Gesundheit : Seite an Seite mit den Dinosauriern

Die Primaten verbreiteten sich nicht erst nach dem Aussterben der Riesenechsen, sondern womöglich schon Millionen Jahre früher

Matthias Glaubrecht

Die Urahnen des Menschen lebten möglicherweise bereits zur Zeit der Dinosaurier. Die Primaten entstanden nach Ansicht des Evolutionsbiologen Robert D. Martin bereits vor 90 Millionen Jahren. Der Direktor der Wissenschaftsabteilung am Field Museum of Natural History in Chicago widerspricht damit der gängigen These, dass sich die Primaten erst nach dem Aussterben der Dinosaurier verbreiten konnten.

Nach Einschätzung vieler Wissenschaftler wurde die Erde vor 65 Millionen Jahren von einem gewaltigen Meteoriten nahe der mexikanischen Halbinsel Yukatan getroffen, womit die Biosphäre in eine Art globalen Winter eintauchte. Ein Großteil der bis dahin blühenden Tier- und Pflanzenwelt des Erdmittelalters fiel diesem irdischen Supergau zum Opfer – darunter die Dinosaurier. Übrig blieben nachtaktive Kleinsäuger, zu deren evolutiver Morgenröte es erstmals im adäquat benannten Erdzeitalter des „Eozäns“ kam. Erst jener Meteoriteneinschlag brachte die Wende und bereitete die evolutionäre Bühne für die Entfaltung der vor 200 Millionen Jahren entstandenen Säugetiere.

Auch die Vorfahren unserer ureigenen Stammeslinie der Primaten sollen erst während des frühen Tertiärs aus spitzmausähnlichen Insektenfressern hervorgegangen sein. Da die einschlägigen Fossilfunde aus jener Zeit stammen, glauben die meisten Paläontologen bislang, dass die ältesten Primaten kaum mehr als 55 Millionen Jahre alt sind.

Der 1942 in London geborene Anthropologe und Evolutionsbiologe Robert D. Martin widersprach dieser Ansicht bei der diesjährigen „Ernst Mayr Lecture“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vor zahlreich erschienenem Publikum. Ihm zufolge lebten die Urahnen des Menschen bereits seit der Kreidezeit Seite an Seite mit den Dinosauriern – und haben sich nicht erst nach deren Aussterben vielfältig entwickelt.

Martins Vortrag und Forschung lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Säugergruppe, zu denen unsere unmittelbaren Ahnen im Tierreich zählen. Indes kennt selbst kaum ein Zoologe diese Primaten näher, die so eigentümliche Namen haben wie Kobaldmakis, Loris, Galagos oder Buschbabies. Meist sind sie klein, nur nachts aktiv und leben versteckt in den Regenwäldern der Tropen, die der Mensch allerorten rücksichtslos kurzfristiger Profitgier zum Opfer fallen lässt. Rund 350 Primaten-Arten haben Forscher mittlerweile entdeckt, die sie in sechs Hauptgruppen einteilen; eine dieser Gruppen stellen die großen Menschenaffen wie Gorilla und Schimpanse samt Homo sapiens.

Ihnen allen gemeinsam ist, dass versteinerte Zeugnisse ihrer frühesten Vorfahren fehlen. Doch Martin meint, dass Urprimaten extrem schwer zu finden sind. Denn auch als Fossilien seien sie klein und unscheinbar. Überdies gebe es auf den von Primaten damals besiedelten Südkontinenten wie Indien und Afrika kaum geeignete Sedimentgesteine aus der fraglichen Zeit.

Bei den wenigen bekannten Fundplätzen muss man schon das die gigantischen Dinosaurierknochen umhüllende Sedimentgestein durchsieben, wie dies der Paläontologe Wolf-Dieter Heinrich am Berliner Museum für Naturkunde in mühsamer Feinarbeit tut, um überhaupt die winzigen Knochenfragmente von Säugern aus der Dino-Zeit zu finden. Tatsächlich entdeckte Heinrich auf diese Weise versteinerte Überreste von Säugern aus der oberen Jurazeit in dem buchstäblich im Schatten der Dinosaurier abgelagerten Gestein des ostafrikanischen Fundortes Tendaguru, dem auch der im großen Lichthof in Berlin aufgestellte Brachiosaurus brancai entstammt. Als Tendagurodon janenschi, Staffia aenigmatica und Tendagurutherium dietrichi beschrieben, sorgen diese frühen Säuger für Aufsehen in der Welt der Fossilkundler.

Allein echte Knochen von Ur-Primaten aus der Zeit der Dinosaurier fehlen bisher immer noch. Ihr Fund wäre eine zoologische Sensation ähnlich der des ersten Neandertalers oder Urvogels. Doch Forscher vermissen nicht nur einzelne Seiten, sondern meist ganze Kapitel aus dem Buch des Lebens. Kaum mehr als drei Prozent aller einst lebenden Säuger seien überhaupt durch Fossilfunde bekannt, schätzt Robert Martin; das gelte auch für Ur-Primaten. Er spricht deshalb vom „schwarzen Loch der Evolution".

Martin ist deshalb einen anderen Weg gegangen. Bereits 1993 postulierte er, dass aufgrund seiner Berechnungen das eigentliche Erscheinen einer Tiergruppe um rund ein Drittel der bekannten Evolutionszeit rückdatiert werden müsste, ausgehend vom ältesten bekannten Fossilfund dieser Tiere. Damals schlug Martin vor, dass Primaten 80 Millionen Jahre alt seien – doch kaum ein Primatologe mochte ihm folgen.

Gleich mehrere molekulargenetische Arbeiten zur Stammesgeschichte und systematischen Verwandtschaft innerhalb der Säugetiere haben inzwischen dieses hohe Alter der Primaten bestätigt. Molekulargenetiker wie Ulfur Arnason von der Universität im schwedischen Lund ermittelten, dass die wichtigsten Aufspaltungen im Stammbaum der Säugetiere bereits im Erdmittelalter erfolgten: Die Primaten könnten tatsächlich nicht 60, sondern 90 Millionen Jahre alt sein.

Schützenhilfe hat Martin auch von Biomathematikern um Simon Tavaré von der University of Southern California bekommen. Mittels statistischer Verfahren errechneten die Forscher, dass Primaten bereits vor 83 bis 88 Millionen Jahren lebten. In diese Modelle gingen neben der Anzahl heute lebender Primatenarten vor allem Daten sämtlicher bekannter Fossilfunde von Urprimaten aus allen Kontinenten ein.

Warum wir das wissen sollten, fragte mehr als nur ein Zuhörer im Anschluss an Martins Vortrag. Als Evolutionsbiologe fiel ihm die Antwort leicht. Schließlich werden wir erst dann unseren eigenen Ursprung verstehen, wenn wir sicher wissen, woher wir kommen, wann und unter welchen Umständen unsere Evolutionsgeschichte begann. Mit diesem Wissen ließe sich in Ostafrika gezielter in entsprechend alten Schichten nach Fossilien suchen.

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