Schwerhörigkeit : Knopf am Kopf

Das Unfallkrankenhaus Berlin setzt eine neue Technik gegen Schwerhörigkeit ein. Die "Vibrant Soundbridge" greift direkt aufs Mittelohr zu.

Udo Badelt
297354_0_84c31dd5.jpg Foto: David Heerde
Unauffällig. Äußerlich ist nur der Audioprozessor, der wie ein Mikrofon funktioniert, am Kopf von Manfred Lewitz sichtbar. Bei...Foto: David Heerde

Es begann schleichend: Vor rund zehn Jahren merkte Manfred Lewitz plötzlich, dass er nicht mehr so gut hörte wie früher. Die Folgen, die das für sein tägliches Leben hatte, waren einschneidend. Der heute 67-Jährige musste in Unterhaltungen häufig nachfragen, was sein Gesprächspartner gerade gesagt hatte, bis er sich schließlich nur noch ungern überhaupt an Gesprächen beteiligte. Die Abende vor dem Fernseher wurden zu einer Quelle des Streits, da er oft die Lautstärke nach oben regeln wollte, während es seiner Frau zu laut wurde. Drei herkömmliche Operationen an seinem Ohr hatte er da schon hinter sich, die die Situation nicht verbessert hatten.

Manfred Lewitz litt an einer chronischen Entzündung des Mittelohres, die dazu führte, dass die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel nicht mehr richtig funktionierten. Sie gaben die Informationen des Schalls, die von außen über das Trommelfell ankommen, nicht mehr vollständig an das Innenohr, die Hörschnecke (Cochlea), weiter. Kein seltenes Problem. Weitaus häufiger ist allerdings der Fall, dass die Zahl der feinen Haarzellen in der Cochlea, die die Vibrationen der Knöchelchen aufnehmen und in Form elektrischer Impulse ans Gehirn weiterleiten, mit den Jahren abnimmt. Auch eine Kombination beider Fälle ist möglich. Zehn Prozent der Bevölkerung leiden unter solchen Höreinschränkungen, und zwar alle Altersstufen, wobei Menschen im fortgeschrittenen Alter in der Mehrheit sind. Bei allen Betroffenen ist die Fähigkeit, Töne zu hören und Sprache zu verstehen, beeinträchtigt.

Bei Manfred Lewitz kam noch etwas anderes hinzu: Der gebürtige Stettiner, der seit 1961 in Berlin lebt, hatte jahrzehntelang im Tiefbau gearbeitet und Rohre verlegt. Der Lärm der Maschinen war sein steter Begleiter. „Arbeitsschutz gab es in der DDR nicht“, erzählt er, „das hat sich erst nach der Wende geändert.“ Oberarzt Ingo Todt vom Unfallkrankenhaus Berlin (Ukb): „Lärm im Berufsleben kann ein Faktor für Hörverlust sein.“ Alles erklärt der Lärm aber nicht. Die Kollegen von Manfred Lewitz sind nicht im gleichen Maße von Hörverlust betroffen wir er.

Jedenfalls brauchte Lewitz ein Hörgerät. Die herkömmlichen Modelle sitzen im Gehörgang, also noch vor dem Trommelfell, und verstärken die ankommenden Schallwellen. In seinem Fall – und bei vielen anderen Betroffener – hilft das jedoch nichts mehr. Im vergangenen Oktober setzte ihm Ingo Todt am Ukb im rechten Ohr eine neue Hörgerätechnik ein, die das Trommelfell sozusagen überspringt und direkt auf die Knöchelchen im Mittelohr und auf die Grenzmembranen der Cochlea einwirkt: Die Vibrant Soundbridge. Außen am Kopf wird ein sogenannter Audioprozessor getragen, der im Prinzip nichts anderes ist als ein Mikrofon. Ein implantiertes dünnes Kabel leitet die akustischen Schwingungen am Gehörgang vorbei ins Mittelohr. Dort werden sie von einem winzigen Gerät empfangen, den Floating Mass Transducer. Er sitzt direkt auf den Knöchelchen oder den Membranen und verstärkt deren natürliche Bewegung. Auf diese Weise empfängt die Cochlea mehr Informationen und kann mehr Impulse ans Gehirn weiterleiten – der Patient hört mehr und besser.

Für Manfred Lewitz ist nach dem viertägigen Krankenhausaufenthalt eine Menge Lebensqualität zurückgekehrt. Seine Hörleistung beträgt 90 Prozent eines Normalhörenden, er kann auch in Räumen, die mit viel Hintergrundgeräuschen gefüllt sind, Gespräche gut verfolgen. Äußerlich ist von der Vibrant Soundbridge nur der Audioprozessor als Knopf an der Seite des Kopfes sichtbar. Bei Manfred Lewitz wird er sogar noch von vollem Haar verdeckt. Einen Druck auf dem Kopf würde er nicht verspüren, sagt er. Will er Sport treiben, schwimmen oder duschen, nimmt er den Prozessor ab. Dann hört er zwar für eine Weile nicht mehr so gut, „aber das kann ich verschmerzen“. Fällt das kleine Gerät, das magnetisch gehalten wird, einmal zufällig nach unten, wird es von einem Draht aufgefangen, sodass es nicht verloren gehen kann. Die meiste Zeit verbringt Manfred Lewitz jetzt auf seinem Gartengrundstück in Friedrichshagen. Die Kosten für die Operation hat die Kasse übernommen, die Batterien allerdings muss er selbst bezahlen.

Als Konstrukteur und Erfinder der Vibrant Soundbridge gilt der kalifornische Ingenieur Geoffrey Ball, selbst hörbehindert, der das Patent 1996 anmeldete und beiderseitig sein Implantat trägt. Einige Jahre lang konnte das System jedoch nur eingesetzt werden, wenn die drei Gehörknöchelchen noch intakt waren. 2006 entwickelte der italienische Ohrchirurg Vittorio Colletti aus Verona das Gerät weiter, sodass es jetzt auch zum Einsatz kommen konnte, wenn dies nicht der Fall war. Seit 1998 wendet das Unfallkrankenhaus Berlin die Technik an. Bis jetzt ist es das einzige Krankenhaus in Berlin und Brandenburg geblieben. Arneborg Ernst, Direktor der Klinik für HNO-Heilkunde, war vormals Oberarzt in Hannover und brachte die Soundbridge bei seinem Wechsel nach Berlin mit. Zur Zeit wird das System hier rund 30 Patienten jährlich implantiert. Deutschlandweit ist das sonst nur an den Universitätskliniken von Hannover und Würzburg in ähnlichen Größenordnungen der Fall.

Warum so wenige? „Ein Grund dafür könnte sein, dass die Technik noch nicht so bekannt ist, auch nicht bei HNO-Ärzten und Hörgeräteakustikern“, mutmaßt Ingo Todt. Aber Manfred Lewitz erzählt, dass er schon mehrere Akustiker getroffen habe, die sich in Lehrgängen weiterbilden. Der Knopf am Kopf könnte schon bald ein gewohnter Anblick werden. Und so schlecht sieht er ja auch gar nicht aus.

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