Gesundheit : Selbsterkenntnis: Fisch mit Ich

Rolf Degen

Der Blick in den Spiegel ist nicht nur narzisstische Selbstbeschau, sondern auch ein intellektueller Meilenstein. So lehrt die Verhaltensforschung, dass sich außer uns nur einige der großen Menschenaffen im Spiegel selbst erkennen und damit den Besitz von Ichgefühl verraten. Doch wie es aussieht, müssen die betreffenden Lehrbuchpassagen jetzt neu geschrieben werden: Auch große Tümmler und die verwandten Killerwale befällt angesichts ihrer Reflexion ein Aha-Erlebnis.

In den ersten bekannt gewordenen Studien Ende der 60er Jahre wurden Schimpansen für ein paar Tage mit einem Spiegel konfrontiert. Zunächst behandelten die Herrentiere ihr Konterfei aufgeregt wie einen Fremden. Dann beruhigten sie sich und nutzten die Reflexion gezielt, um schwer zugängliche Körperteile zu inspizieren. Im entscheidenden Experiment wurden die Affen unter Narkose mit einem Farbtupfer am Gesicht markiert. Als sie nach dem Aufwachen in den Spiegel blickten, fingen sie unvermittelt an, nach der Verunzierung zu tasten.

Außer den Schimpansen zeigen nur Orang-Utans und Menschen Selbsterkennen, wenn sie ihr Ebenbild im Spiegel oder auf einem Monitor sehen. Alle andern Tiere, darunter Affen, Elefanten, Vögel und sogar Gorillas behandeln ihre Reflexion weiterhin wie einen Fremden oder verlieren ihr Interesse daran. Menschenkinder bestehen den Klecks-Test mit anderthalb bis zwei Jahren.

Der Rückschluss vom Spiegelbild auf den eigenen Körper wird als Zeichen gewertet, dass der Betrachter ein Bewusstsein seiner eigenen Identität besitzt. Wer sich selbst im Spiegel erkennt, kann sich danach auch vorstellen, ein Objekt in den Augen der anderen zu sein. Spiegelexperimente mit den wegen ihrer Intelligenz gerühmten Delphinen brachten in der Vergangenheit keine schlüssigen Ergebnisse hervor. Die genaue Reproduktion des Farbklecks-Tests ist undurchführbar, weil die Tümmler keine Hände haben, mit denen sie nach den Verunzierung greifen könnten.

Doch jetzt haben zwei Forschergruppen das Design unabhängig voneinander mit methodischer Sorgfalt an die Unterwasserwelt angepasst. Die Meeresbiologen Lori Marino von der Emory-Universität in Atlanta und Diana Reiss von der Columbia-Universität in New York studierten zwei große Tümmler, also Delphine der Art, die in Gestalt des "Flipper" Fernsehberühmtheit erlangte. Die beiden Versuchstiere im Teenageralter hatten sich in ihrem Pool vier Jahre lang an Spiegel gewöhnt.

Die Wissenschaftler verwendeten einen Markerstift, der zum Teil leuchtende Farbe, zum Teil nur farblose Flüssigkeit enthielt. Mit diesem Instrument brachten sie an der Schnauze, an den Flossen und am Bauch der Tümmler Muster (oder eben unsichtbare Pseudo-Muster) an. Bei einem Teil der Durchgänge wurde auch ganz auf Markierungen verzichtet.

Die Tiere, bei denen eine echte oder vorgetäuschte Markierung vorgenommen worden war, hechteten bei der ersten Gelegenheit zu einem Unterwasserspiegel, der sich außerhalb der direkten Sichtweite befand. "Nicht nur, dass die markierten Tümmler schnurstracks zum Spiegel eilten und sich ausgiebig darin begutachteten", rekapitulieren die beiden Forscherinnen. "Sie posierten auch regelrecht davor und brachten die gezeichneten Körperteile so in Stellung, dass sie im Spiegel zu sehen waren." In den Fällen, in denen die Markierung unsichtbar war, checkten die Delphine nur kurz die Sachlage und zischten dann desinteressiert davon.

Der französische Biologe F. Delfour und sein US-Kollege K. Marten haben mit dem gleichen Design echte Killerwale, falsche Killerwale und kalifornische Seelöwen studiert. Echte und falsche Killerwale gehören zur selben Familie von Säugetieren (Delphinidae) wie große Tümmler, während Seelöwen Robben (Pinnipedia) sind.

Die echten und falschen Killerwale legten in der zweiten Studie das gleiche Verhalten an den Tag. Im Angesicht ihres Spiegelbildes schüttelten sie auch ostentativ ihren Kopf schnell auf und ab, öffneten den Mund, streckten die Zunge heraus oder spukten ein Stück Fisch heraus, während sie wie gebannt dem Schauspiel im Spiegel zusahen. Manchmal defilierten sie auch immer wieder Luftblasen ausstoßend an ihrer Reflexion vorbei.

Die kalifornischen Seelöwen dagegen zeigten kaum Interesse an ihrem Spiegelbild, oder sie behandelten es wie einen unbekannten Artgenossen. Die Delphine und Wale interessierten sich übrigens nur für Markierungen an ihrem eigenen Körper. Markierungen am Körper ihrer Artgenossen übergingen sie mit Gleichgültigkeit. Menschenaffen achten sehr aufmerksam auf solche Verunzierungen bei ihresgleichen. Vermutlich behandeln Delphine Markierungen an ihren Artgenossen "wie Luft", weil sie untereinander keine Körperpflege ("Lausen") betreiben.

Wenn sie auf unbekannte Artgenossen stießen, ließen die Delphine zudem aufgeregte Lautgebungen vernehmen. Bei der Begegnung mit ihrem Konterfei im Spiegel blieben sie dagegen immer stumm.

In der Vergangenheit waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, dass Menschen und Menschenaffen das Aha-Erlebnis vor dem Spiegel gemeinsam haben, weil sie stammesgeschichtlich enge Verwandte sind. "Aber nun, da wir gezeigt haben, dass sich Delphine im Spiegel erkennen, müssen wir uns darauf einstellen, dass die gleiche, seltene Fähigkeit auch durch ein andersartiges Nervensystem unterstützt wird", folgern die beiden Meeresbiologinnen. Den Delphinen fehlt der Stirnlappen, die hoch entwickelte Hirnstruktur, die bei Primaten am ehesten mit anspruchsvollen kognitiven Leistungen in Verbindung gebracht wird. Außerdem haben sich die Linien der Delphine und Primaten bereits vor 65 bis 70 Millionen Jahren voneinander getrennt.

Vielleicht wird die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis gar nicht durch eine bestimmte Hirnstruktur, sondern durch das Zusammenleben in komplexen Gruppen angestoßen, das Delphine mit Primaten gemeinsam haben. Vielleicht sagt das Schauspiel vor dem Spiegel aber auch gar nichts über Selbsterkenntnis aus, wie einige kritische Wissenschaftler monieren. Bei einer differenzierten Variante des Versuches haben nämlich sogar Schimpansen versagt. Als man ihnen einen Videomitschnitt von sich selbst vorspielte, der nur wenige Minuten alt war, blieb jedes Anzeichen von Selbsterkenntnis aus.

Wenn Schimpansen ihr eigenes Spiegelbild betrachten, stellen sie womöglich nur eine analoge Beziehung zwischen dem widergespiegelten Verhalten und ihrem eigenen fest. Schimpansen bestehen den klassischen Farbkleckstest, weil sie eine Analogie zwischen dem Schönheitsfehler im Spiegel und dem Schönheitsfehler am eigenen Körper herstellen. Doch der Affe folgert nicht "Das bin ich". Vielleicht reicht es nur zu dem Schluss "Das ist wie ich".

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