Gesundheit : "Seid dankbar, wenn die Inder überhaupt kommen"

Tilmann Warnecke

Der indische Informatiker Prafull Sharma kennt keine Landsleute, die es nach Deutschland ziehtTilmann Warnecke

Was denken wohl andere Menschen über uns? - In der Rubrik "Gästebuch" werfen ausländische Gast-Studierende einen kritischen Blick auf die deutschen Unis.

Spricht man Prafull Sharma auf die Green-Card-Debatte an, runzelt er leicht die Stirn. Die Kinder-Inder-Wortspiele kann der Informatik-Student schon lange nicht mehr hören. Dann sagt er sehr bestimmt: "Die Deutschen sollten sich eins klar machen: Nicht sie tun den Indern einen Gefallen, wenn sie sie ins Land lassen. Sondern die Inder den Deutschen, wenn sie überhaupt kommen." Sähen Personalchefs deutscher IT-Firmen den Lebenslauf des 24-Jährigen Inders, wären sie begeistert. Nach nur vier Jahren Studium an der Technischen Universität steht er kurz vor seiner letzten Diplomprüfung. Bei Siemens ist er Werkstudent und arbeitet als Java-Programmierer im E-Commerce. Fließend Deutsch spricht er dank seines langjährigen Aufenthalts auch, Englisch und Hindi sowieso.

Warum kommt eigentlich ein Inder zum Informatik-Studium ins vermeintliche IT-Entwicklungsland Deutschland? Ganz einfach: weil er in Indien nicht Informatik studieren konnte. "Dass ich dann nach Berlin gekommen bin, war eine ganz spontane, zufällige Entscheidung", sagt der 24-Jährige. Junge Inder bewerben sich in ihrer Heimat zunächst für eine Universität, nicht für ein Fach. Einmal nach einem harten Auswahlverfahren angenommen, darf der Beste seinen Studiengang zuerst wählen. So gehörte Prafull zwar zu 900 Glücklichen, die unter 30 000 Bewerbern eine Zusage für ein renommiertes Engineer College bei Neu Delhi bekommen hatten. Da er aber "irgendwo um Platz 500" stand, nutzte ihm das wenig. "Manche haben Glück, und die Leute, die vorher dran sind, nehmen Chemie oder Maschinenbau." Prafull hatte Pech und musste statt Informatik Bauingenieurswesen studieren. "Und von den Bauingenieuren werden in Indien einfach zu viele arbeitslos." Ein Cousin, der an der TU ein Austauschjahr machte, war seine Rettung und schlug ihm die Berliner Uni als Alternative vor. Prafull zögerte nicht lange, meldete sich im Goethe-Institut zu einem Deutsch-Intensivkurs an und brach das ungeliebte Bauingenieursstudium nach nur vier Monaten ab. Ein Jahr später landete er in Tegel. Aus Indien war er vorher noch nicht herausgekommen.

Stolz auf Indiens Schulen

Für den momentanen Erfolg der indischen Informationstechnologie hat Prafull eine einfache Erklärung: "Indien ist zwar ein armes Land. Es hat aber schneller kapiert, dass die IT-Branche die Branche der Zukunft ist." In Prafulls Klassenzimmer gab es schon 1986 die ersten Computer. Als er das erzählt, schwingt ein bisschen Stolz in seiner Stimme mit.

Auch sind indische Studenten seiner Meinung nach zielstrebiger als die deutschen. "Die meisten meiner Berliner Kommilitonen studieren, weil es ihnen Spaß macht. Kein deutscher Student hat wirklich Angst um seine Existenz. Inder studieren, um hinterher Arbeit zu bekommen. Es gibt keine soziale Absicherung, die einen auffangen könnte." Bei den Studieninhalten kann er keine großen Unterschiede feststellen. "Wir deutschen Informatiker", - und da sieht sich Prafull wieder ganz als deutscher Student -, "sind nicht schlechter als die indischen. Wer lernen will, kann auch in Deutschland genug lernen."

Sein Cousin und dessen indische Freunde machten ihm das Eingewöhnen in der Fremde leicht. In einem einjährigen Vorbereitungskurs musste Prafull an der TU das dreizehnte Schuljahr nachholen ("Das Fachliche war nichts Neues für mich, aber ein zusätzliches Jahr Deutsch war Gold wert") und konnte sich so an die Eigenarten deutscher Unis gewöhnen: "Dass es Vorlesesäle für sechshundert Studenten gibt, hätte ich nicht gedacht. In Indien wird immer in Kleingruppen unterrichtet." Bereut hat er seine spontane Entscheidung trotzdem nie, im Gegenteil. "Ich bin froh, dass ich hier allein studiere. In Berlin fühle ich mich total unabhängig." Denn im Gegensatz zu ihren indischen Kollegen haben deutsche Studenten auch ein eigenes Privatleben. "In Indien wohnen die meisten Studenten bei ihrer Familie. Da muss man viele Zugeständnisse machen. Sich mal schnell mit seiner Freundin zu einem Spaziergang treffen und in aller Öffentlichkeit Händchen halten oder sich gar küssen - das geht einfach nicht."

Trotz der gewonnenen Freiheit - der Kontakt nach Indien ist ihm wichtig. Einmal im Jahr fliegt er zu seiner Familie, die im Wüstenstaat Rajasthan wohnt. Von seinen Freunden, die in Indien in der IT-Branche arbeiten, hat ihn seit Bekanntwerden der Green-Card-Pläne allerdings noch keiner angerufen und angekündigt, dass er gleich morgen hier sein will. "Die sind alle ziemlich skeptisch. So heiß ist der Markt in Deutschland nicht." Die Gehälter in den USA seien schließlich weitaus besser.

Für Prafulls Zukunft ist der Ausgang der gegenwärtige Debatte von einiger Bedeutung, denn das Ergebnis entscheidet, ob er in Deutschland bleibt oder nicht. Bisher macht das Ausländerrecht keinen Unterschied zwischen Ausländern, die erst noch kommen sollen, und Ausländern mit deutschem Abschluss. Ein Studentenjob bei Siemens ist Prafull erlaubt, eine eigene Firma nicht. Arbeiten in Deutschland? "Eine Karriere kann ich hier bei den jetzigen Regelungen doch vergessen. Auch wenn es eine Green Card für fünf Jahre geben sollte - langfristig planen kann man damit nicht gerade."

Den Kommilitonen weggeschickt

Als Schreckensbeispiel hat er einen ehemaligen indischen Kommilitonen an der TU vor Augen. Der hatte nach acht Semestern, also weniger als der Regelstudienzeit, sein Diplom in der Tasche, Abschlussnote 1,2. Der Arbeitsvertrag mit IBM war bereits unterschrieben. "Und dann haben ihm die Ausländerbehörden die Arbeitsgenehmigung verweigert. Dem blieb gar nichts anderes übrig, als aus Deutschland wegzugehen."

Indien oder USA - da sieht Prafull seine Zukunft. Ein bis zwei Jahre will Prafull nach dem Abschluss noch in Deutschland arbeiten. Denn Arbeitserfahrung im Ausland ist auch bei indischen Personalchefs gern gesehen. Auf ewige berufliche Unsicherheit in Deutschland aber, meint Prafull, "darauf habe ich keine Lust. So gut es mir in Berlin auch gefällt."

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