Gesundheit : Selbsthilfe für arme Schlucker

Jährlich sterben bis zu 25000 Deutsche an den Nebenwirkungen von Medikamenten. Wie kann man sich besser kundig machen?

Rosemarie Stein

Patienten und Ärzte brauchen dringend mehr und vor allem bessere Informationen über Arzneimittel, ihre richtige Anwendung, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen. Warum müssen auch die Patienten sich soweit wie möglich sachkundig machen? Zum Beispiel wegen der immer stärker spürbaren Sparzwänge.

Wenn mir der Arzt etwas auf Kosten der Kassen nicht verordnen darf, möchte ich wissen: Taugt dieses Mittel wirklich nicht viel, oder will man mir etwas Wirksames vorenthalten, weil es zu teuer ist? Und wenn mir der Apotheker nicht genau das Präparat aushändigt, das auf dem ärztlichen Rezept steht, sondern – nach der neuen gesetzlichen „Aut-idem“-Regelung – „das gleiche“, aber preiswertere Medikament, dann will ich wissen, ob es tatsächlich den identischen Wirkstoff enthält, also auch genauso gut wirkt wie das verschriebene.

Eigentlich müsste der Arzt die Patienten vor jeder Verordnung eines Medikaments genauso ausführlich über Nutzen und Risiken aufklären wie vor einer Operation. Denn auch die Medikation ist ein Eingriff, der ohne Zustimmung der informierten Patienten, rechtlich als Körperverletzung gilt. Übertrieben?

Keineswegs! Experten schätzen, dass in deutschen Krankenhäusern jedes Jahr 16 000 bis 25 000 Patienten an den Nebenwirkungen von Arzneimitteln sterben.

Ärzten fehlt es nicht selten an Informationen über das korrekte Verordnen von Medikamenten. Beispiel: Nach einer Erhebung klinischer Pharmakologen der Medizinischen Hochschule Hannover zu den 17 am häufigsten verschriebenen Arzneimitteln in sieben Abteilungen für innere Medizin, war bei 15 Prozent der Verordnungen die Dosierung so niedrig, dass die Mittel gar nicht wirken konnten – bei sieben Prozent hingegen war sie, umgekehrt, zu hoch.

An Informationen über Medikamente herrscht kein Mangel, „der allergrößte Teil“ aber ist von der Industrie manipuliert, wie zumindest Bruno Müller-Oerlinghausen in einer Studie feststellt (veröffentlicht im Kammerblatt „Berliner Ärzte“, Heft 7 / 2002 mit dem Schwerpunkt Arzneimittel-Informationen). Der klinische Pharmakologe aus Berlin ist Vorsitzender der „Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft“. Sie versuche „eine Schneise der therapeutischen Vernunft durch den Medikamenten-Dschungel zu schlagen, der durch vielfältige Interessen zu einem undurchdringlichen Gewirr von Informationen und Desinformationen geworden ist“. Diese Schneise durch den Dschungel der mehr als 40 000 in Deutschland zugelassenen Präparate ist zum Teil auch für Laien begehbar. „Arzneiverordnungen“, das Taschenbuch der Arzneimittelkommission, das demnächst schon in 20. Auflage erscheint, ist zwar vor allem für den Hausarzt bestimmt, aber von den „Therapie-Empfehlungen“ zu bestimmten Krankheiten wie zum Beispiel Schlaganfall oder Arthrose gibt es auch Fassungen für Laien.

Neben den verschiedenen Publikationen der Arzneimittelkommission gibt es einige andere von der Industrie unabhängige und daher kritische Veröffentlichungen über Medikamente. Dazu gehört das „Arzneimittelkursbuch“. Der Wälzer ist so dick wie die „Rote Liste“, die von den Pharmaverbänden herausgegeben wird und 9651 Mittel verzeichnet. Und dennoch: Genannt sind zwar auch Nebenwirkungen und Preise, aber Vergleiche verschiedener Medikamente sind nur mit Mühe möglich. Da greift man besser zum „Arzneimittelkursbuch“. Es enthält Angaben zu 14 000 Medikamenten, begründet die systematischen Bewertungen und erleichtert dem Benutzer Vergleiche der Wirksamkeit, der Verträglichkeit und der Kosten. Sehr übersichtlich – aber doch eher für Profis gedacht.

Potenziellen Patienten, die keine uninformierten „armen Schlucker“ bleiben wollen, sei hier nochmals das kritisch wertende „Handbuch Medikamente“ der Stiftung Warentest empfohlen, das auch Ärzten durchaus nützlich sein kann.

Weitere Informationen:

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft im Internet: www.akdae.de

Alle ihre bisher erschienenen Therapie-Empfehlungen sind unter dem Titel „Evidenzbasierte Therapieleitlinien“ auch als Buch erhältlich. Deutscher Ärzteverlag Köln 2002, 295 Seiten, 39,95 Euro.

Rote Liste 2002, mit CD. Editio Cantor Verlag, Aulendorf 2002. Bestellung per Fax: 075 25 / 94 01 80. 61 Euro plus Versand.

Arzneimittelkursbuch 2002/03. A.V.I. Arzneimittel-Verlags-GmbH, Berlin 2002. 2464 Seiten, 106 Euro.

Handbuch Medikamente der Stiftung Warentest. 5. Auflage Berlin 2001. 904 Seiten, 39 Euro. Bestellung per Telefon: 018 05 / 00 24 67 Bestellnummer Y 0201.

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