des Innenohrs ein Geräusch in 20 Frequenzbändern; sie kann einen Laut also in 20 unterschiedliche Tonhöhen zerlegen und so erkennen. Die ersten Hörgeräte waren hiermit völlig überfordert; sie ließen sich nur lauter oder leiser einstellen, verstärkten aber jede Tonhöhe gleich.

Empfand das Gehör jedoch einzelne Tonhöhen noch normal, drehte das Hörgerät bei ihnen die Lautstärke völlig unnütz und für den Patienten schmerzhaft auf. Auch Störlärm piesackt die Träger älterer Hörhilfen: Während Gesunde selbst in lauten Kneipen die leisere Stimme ihres Gegenübers herausfiltern können, gelingt dies technisch überholten Hörgeräten nicht. Viele Schwerhörige, darunter auch enttäuschte Hörgeräte-Nutzer, ziehen sich von ihren Mitmenschen zurück, weil sie es leid sind, außen vor zu bleiben.

Die schlagfertige Martina Nicolai verlor ihre Spontaneität, denn sie verstand zu spät oder gar nicht, worum es gerade ging. Ihre Musiker-Laufbahn schlug sie sich bald aus dem Kopf. Mit Witzchen versuchte sie, ihr schlechtes Gehör zu überspielen. Schnell gelte ein Hörgeschädigter nämlich als "trampelig und dumm", schon wegen des zuweilen "komisch verzogenen Gesichts" beim angestrengten Lauschen. Nicht umsonst ist das englische Wort "deaf" für taub mit dem deutschen "doof" verwandt.

Doch nachdem Ende der 60er Jahre Nicolais verknöcherte Steigbügel im Mittelohr gegen Edelmetall-Implantate ausgetauscht worden waren, nachdem sie anschließend über zwei Jahrzehnte hinweg immer modernere Hörgeräte getestet hatte, kam 1999 der Durchbruch. Es war in der Bremer Oper, Mozarts "Figaro" stand auf dem Spielplan, ein Stück, das Nicolai und ihre Freundin sich nicht entgehen lassen wollten. Als die Ouvertüre ganz leise einsetzte, juchzte sie so laut auf, dass die Sitznachbarn sie pikiert ansahen.

Nicolai klärte die Opernbesucher sofort darüber auf, dass sie ein neu entwickeltes Hörgerät trug, das sie fast wieder so hören ließ wie früher. "Da freuten sich alle mit mir." Das Schweizer Erzeugnis gehört zur Mitte der 90er Jahre entwickelten Generation der speicherchip-gesteuerten Hörgeräte, die laut Karsten Mohr vom Forum Besser Hören "bis dahin ungeahnte Möglichkeiten der Schallverarbeitung" eröffnen. Doch das eigentlich Neue: Das kleine Gerät, kaum größer als ein Daumennagel, imitiert die natürliche Empfindsamkeit des Innenohrs für zwanzig verschiedene Tonhöhen. Es wählt automatisch zwischen verschiedenen Hörprogrammen und unterdrückt Störlärm deutlich besser als ältere Modelle, wobei es auch wandernde Lärmquellen auszublenden vermag.

"Seit ich dieses Gerät trage, bin ich viel entspannter", sagt Nicolai, auch wenn die Taubheitsgefahr noch nicht gebannt ist. Sie arbeitet heute als freie Musiktherapeutin und spielt wieder Querflöte, die sie "selbst in hohen Tonlagen klar und unverzerrt hören kann". Ein derartiger Fortschritt freilich muss Betroffenen rund 4000 Mark je Hörgerät wert sein; die Kassen übernehmen davon maximal einen Tausender. Entscheidend für den Zugewinn an Lebensqualität der Musikerin war auch, dass sie seit einigen Jahren in beiden Ohren je ein Hörgerät trägt.

Nach Ansicht des Audiologen Jürgen Kießling ist diese Maßnahme bei etwa 90 Prozent aller Hörgeräte-Kandidaten angeraten, nur so sei gutes Hören mit zwei Ohren möglich. "Wer sich aus Scham oder anderen Gründen erst mal nur ein Hörgerät anpassen lässt, bei dem ist der Grundstein für Misserfolg und Enttäuschungen schon gelegt", sagt Kießling. "Bei Sehschwachen käme man ja auch nicht auf die Idee, nur ein Auge mit einem Brillenglas zu versorgen."

Künftige Hörgeräte sollten ihm zufolge "noch mehr Störschall beseitigen". Auch Nebengeräusche müssten "noch besser ausgeblendet werden". Ein Ansatz dazu könne sein, zwei Hörgeräte so miteinander zu koppeln, dass sie "miteinander kommunizieren können" - so wie beim Gesunden das Hirn die Höreindrücke beider Ohren aufeinander abstimmt.

Rudi Carrell steht zum Hörgerät

Doch aller technische Fortschritt hilft wenig, wenn die Betroffenen nichts davon hören wollen. Groß seien die Berührungsängste, "schon weil Hörgeräte mit Alt- und Gebrechlichsein in Verbindung gebracht werden". Um ihre "Stigmatisierung" zu brechen, hat das Forum Besser Hören kürzlich Rudi Carrell die Alexander-Graham-Bell-Medaille verliehen, weil er ein "vorbildlicher Hörgeräte-Träger" sei und sich öffentlich vernünftig und "beinahe cool" zu seinem Hörschaden bekenne.

Auch Martina Nicolai versteckt ihre Ohr-Computer nicht. Professor Carsten Ahrens vom Lehrstuhl für Audiologie der Fachhochschule Oldenburg hat erfahren, dass Schamgefühle nachlassen, wenn die Patienten umfassend mit den kleinen Helfern vertraut gemacht werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben