Gesundheit : Sehnsucht nach dem Wir-Gefühl

Im Großraumbüro wird anders gefeiert als in der Meistergilde. Die Rituale werden ungezwungener

Wolfgang Kaschuba

Herr Lehmann ist Büroangestellter, Pfeifenraucher und Anhänger vom 1. FC Union. Seinen Arbeitstag beginnt er stets mit derselben Handlung. Bleistifte, Radiergummi, Eingangsmappe, Telefon und Kaffeetasse werden in geometrischem Muster auf dem Schreibtisch angeordnet. Erst wenn die Linien und die Winkel stimmen, stimmt auch Lehmanns Morgen.

Dass die moderne Gesellschaft weniger Rituale benötige als ihre Vorgänger, ist eine oft wiederholte Vermutung. Aber auch sie wird durch häufige Wiederholung nicht wahrer. Denn unser Ritual- und Symbolbedarf wächst im Gegenteil mit der Zahl unklarer, irritierender Situationen, auf die wir im Alltag treffen. Und die sind ebenso vielfältig wie zahllos, bedürfen also regelnder Ordnung. Mehr denn je sind wir daher Kinder einer Regel- und Zeichenwelt, die uns an die Hand nimmt. Allerdings scheinen sich diese Rituale in ihrer Form und Gültigkeit zu verändern. Sie öffnen sich, verlieren an Festigkeit. Und manchmal spielen wir auch mit ihnen, nostalgisch oder ironisch. Weniges gilt mehr überall, weil unsere Lebenswelten weiter, vielfältiger, medialer, internationaler werden. Dennoch, Rituale scheinen überall mitzuspielen: in Gedenkfeiern wie an Geburtstagen, in Beziehungen wie im Restaurant – kaum weniger als bei unseren Großeltern oder deren Vorfahren. Siehe Lehmann!

Doch ist Lehmanns Morgenübung tatsächlich ein Ritual? Umgangssprachlich vielleicht schon, sachlich eigentlich nicht. Denn ein wirkliches Ritual bedarf doch einer gemeinschaftsbildenden Idee und Wirkung. Partnerschaft allein mit dem Radiergummi reicht da nicht aus. Nennen wir es also schlichter Pedanterie. Und gerade in dem Lebensbereich, in dem Herr Lehmann sich dabei bewegt, sind wirkliche Rituale selten geworden. Unsere Arbeitswelt scheint kulturell zu veröden; jedenfalls verglichen mit der Vergangenheit.

In der vormodernen Gesellschaft nämlich war auch die Arbeit durchzogen und geformt von den Rites de Passage. Rituale des Überganges prägten den täglichen und jährlichen Arbeitsrhythmus. Sie prägten aber auch die Produkte, deren Verwandlung und Vollendung. All diese Übergänge waren Anlass zu gemeinsamem Begehen und Feiern. Im zünftigen Handwerk etwa regelten solche Rituale die Übergänge zwischen unterschiedlichen Statusformen, wenn aus dem Lehrling durch die rituell-grobe „Freisprechung“ der Geselle wurde, ein letztes Mal gequält und gehänselt, um danach die neue soziale Position umso mehr genießen zu können. Noch feierlicher erfuhr er dann später vielleicht die Aufnahme in die Gilde der Meister. Es waren gottesdienstähnliche Rituale, die den Lebenslauf begleiteten und in kleineren Formen auch den Arbeitsalltag.

Tatsächlich waren die Gesellenbünde wie die bäuerlichen Dörfer stets auch religiöse Gemeinschaften. Und diese Gemeinschaften bezogen ihre Passageriten auch auf die Produkte ihrer Arbeit. Zunächst auf die unmittelbar erzeugten Lebensmittel, so dass Ernte, Weinlese oder der Almabtrieb die festliche Höhepunkte des ganzen Jahres bildeten. Aber auch das Richtfest, der Glockenguss, der Stapellauf des Bootes gaben Anlass zur rituellem Feiern. Vielfach bis heute.

Diese Arbeitswelten waren hochritualisiert, weil sie in Gemeinschaften organisiert waren und zugleich die Gemeinschaft organisierten. Weil sie über ihre rituellen Formen ein- und ausschlossen, also integrierten wie Differenz produzierten. Kein Wunder, dass die Nationalsozialisten sehr viel später wieder auf diese Gemeinschaft bildende Wirkung ritueller Formen zurückgriffen. Ihre Volksgemeinschaft war auch als völkische Arbeitsgemeinschaft organisiert. Sie wurde emotional verdichtet wie ästhetisch überhöht durch Appelle und Feiern, durch Symbole und Fahnen, durch Reden und Musik. Und diese rituelle Ordnung einer gnadenlosen Gemeinschaftskultur zog sich bekanntlich bis in die Konzentrationslager.

