Gesundheit : Sekundenkleber fürs Gehirn

Mit einer speziellen Technik behandeln Berliner Radiologen gefährliche Gefäßausbeulungen im Kopf

Paul Janositz

Fast 110 Jahre ist es her, seit Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen entdeckte. 49 Minuten benötigte der Professor an der Uni Würzburg, um die Hand seiner Frau zu durchleuchten. Heute ist eine derartige Untersuchung in Millisekunden erledigt. 1905 wurde in Berlin die Deutsche Röntgengesellschaft gegründet. Der hundertjährige Jubiläumskongress, der bis zum Wochenende rund 7000 Radiologen in Berlin versammelte, dokumentierte die rasanten Fortschritte auf dem Feld.

Beispiel: Durch ausgefeilte radiologische Techniken werden minimal-invasive Eingriffe im Gehirn möglich, wie Berliner Radiologen berichteten. Lebensbedrohliche Gehirnblutungen können auf ein „Aneurysma“ zurückgehen – die Ausbeulung eines Blutgefäßes. Aneurysmen treten bei etwa acht Prozent der Bevölkerung auf. Die Betroffenen sind meist zwischen 40 und 50 Jahre alt. Im Lauf der Zeit werden die Gefäßwände immer schwächer, bis sie irgendwann reißen, begünstigt etwa durch hohen Blutdruck. „Dabei tritt ein kurzer, heftiger Kopfschmerz auf“, sagt Andreas Schilling, Oberarzt an der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin der Berliner Charité. Hoffentlich nimmt der Betroffene die Symptome, starke Kopfschmerzen, Sprach- und Sehstörungen sowie kurzzeitige Ohnmacht, ernst genug, um den Arzt aufzusuchen. Denn wer unbehandelt bleibt, läuft zu 70 Prozent Gefahr zu sterben.

Da Aneurysmen nicht wehtun, werden sie höchstens zufällig vorzeitig entdeckt, etwa wenn die Nasennebenhöhlen geröntgt werden. An der Charité wurde eine spezielle Therapie, die „Coiling- Technik“ entwickelt, um die Folgen einer geplatzten Hirnader zu vermeiden. Dabei wird ein Mikro-Katheter durch die Leiste über die Bauchschlagader bis ins Hirngefäß geschoben. Sobald das Aneurysma erreicht ist, wird die Aussackung mit den „Coils“, das sind winzige Platinspiralen, gefüllt und abgedichtet.

Die beschichteten, bioaktiven Coils, welche die Berliner Radiologen zum Teil einsetzen, lassen das umliegende Bindegewebe schneller wachsen und somit die entstandenen Narben schneller abheilen. Die minimal-invasive Methode bietet zudem den Vorteil, dass die Patienten schon nach drei Tagen – statt erst nach zwei Wochen – die Klinik verlassen können.

Um den Katheter zielgenau platzieren zu können, bedarf es einer guten Sicht in das Innere des Patienten. Blutgefäße werden mit Hilfe eines Kontrastmittels sichtbar gemacht, die Bilder werden anschließend von Röntgenstrahlen oder per Magnetresonanztomografie (MRT) erzeugt. So entsteht eine Aufnahme der Blutgefäße im Kopf – eine Angiographie. Mit MRT arbeitet die neue, weltweit erste 3D-Rotations-Anlage der Charité, die erst im April die bisherige Angiographie-Apparatur abgelöst hat. „Man kann jetzt die Bilder am Computer ganz nach Bedarf drehen“, sagt Schilling. Zudem sei die Strahlenbelastung um die Hälfte reduziert.

Die Anlage erweist sich als idealer Helfer bei Planung und Durchführung des Eingriffs. „Von dem minimal-invasiven Verfahren profitieren jährlich an die hundert Patienten“, sagt Schilling. Herkömmlich operiert werde nur noch in Ausnahmefällen.

Eine Studie, veröffentlicht im Fachblatt „Lancet“ 2002, bestätigt die Vorteile des radiologischen Vorgehens. Im Verlauf einer internationalen Untersuchung wurden mehr als 2000 Patienten mit einer durch ein geplatztes Aneurysma verursachten Hirnblutung entweder konventionell operiert oder minimal-invasiv mit „Coils“ behandelt. Als sich abzeichnete, dass in der „Coil- Gruppe“ deutlich mehr Patienten überlebten und auch bleibende Schäden seltener waren, musste die Studie aus ethischen Gründen vorzeitig abgebrochen. „Wir haben uns erst gar nicht beteiligt, da wir keinem unserer Patienten die überlegene Coiling-Technik vorenthalten wollten“, sagte Schilling dem Tagesspiegel.

Ebenfalls per angiographisch gesteuertem Mini-Katheter werden an der Charité Patienten behandelt, in deren Kopf die Gefäße durcheinander geraten sind. Bei dieser „arteriovenösen Malformation“ ist es quasi zu einem Kurzschluss zwischen der Arterie und den Venen gekommen. Aus einem geordneten Gefäßgeflecht ist ein unordentliches Knäuel entstanden, das das Gehirngewebe nicht mehr richtig versorgen kann. Etwa fünf von hunderttausend Menschen sind von einer solchen Fehlbildung betroffen. Symptome: epilepsieartige Krämpfe.

Das Gefäßknäuel lässt sich am besten entschärfen, indem man es abdichtet. „Wir injizieren einen Sekundenkleber“, sagt Schilling. Es handelt sich um einen fettlöslichen Acrylkleber, der eine Wasserkomponente enthält. Im Blut wird der Wasseranteil ausgewaschen, der Kleber härtet aus. „Der Vorgang läuft blitzschnell ab, das Gefäß ist sofort zu.“

Mitunter ist im Anschluss an die Verklebung eine einmalige Strahlenbehandlung erforderlich. Dadurch wird ein Entzündungsreiz gesetzt, der dazu führt, dass innerhalb von zwei bis drei Jahren das Gefäßknäuel abgebaut wird. Jedes Jahr werden in Berlin etwa 100 Patienten mit dem Klebe-Verfahren behandelt.

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