Gewiss wurden weder die BRD noch die DDR Nachfolger dieser Gesellschaftsordnung. Doch stellte sich die neue Arbeitswelt vor allem des Sozialismus bald ebenfalls als eine Welt der Rituale dar. Durch die Organisationsstruktur der Betriebsgruppen, der Brigaden, der Grundeinheiten von Gewerkschaft und Partei, die wie ein feines Netz alle Werkhallen und Büroräume durchzog, entstand auch ein breites Repertoire an kulturellen Formen und symbolischen Praxen. Die Brigadefeste und Ehrungen, Ausflüge und Geburtstage, Gedenktage und Aufmärsche waren Legion. Und die vielfältigen Abzeichen und Orden, Ehrengaben und Fahnen, Urkunden und Fotografien beschäftigten eine eigene sozialistische Andenken- und Kulturindustrie. Selbst die gefürchteten „Winkelemente“ wirkten nachhaltig vergemeinschaftend: Wedelnd und jubelnd litt man gemeinsam, um sich bei passender Gelegenheit auch gemeinsam zu empfehlen. Vielleicht war sogar gerade dies, die altfränkisch wirkende, jedoch hochintegrative Arbeitskultur der „Kollegen und Genossen“, die als heimlicher Kitt die DDR-Gesellschaft in ihrem Innersten zusammenhielt.

Fehlt uns das? Manchen schon – und nicht nur den Ostalgikern. Denn was haben wir heute, neben isolierender Arbeitslosigkeit? Jenes Gemeinsam-einsam in Großraumbüros, zerrissen zwischen sich penetrant inszenierender Individualität und einer ungewissen Sehnsucht nach Wir-Gefühlen? Gewiss, es gibt die kleinen Geburtstagsfeiern, die Beförderungsglückwünsche mit Sekt im Pappbecher, die Sommer- und Betriebsfeste mit alten Witzen, neuem Schwenkgrill und Powersaufen. Dazu Mitarbeiterbesprechungen und Betriebsversammlungen, deren informeller Gottesdienstcharakter die corporate identity ebenfalls rituell zu beschwören versucht.

Und es gibt natürlich einzelne Arbeitswelten und Berufskulturen, die Besonderes zu bieten haben, weil sie regelrecht auf Kommunikation und Gruppenförmigkeit angelegt sind. Die Arbeitswelt der Geistlichen natürlich zuallererst, die als historische Erfinder des Rituals auch seine wichtigsten Hüter geblieben sind. Auch wer nicht glaubt, fühlt sich heute doch vielfach gerade durch dieses Rituelle des religiösen Raumes berührt, das ebenso Geheimnis zu bergen scheint wie Gemeinschaft. Aber auch die Fußballer, die jeweils eigene Beschwörungsrituale des Teamspirits haben, ohne die sie elf erfolglose Individualisten bleiben würden.

Und auch die Redaktionssitzung der Journalisten trägt unverkennbar rituelle Züge, wenn dort einerseits das Teamhafte der täglichen Aufklärungsarbeit beschworen wird, andererseits die Hierarchien und Kompetenzen über symbolische Rede-, Rollen- und Rangordnungen wirken. Ungewollt führt der Fokus-Werbespot diese „hidden structure“ in grausam schöner Schlichtheit vor mit dem pausbäckigen Helmut Markwort als laiendarstellendem Chef-Kollegen.

Viel gekonnter und oft ins Exzentrische gewendet, präsentieren sich da schon die Akteure der verschiedenen Kunstszenen. Denn ihre Vernissagen und Events spielen ganz bewusst mit der rituellen Inszenierung von Werk und Macher, schaffen eine Aura des Werkes wie des Auftritts.

Zu kehren ist aber auch vor der eigenen Haustür. Auch Wissenschaft und Universität bieten mitunter hochrituelle Veranstaltungen wie das klassische Duett des Vortragenden und des ihn einführenden Kollegen: Da sind die Peers untereinander und erheben sich miteinander in rituell dialogischem Lobgesang über Werk und Genie. Oder die akademischen Prüfungen, die ohne rituelle Ordnung gar nicht zu bewältigen wären. Zwar ist seit den Sechzigerjahren da vieles informeller geworden, doch ist gegenwärtig vielfach eine Rückkehr zur „Form“ zu beobachten. Dresscode beim Examen ist angesagt und Abschiedsrituale mit Zertifizierung und Handschlag sind zunehmend erwünscht.

Fast unüberbietbar in ihrer rituellen Inszenierung ist freilich die ehrwürdige Einrichtung der Habilitation. Dieser Ritterschlag auf dem Weg zur erstrebten Professur wirkt gleich doppelt: Zunächst staucht er nochmals erheblich das Rückgrat des Jungwissenschaftlers zusammen, um ihn dann in den Orden zu erheben. Ganz buchstäblich: Wenn die Fakultätsmitglieder sich beim Wiedereintritt des Geprüften nach dem Kolloquium kollektiv erheben, weiß er: überlebt! Ich gehöre dazu. Ein wenig erinnert das freilich auch an jenes andere Ritual aus der Geschichte der britischen Marinegerichte. Wenn dort der Angeklagte wieder in den Saal geführt wurde, blickte er zuerst auf den Tisch vor dem Admiral. Lag der Dolch dort quer, war er freigesprochen. Zeigte die Spitze hingegen auf ihn, wusste er, dass ihm das Leben nurmehr ein allerletztes Ritual würde bieten können. Solches Spektakel allerdings hat die Universität dankenswerter Weise nicht mehr zu bieten.

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